Die Zukunft des Flughafen Tempelhofs : Wowis Resterampe

Der Flughafen Tempelhof ist ein epochales historisches Erbe - doch ein Gesamtkonzept für das Bauwerk gibt es nicht.

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Eine luftfahrtaffine Nutzung wäre ideal. Luftaufnahme des Flughafen Tempelhofs in der großen Halle.
Eine luftfahrtaffine Nutzung wäre ideal. Luftaufnahme des Flughafen Tempelhofs in der großen Halle.Foto: imago/Kraft

Die Weiterentwicklung der Stadt darf nichts mehr kosten. Bezahlbarer Wohnraum wird gebraucht, doch nur der frei finanzierte Wohnungsbau boomt. Schulen werden abgewirtschaftet, weil hunderte Millionen Euro in gigantischen Bauprojekten verschwinden: die Staatsoper, die U5, die S 21, vor allem der Flughafen BER. Doch fehlende Gestaltungsspielräume verengen den Blick und gefährden Aufgaben von historischer Dimension.

Zudem fehlt der Berliner Kirchturmpolitik das Bewusstsein für die jüngere Geschichte. Mit dem ICC, einer in aller Welt bekannten Ikone, hat das Berliner Kongresswesen internationales Spitzenniveau erreicht. Doch nun sieht der Senat tatenlos zu, wie die Messegesellschaft auszieht und die Türen zusperrt. München saniert das Kulturzentrum Gasteig, Bonn die Beethovenhalle, Dresden den Kulturpalast, Köln seine Oper, allesamt Nachkriegsbauten, die mit erheblichem Aufwand (und nicht unumstritten) rekonstruiert werden, weil sie Wahrzeichen und Bedeutungsträger ihrer Stadt sind.

Auch beim Flughafen Tempelhof scheint der Berliner Senat nicht zu wissen, welches epochale historische Erbe ihm damit zugefallen ist. Genauer gesagt, nicht zugefallen, sondern er hat es zum Großteil vom Bund erworben – und zeigt sich nun damit heillos überfordert.

Heutzutage finden auf dem Flughafen Tempelhof vor allem Events statt

„Die Mutter aller Flughäfen“ hat Norman Foster Tempelhof genannt. Als der passionierte Flieger und Erbauer von Metropolenflughäfen wie London-Stansted, Hongkong und Peking im März 1989 nach Berlin kam, um den Großen Kunstpreis entgegenzunehmen, war ihm der Weg wichtiger als das Ziel. Als alliierter Pilot durfte Foster mit seinem privaten Twin Jet in Tempelhof landen. Für Lord Foster ist Tempelhof ein Mythos. Ein Ort mit 130-Jähriger Luftfahrttradition, beginnend mit den preußischen Ballonaufklärern, mit Luftschiffbetrieb, mit den Schauflügen Orville Wrights im Jahr 1909, mit dem ersten richtigen Zivilflughafen ab 1923. Ein Ort, der 1926 die Gründung der Lufthansa erlebte und der 1929 schon 42 000 Passagiere abfertigte. Und an dem von 1935 bis 1940 auf Befehl Hitlers der größte, modernste und fortschrittlichste Flughafen der Welt entstand, Vorbild für viele Airports in aller Welt. Und zuletzt ein Ort, der den Kalten Krieg und die Luftbrücke verkörperte, Brückenkopf der Verbindung zwischen West-Berlin und der die Halbstadt schützenden und versorgenden westlichen Welt, symbolisiert durch das Luftbrückendenkmal.

Dieser Brennpunkt der deutschen, der Luftfahrt- und der Architekturgeschichte ist nun Schauplatz von Modemessen wie „Bread & Butter“, von Autopräsentationen, Rave-Festivals und Ärzte-Konzerten. Hier, auf der „Marathonmesse Berlin Vital“, holt man sich die Startnummer für den Volksmarathon ab.

Es gibt die Tempelhof Projekt GmbH, die die Kirmes organisiert und die Hallen für die jeweiligen Events vermarktet. Und die versucht, die 300 000 große Quadratmeter Fläche des lange Zeit größten Gebäudes der Welt zu vermieten. „Ankermieter“ ist der Polizeipräsident auf 15 Prozent der Fläche. Zu den rund hundert weiteren Mietern zählen so wohlklingende Institutionen wie die Verkehrslenkung Berlin, das Zentrale Fundbüro, der Kindergarten Buddelkiste e.V. oder die Tanzschule Traumtänzer. Doch, man habe ein Konzept, man vermiete nicht an jeden, versichert die Projektgesellschaft. Es gehe um Kommunikation, um Bildung. Die Mietinteressenten müssten „passgenau sein“.

