Kultur : Die Zukunft des Konflikts: Der grenzenlose Krieg

Herfried Münkler

Fast unbemerkt hat sich das Kriegsgeschehen in den letzten drei Jahrzehnten tiefgreifend verändert. Dazu einige Zahlen: Von den weltweit geführten Kriegen des Jahres 1999 gelten nur neun Prozent als Staatenkriege im klassischen Sinn, 41 Prozent als so genannte Antiregimekriege und 32 Prozent als Autonomie- beziehungsweise Sezessionskriege. Der Trend ist eindeutig: Die Kriege zwischen Staaten nehmen ab, Bürgerkriege zu. Der Staat ist nicht mehr der selbstverständliche Monopolist des Krieges, als der er vor allem im 18. und 19. Jahrhundert aufgetreten ist. Dem entspricht auch eine dramatische Veränderung der Kriegsopfer: Bei den klassischen Staatenkriegen, zu denen auch noch der Erste Weltkrieg gezählt werden kann, handelte es sich um etwa 90 Prozent Kombattanten und 10 Prozent Zivilisten. Nun hat sich diese Relation in ihr Gegenteil verkehrt: Etwa 80 Prozent der in den jüngsten Kriegen Getöteten waren Zivilisten.

Dass dieser Trend für uns Europäer erst in jüngster Zeit deutlich erkennbar wird, hat auch damit zu tun, dass die Diskussionen über Nuklearwaffen und deren Abrüstung den Blick darauf verstellte. Daneben dürfte seit dem Vietnamkrieg auch eine gewisse Romantisierung der Partisanen, die sich gegen waffentechnologisch weit überlegene Mächte behaupten, eine Rolle gespielt haben. Und schließlich wurde die Entstaatlichung des Krieges nicht wahrgenommen, weil der Krieg als Durchgangsstadium zu einer neuen Staatenbildung im Prozess der Entkolonialisierung begriffen wurde. Das war auf den ersten Blick auch richtig. Immer neue Staaten haben in den 50ern und 60ern ihren Platz in der UN-Vollversammlung eingenommen. Aber vielen dieser neuen Staaten ist es nicht gelungen, die Verfügung über Krieg und Frieden so zu erlangen wie die europäischen Staaten im 17. Jahrhundert. So ist der Bürgerkrieg in vielen dieser aus dem Zerfall der großen Kolonialreiche hervorgegangenen Staaten endemisch geworden. Der Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens und die Erosion subsaharischer Staaten Afrikas sind jüngere Beispiele für diese Entwicklung. Entscheidend für die Wahrnehmungsveränderung war aber sicherlich der Krieg in Bosnien. Er zeigte uns, dass die Entstaatlichung des Krieges nicht auf die so genannte Dritte Welt beschränkt ist.

Die Privatisierung des Krieges

Krieg wird zunehmend zwischen sozial, ethnisch oder religiös definierten Bevölkerungsteilen, zwischen Partisanen oder Banden ausgetragen. Regionale Kriegsherrn und internationale Söldnerfirmen spielen dabei die entscheidende Rolle. Wir sind Zeitgenossen einer umfassenden Privatisierung des Krieges, der sich aus einem Instrument politischer Interessen- und Willensdurchsetzung in eine Form privatwirtschaftlich organisierter Einkommenserzielung und Vermögensakkumulation verwandelt hat und dabei mit der international organisierten Kriminalität, dem Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, eine enge Verbindung eingegangen ist.

Drei Entwicklungen sind im Rahmen dieser Privatisierung des Krieges zu beobachten: Die Zahl der Söldner wächst, teils sind es Glücksritter, die schnell viel Geld verdienen wollen oder nichts anderes können; teils stehen sie in staatlichem Auftrag. Diese staatlich rekrutierten Söldner dienen dazu, den politischen Druck zu reduzieren, der für eine Regierung aus einem Krieg erwächst. Denn verwundete oder getötete Söldner entstammen nicht dem Elektorat, dem gegenüber die jeweilige Regierung sich zur Wahl stellen muss. Die Beteiligung von Söldnern an Kriegen wird voraussichtlich weiter wachsen. Dem staatlich kontrollierten Typ stehen private Söldnerfirmen gegenüber, die im Auftrag großer Unternehmen agieren, für die sie gewaltsam deren Interessen störende Gruppen ausschalten.

