Kultur : Die Unbeirrbare

02.03.2011 16:25 UhrVon Kerstin Decker
Trägt allzeit etwas Festes, Klares in sich. Jutta Hoffmann. Foto: Jens Kalaene, dpa Foto: picture-alliance / dpa
Trägt allzeit etwas Festes, Klares in sich. Jutta Hoffmann. Foto: Jens Kalaene, dpa - Foto: picture-alliance / dpa

Sie gab der DEFA schwindelerregende Leichtigkeit: Der Schauspielerin Jutta Hoffmann zum 70.

Man kann nicht auf allen Gesichtern alles eintragen. Auf dem ihren schon. Sie war gewissermaßen die unbeschriftete Frau. Sie hatte nicht die selbstverständliche, strahlende Schönheit einer Angelica Domröse, ihr Gesicht konnte beinahe unscheinbar wirken. Umso größer jedes Mal das Wunder, wenn etwas in ihm erwachte.

Wahrscheinlich hat das die Regisseure fasziniert, von Herrmann Zschoche, ihrem ersten Mann, für den sie „Karla“ war – die junge Lehrerin auf neuen Wegen in dem 1965 verbotenen Film – bis zu Frank Beyer, mit dem sie „Das Versteck“ oder „Geschlossene Gesellschaft“ drehte. Das war dann schon DDR-Endzeit-Kino.

Alle Beteiligten, der Regisseur selbst, Manfred Krug, Armin Mueller-Stahl und sie hatten den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung unterschrieben.

Viele hatten sie umzustimmen versucht. Diese ätherisch-schmale Frau, die jeder Windstoß forttragen konnte, musste doch zu überreden sein, aber sie sagte nur: nein. Eine große Unbeirrbarkeit, etwas ganz Festes, Klares trug sie allzeit in sich. Wer die Frauen, die sie spielte, nur genau genug ansah, konnte das wissen.

Jutta Hoffmann hatte ein Glück, das nicht jeder Schauspielerin zuteil wird: im richtigen Augenblick dem richtigen Regisseur zu begegnen. Vielleicht trieben sie sich gegenseitig in diese Leichtigkeit, erreichte Egon Günther an ihr und sie an ihm jene schwindelerregende Schwerelosigkeit, in der sich so kein DEFA-Film vor ihm aufhielt. Dabei ging es in „Der Dritte“ um das Erdenschwerste überhaupt: Wie findet eine Frau, Mathematikerin, mit zwei Kindern von zwei falschen Männern den dritten, den endlich richtigen?

Günther und Hoffmann führten den Nachweis, dass das Infinitesimale, die Hochauflösung der Dinge in allerkleinste Einheiten, kein Hoheitsgebiet der Mathematik ist. In Venedig bekam sie 1972 für „Der Dritte“ den Preis als beste Schauspielerin. Davor war die Hallenser Arbeitertochter bei Günther die „Junge Frau von 1914“ (nach Arnold Zweigs Roman) gewesen, bis sie in „Lotte in Weimar“ bewies, wie wunderbar komisch sie sein konnte: Adele Schopenhauer, genannt „Adelmuse“ – was für eine Junghysterikerin in Erwartung einer allerältesten Liebe.

Als „Fräulein Julie“ war sie einst, das Messer im Mund, über die Stuhlreihen des Berliner Ensembles geklettert, Atemstillstände des Publikums auslösend. Später stand sie als Rosa Luxemburg in Einar Schleefs Stück „Verratenem Volk“ auf der Bühne. Ob Rosa Luxemburg oder die resolute Ost-Schwägerin des misanthropischen Westberliner Frührentners Motzki in der gleichnamigen Serie – bei einer Infinitesimale-Darstellerin ist die Differenz graduell. Heute wird Jutta Hoffmann siebzig Jahre alt. Kerstin Decker

Das Filmmuseum Potsdam zeigt vom 11. März bis 13. Juni die Foyerausstellung „Jutta Hoffmann – Schauspielerin“.

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