Eine Vision für Tempelhof sieht anders aus. Die landeseigene Projekt GmbH werkelt brav vor sich hin, aber sie hat keinen politischen Auftrag. So versucht sie, die Bude voll zu kriegen, um die Kosten für die Landeskasse zu mindern. Und sie bemüht sich redlich, die Flughafengebäude nach und nach zu sanieren. Die Rede ist von einem Instandsetzungs- und Modernisierungsbedarf von 194 Millionen Euro. Die vollständige Sanierung soll 478 Millionen kosten. Das kann dauern.

Einfachere Handlungsmöglichkeiten sieht die Projektgesellschaft beim Tempelhofer Feld. Wohnungsbau findet immer Beifall, aber auch nur fast immer, weshalb die geplante Randbebauung jetzt zur Volksabstimmung ansteht.

Von viel größerer Tragweite ist allerdings die Frage, ob die Randbebauung eine wirklich tragfähige, zukunftsträchtige Perspektive fördert oder verbaut. Diese Perspektive kann nach Lage der Dinge nur eine luftfahrtaffine Nutzung sein. Bausenatorin Junge-Reyer sprach im März 2008 von „langfristig angelegten Plänen, einen ,Themenpark Luftfahrt’ im Gebäude und auf dem Areal einzurichten“. Die Idee war nicht neu. Der Verein Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz BBAA e.V. verfolgt schon länger das Ziel, ein solches Zentrum zu begründen. Zu den Mitgliedern zählen Lufthansa, Rolls Royce, MTU, Bombardier, viele mittelständische Unternehmen der Region sowie einschlägige Hochschul- und Fraunhoferinstitute.

Die luftfahrtaffine Nutzung Tempelhofs wäre eine Vision

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Luft- und Raumfahrt sollen thematisiert, Wissenschaft und Forschung mit Repräsentanzen und Schaufenstern der Industrie und einer Erlebniswelt des Fliegens verbunden werden. Populärer Grundstock soll ein Luftfahrtmuseum sein, in dem das Technikmuseum endlich seine im Depot schlummernden Flugzeuge zeigen sowie eine gläserne Werkstatt zur Restaurierung historischen Fluggeräts betreiben kann. Tempelhof als Fokus des Kalten Kriegs und der Luftbrücke wird Hintergrund für das Alliiertenmuseum sein, dessen Einzug in den südlichsten Hangar für 2017 schon fest eingeplant ist. Die logische Ergänzung wäre das Luftwaffenmuseum, das in Gatow ein teures Schattendasein mit erbärmlichen Besucherzahlen fristet. Es kann anschaulich die Zeit des Kalten Kriegs illustrieren, besitzt es doch die weltweit vollständigste Sammlung von Flugzeugen der Nato und des Warschauer Pakts. 60 wertvolle Maschinen stehen in Gatow ungeschützt der Witterung ausgesetzt. In Tempelhof wären die Hangars dafür bereit.

Hin und wieder könnten in Tempelhof auch Messen und Flugtage stattfinden. Die Landebahn für gelegentlichen Flugbetrieb mit Sondergenehmigung existiert noch. Nur darf man die Hindernisfreiheit der Landebahn nicht ohne Not zubauen. Wenn partout eine Landesbibliothek und Büros gebaut werden müssen, dann doch bitte nicht unmittelbar neben die Piste, sondern 200 Meter abseits.

Es gab in den letzten Jahren viele Ideen, Initiativen und Interessenten für ein schlüssiges Gesamtkonzept eines Luftfahrtzentrums Tempelhof. Doch sie sind beim Senat und vor allem beim Regierenden Bürgermeister auf taube Ohren und hinhaltenden Widerstand gestoßen. Die luftfahrtaffine Nutzung Tempelhofs wäre eine Vision, ein weltweit beachtetes Schaufenster Berlins und der Brandenburgischen Industrie, der Stadt- und Zeitgeschichte. Und nicht eine aus Mangel an politischem Gestaltungswillen halbherzig zusammengestoppelte Resterampe.

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