Hinzu kommt die wachsende Bedeutung so genannter Warlords, die ihre Oberhoheit in einem Gebiet durch Krieg aufrechterhalten und ihre Anhängerschaft unmittelbar aus dem Krieg finanzieren. Dabei treten sie mitunter als Steuereinnehmer an die Stelle des zerfallenen Staates, ohne dass es vermittelst dieser Warlords zu einer neuen stabilen Staatsbildung kommt. Warlords sind Protagonisten und Profiteure der Entstaatlichung des Krieges. Anders als Regierungen von Staaten haben sie kein vitales Interesse an der Beendigung des Krieges. Im Gegenteil: Sie sind daran interessiert, den Krieg fortschwelen zu lassen, da ihre Macht und ihre Einkünfte daran hängen.

Die dem Schwedenkönig Gustav Adolf zugeschriebene Wendung, wonach der Krieg den Krieg ernähren müsse, ist mit der Rückkehr der Warlords wieder aktuell. Sie sind die modernen Nachfahren jener Condottieri des 15. und 16. Jahrhunderts, die aus dem Krieg ein Geschäft, für ihre Gefolgschaft einen Lebensunterhalt und für sich selbst ein Karrieresprungbrett gemacht haben. Albrecht von Wallenstein ist in Europa der letzte große Repräsentant dieser Condottieri gewesen, deren Treiben mit dem Westfälischen Frieden und der folgenden Konsolidierung von Staatlichkeit ein Ende gemacht wurde. Mit dem Niedergang des Territorialstaats beziehungsweise dem Scheitern seiner Durchsetzung in großen Teilen Asiens, Afrikas und auch Lateinamerikas sind sie als Warlords auf die politisch-militärische Bühne zurückgekehrt.

Schließlich ist da die vor allem in Bürgerkriegen zu beobachtende rapide Vermehrung von Kindersoldaten (Schätzungen der UN sprechen weltweit von 200 000 bis 300 000 Kindersoldaten), deren geringes Risikobewusstsein gepaart mit Folgebereitschaft sie zum gefügigen Terrorinstrument machen. Kindersoldaten, die zumeist in Hunger- und Elendsgebieten rekrutiert werden, kosten wenig. Sie sind nicht zuletzt eine Folge waffentechnischer Entwicklungen, die Schnellfeuerwaffen mitsamt Munition immer leichter gemacht haben. Inzwischen können sie auch von Zehnjährigen ohne lange Ertüchtigungs- und Ausbildungsphasen effektiv gehandhabt werden. Ryszard Kapuscinski schreibt, seine langjährigen Aufenthalte in Afrika resümierend, dazu: "Sie bekommen Waffen und erhalten bald ihre Feuertaufe. Ihre älteren Kollegen (im Übrigen ebenfalls Kinder!) liegen gern auf der faulen Haut, und wenn es zum Kampf mit dem Gegner kommt, schicken sie die Kleinen an die Front, ins Feuer. Diese bewaffneten Konfrontationen der Kinderscharen verlaufen in der Regel erbittert und blutig, denn Kinder besitzen keinen Selbsterhaltungstrieb, sie spüren und begreifen nicht die Todesgefahr, kennen die Furcht nicht, die erst das Erwachsensein mit sich bringt." Was bei Erwachsenen erst durch eine lange militärische Ausbildung gesichert werden muss, nämlich die Bereitschaft und Fähigkeit, Gefahren standzuhalten und nicht zu fliehen, ist bei Kindern quasi natürlich vorhanden. Das macht sie für die Verwendung in den neuen Kriegen so attraktiv.

