Kultur : Die Überlebenskünstlerin

Morbide Puppenspiele: Mathilde ter Heijne spielt mit einem Dummy immer wieder ihren eigenen Tod durch

Nicola Kuhn

Was hat sie nicht schon alles durchgemacht: sich zu Tode gehungert, von der Brücke gestürzt, sich selbst erschossen, in die Luft gejagt und dann den Flammen übergeben. Eine Karriere als Selbstmörderin. Und dann steht sie leibhaftig vor einem, Auftritt Mathilde ter Heijne persönlich, und lotst den Besucher durch ein verwinkeltes Treppenhaus in ihr Atelier. Dort kocht sie erst einmal Tee, schwärmt vom Ausblick auf die Hinterhöfe der Schönhauser Allee und der Nähe zur Kita ihrer Tochter. Trotzdem drängt sich ein Gedanke immer dazwischen: Wie kommt es nur, dass diese lebenslustige Künstlerin sich in ihren Arbeiten permanent selbst umbringt?

Solch prüfende Blicke dürfte die junge Holländerin – seit einem Stipendium vor sieben Jahren im Künstlerhaus Bethanien hat sie ihren Wohnsitz von Amsterdam nach Berlin verlegt – öfter auf sich spüren. Bei jeder ersten Begegnung steht die Frage im Raum: Ist sie wirklich suizidgefährdet? Lachend schüttelt die 36-Jährige den Kopf. Nein, Selbstmordgelüste kennt sie nicht. Die mit Hilfe von Pyrotechnikern und Sprengstoffexperten inszenierten Selbstverbrennungen, Brückenstürze, Selbstmordattentate sind bei ihr künstlerische Strategie. Und mit einem Egotrip hat die Zurschaustellung der eigenen Person in Form einer lebensgroßen Puppe, an der all diese Aktionen durchgespielt werden, auch nichts zu tun, stellt sie sogleich richtig.

Trotzdem ist es der gebürtigen Straßburgerin damit gelungen, zu einer festen Größe im Kunstbetrieb aufzusteigen. Sie ist bei der Berliner Erfolgsgalerie Arndt & Partner unter Vertrag, im vergangenen Jahr hat sie ein P.S.1-Stipendium in New York absolviert. Der neueste Coup: die Ausstellung „Woman to go“ in der Berlinischen Galerie, in der es um Frauenbilder des 19. Jahrhunderts geht, die ter Heijne mit einer Postkarteninstallation trickreich dekonstruiert. Nur einen Tag nach Eröffnung muss sie weiter nach Los Angeles, zur nächsten Schau. Natürlich mit Mathilde im Gepäck, Mathilde, ihrer Puppe.

Im Moment sitzt Mathilde allerdings noch im Atelier, geduldig wartend auf einem Stuhl. Ter Heijne muss erst den Einschaltknopf drücken, dann beginnt die Puppe „Ne me quitte pas“ zu summen zur Musik, die aus einem auf dem Boden stehenden Radio erklingt. Im Atelier kann das natürlich nicht funktionieren mit der Illusion, zumal wenn sich die richtige Mathilde ungeduldig am Hinterkopf ihres Alter Ego zu schaffen macht, weil der eingebaute CD-Player nicht reagiert. Aber als die Installation in der Galerie Arndt & Partner erstmals zu sehen war, haben sich die Besucher regelmäßig erschreckt, sobald sie merkten, dass ein Double im Ausstellungsraum sitzt.

Die Idee zur doppelten Mathilde kam ter Heijne vor sechs Jahren. Damals fiel ihr zum ersten Mal die merkwürdige Koinzidenz auf, dass sich gleich in mehreren Filmen die weibliche Hauptfigur – immer mit dem Namen Mathilde – wegen einer unglücklichen Liebe das Leben nahm: in Truffauts „Die Frau nebenan“, Jean-Claude Brisseaus „Weiße Hochzeit“ und Patrice Lecomtes „Der Mann der Friseuse“. In bester Freud’scher Manier beschloss die Künstlerin daraufhin, die letzten Minuten der Film-Mathildes noch einmal nachzuspielen und damit die Wahnidee zu exorzieren. Das Ergebnis fiel anders aus als ursprünglich geplant: Statt eines Remake zeigt der mit einer professionellen Crew gedrehte Film den mühevollen Versuch der Künstlerin, ein Special-Effect-Dummy, das wie sie einen hellbraunen Regenmantel trägt, von einer Brücke zu werfen – die Geburtsstunde der Kunstfigur Mathilde.

„Für mich war das in dem Moment nur eine triefend nasse Puppe, eine Skulptur, die ich irgendwie über das Geländer hieven musste“, erinnert sich ter Heijne eher amüsiert. „Aber im Nachhinein sehe ich das Schizophrene der Situation, diese Schwelle zwischen Leben und Tod. Und das ist ganz schön gruselig.“ Traumwandlerisch hatte ter Heijne eine Methode gefunden, die Themen Künstleridentität, Frauenbild und Porträtkunst anschaulich zu machen. Abgespalten von ihrer eigenen Person, wurde die Kunstfigur zu einem Gefäß für allgemein gültige Aussagen. Und da hat die handfeste Holländerin einen durchaus feministischen Ansatz: „Woher kommt es denn, dass die Frauen zur Selbstaufopferung neigen?“, will sie wissen.

Ein Dreivierteljahr vor dem 11. September entstand die Arbeit „suicide bomb“, ebenfalls ein Video. Die reale Mathilde steht in einem Park an eine Mauer gelehnt und zupft nervös an ihrem Mantel. In der nächsten Einstellung lehnt an der gleichen Stelle ihr Alter Ego, das wenig später eine professionell im Puppenkörper platzierte Bombe zerfetzt. „Und weg ist sie,“ kommentiert die Künstlerin lakonisch die Explosion beim Abspielen des Films. Feministinnen würden die Haare zu Berge stehen bei einer solch affirmativen Darstellung patriarchalischer Strukturen.

Glücklich dürften sie auch mit der neuesten Arbeit Mathilde ter Heijnes nicht sein, die gerade in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. „Woman to go“, Frau zum Mitnehmen, heißt ihre Installation, bestehend aus Postkarten auf fahrbaren Ständern. Abgebildet sind 320 anonyme Frauenporträts aus dem 19. Jahrhundert, auf der Rückseite jeweils mit der Biografie einer anderen, ebenfalls in Vergessenheit geratenen Frau versehen. Von wegen ehrendes Angedenken, nachgeholte Aufklärung: Bild und Text klaffen zu weit auseinander, um die Dargestellten zu rehabilitieren. Außerdem dürfen die Postkarten wie bei Kneipenständern von den Besuchern mitgenommen werden, womit sie sich erneut in alle Winde verstreuen.

Mathilde ter Heijne macht es mit den Doppelungen und anschließenden Selbstdemontagen, den trickreichen Brechungen und ironischen Wendungen ihrem Publikum nicht gerade leicht. Am Ende aber steht ein starkes Künstlerinnenbild, das auch den ärgsten Feind, den Selbstzweifel, auf diese Weise ebenfalls geschickt hintertreibt.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, bis 19. Juli, täglich 10 – 18 Uhr. Künstlergespräch am 27. Mai, 16 Uhr, mit Thomas Eller.

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