Kultur : Die Tragödie in uns allen

Michael Thalheimer rettet Dea Lohers „Unschuld“ am Deutschen Theater

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Schiefe Bahn. Olivia Gräser und Sven Lehmann als Ehepaar. Foto: Davids/Zillmer
Schiefe Bahn. Olivia Gräser und Sven Lehmann als Ehepaar. Foto: Davids/ZillmerFoto: DAVIDS

Zwei illegale Einwanderer schauen einer Selbstmörderin beim Ertrinken zu. Einer der beiden, Fadoul, gespielt von Peter Moltzen, findet später eine Plastiktüte mit exakt 200.089,77 Euro und verwechselt anlässlich dieses Vorfalls die Vokabeln „Gott“ und „Geld“.

Die blinde Stripperin mit dem Namen „Absolut“ (Katrin Wichmann) ist nur eine von zehn symbolschwangeren Figuren, die im weiteren Verlauf des zweistündigen Abends Fadouls Weg kreuzen werden. Des Weiteren wären da ein passionierter Leichenwäscher (Sven Lehmann), der seine Ehefrau (Olivia Gräser) nicht mehr anfasst, eine verstrahlte Philosophin (Ingo Hülsmann), die ihren Kunsthandwerker-Gatten Helmut (Jürgen Huth) umbringt, eine diabeteskranke Ex-Kommunistin mit heftigen Amok-Fantasien (Barbara Schnitzler) oder die einsame Frau Habersatt (Gabriele Heinz), die sich in fremde Straftäter-Biografien hinein borgt.

Kurz: Über dem Personal, das Dea Loher in ihrem Stück „Unschuld“ versammelt, schweben so riesenhaft wie unkonkret die ganz großen Themen: Gott, Tod, Schuld, Unschuld, Sinn. Hinter jeder Bühnenfigur lauert gleichsam eine metaphysische Behauptung, die sich dann auch in entsprechenden Sätzen Bahn bricht.

Nach Andreas Kriegenburgs Uraufführung vor acht Jahren am Thalia Theater Hamburg hat sich Michael Thalheimer das Stück jetzt am Berliner Deutschen Theater vorgenommen. Und siehe da: Der als Skeletteur klassischer Dramen bekannte Regisseur, der mit „Unschuld“ hier erstmals den Text einer deutschen Gegenwartsdramatikerin inszeniert, lagert den wabernden Überbau klug aus den Figuren aus. Wer Olaf Altmanns Bühne betritt – eine zum Horizont hin spitz zulaufende Schräge, deren oberer Teil sich drehen und das Personal gern spieluhrenartig auf die Bühne fahren lässt –, wirft überdimensionale Schatten an die Wand.

Klar: Das ist ein uralter Theatertrick, der unter berechtigtem Kunstgewerbsverdacht steht. Hier aber gelingt Thalheimer mit diesem naheliegenden Effekt etwas Wesentliches. So unaufgeregt wie möglich zeigt er auf die Fallhöhe zwischen der (griechischen) Tragödie, deren Urthemen Loher ja ins Heute holen will, und unserer in dieser Hinsicht dann doch eher ungriechischen Gegenwart. Dort, wo aller Überbau an den fünffach vergrößerten Schatten delegiert ist, dürfen die „Absoluts“ und „Habersatts“ auf der Bühne guten Gewissens auf Menschengröße schrumpfen.Und das tut ihnen gut. Souverän umschiffen Thalheimer und sein Ensemble jedwede Pathosfalle. Sie geben Lohers Ton, den man sich bei der Lektüre durchaus mit Klage-Tremolo vorstellen kann, einen wohldosierten lakonischen Dreh, der weder den Text noch die Figuren denunziert.

Bei der einen oder anderen Thalheimer-Inszenierung konnte einen zuletzt ja durchaus der Verdacht einer sich verselbstständigenden Form beschleichen. Diesmal aber wird hinter dem typischen Thalheimer-Setting zu Bert Wredes Musik – Paare, die in maximaler Bühnen-Entfernung voneinander über Berührungen reden, weit ausgestreckte Hände, die programmatisch ins Leere greifen – tatsächlich wieder eine sehr genaue Textarbeit spürbar. Bei aller Entschiedenheit seines Zugriffs lässt Thalheimer den Akteuren auffallend viel Raum, auf je eigene Art ihre Figuren zu erfinden. Und den wissen die Schauspieler zu nutzen.

Katrin Wichmann schält die symbolbeladene blinde Stripperin grandios aus sämtlichen Überspannungen heraus und verankert sie mit einem trockenen Lachen auf dem Boden der Tatsachen. Barbara Schnitzler feuert als fußamputierte Ex-Kommunistin ihre Amokläufer-Fantasien so treffsicher ab, dass man zumindest für diesen Abend glaubt, Tankstellen könnten bereits durch pure Wortgewalt explodieren. Sven Lehmann balanciert als Leichenwäscher traumwandlerisch zwischen dem Ehetragödien-Realo und dem selbst bereits ins Zombie-Stadium entrückten Freak. Kathleen Morgeneyer schleudert aus der komplett unterspannten Körperhaltung einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, urplötzlich eine Hasstirade auf ihren Ehemann (Michael Gerber) heraus, deren Messerschärfe einen aus dem Sitz fahren lässt.

Ingo Hülsmann gelingt das Kunststück, die Philosophin Ella gleichzeitig mit überdeutlichem Wirkungsbewusstsein auszustatten und dennoch souverän an sämtlichen Klischeefettnäpfen vorbei zu navigieren. Andreas Döhlers leiser Einwanderer Elisio besticht noch in den introvertiertesten Momenten mit seiner punktgenauen, unaufdringlichen Präsenz. Und auch die Rollen-Auffassung Peter Moltzens, der seinen gewichtigen Fadoul bewusst überzeichnet, passt sich durchaus in Thalheimers Konzeption ein.

Das Schauspiel also erreicht an diesem Abend durchaus griechentragödienkompatibles Niveau: Man bekommt Lust auf antike Fallhöhen und erwartet den nächsten Aischylos oder Euripides à la Thalheimer mit Vorfreude.

Wieder am 7. und 9. Oktober.

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