Im 20. Jahrhundert ist der Krieg der Kontrolle des Staates mehr und mehr entglitten. Ursächlich hierfür war unter anderem die grenzenlose Mobilisierung aller Ressourcen für die Zwecke der Kriegführung. So näherte sich der verstaatlichte dem totalen Krieg. Um die Jahrhundertwende haben viele Kriegstheoretiker auf diese Entwicklung, die eine Folge der industriellen Revolution und der nationalen Integration der Staaten im Innern war, hingewiesen. Auch die Generalstäbe beider Seiten haben im Ersten Weltkrieg einen langwierigen Abnutzungskrieg gefürchtet, weil in ihm nicht das Militär, sondern die Industriepotenziale den Ausschlag geben würden. Stattdessen haben sie die schnelle Entscheidung auf dem Schlachtfeld gesucht. Dies ist bekanntlich gescheitert. Entschieden wurde der Krieg am Schluss durch die noch verfügbaren Ressourcen - der Durchhaltewillen der Bevölkerung eingeschlossen.

Alle Regierungen waren sich nach 1918 darüber im Klaren, dass ein solcher Krieg kein zweites Mal geführt werden könne, weil weder Armee noch Bevölkerung solche Lasten noch einmal tragen würden. Wie aber ließ sich dann mit einer regulären Armee überhaupt noch ein Krieg führen? Militärs entwickelten darauf drei Antworten: den Blitzkrieg, die Maginotdoktrin und den strategische Luftkrieg.

Das Blitzkriegskonzept setzte auf die Stärkung der Offensivkraft des Heeres. Der Krieg sollte wieder auf dem Schlachtfeld entschieden werden. Motorisierte, aus der Luft unterstützte Einheiten mit großer Feuerkraft sollten danach die gegnerische Front durchbrechen, die feindlichen Kräfte umfassen und von ihrem Nachschub abschneiden. Die Abnutzungsschlacht wurde durch die Kesselschlacht ersetzt. Die deutsche Wehrmacht, danach die israelische Armee im Sechstagekrieg und schließlich die von den USA geführten Alliierten im Golfkrieg haben diese Strategie relativ erfolgreich praktiziert - freilich unter Bedingungen, die kaum verallgemeinerbar waren, und oft ohne die politischen Ziele zu erreichen.

Die Blitzkriegskonzeption hatte die Drohung des Ermattungskrieges durch Stärkung der Offensivkräfte beantwortet - die Maginotdoktrin setzte auf das Gegenteil, auf die Stärkung der Defensive. Diese vom französischen Kriegsminister Andre Maginot durchgesetzte Konzeption wurde als gewaltiger Festungsgürtel umgesetzt, in dem durch Stahl- und Betonmassen geschützte Truppen bei minimalen eigenen Verlusten jedem Angreifer erfolgreich Widerstand leisten sollten. Die Maginotdoktrin setzt auf die Idee der Unverwundbarkeit und hat in zahlreiche Defensivkonzeptionen Eingang gefunden: vom Atlantikwall der Wehrmacht bis zu den jüngsten NMD-Plänen, die die USA gegen Raketenangriffe unverwundbar machen sollen.

Die dritte politisch-militärische Konsequenz aus dem Ersten Weltkrieg ist die Konzeption des strategischen Luftkriegs, die Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs entwickelte. So sollten die wirtschaftlichen Zentren des Gegners und die Moral der Zivilbevölkerung getroffen werden. Damit aber wurde das im Gefolge der Verstaatlichung des Krieges erreichte Niveau der Separierung von Kombattanten und Nonkombattanten aufgegeben. Der Krieg richtete sich gezielt gegen Zivilisten.

Die wechselweise Geiselnahme der Zivilbevölkerung im nuklearen Patt im Kalten Krieg folgte dieser Strategie ebenso wie die Nato-Angriffe gegen Elektrizitätswerke und Fernsehsender während der Kosovo-Intervention. Man kann vielleicht sagen, dass der strategische Luftkrieg vorzugsweise von westlichen Demokratien gewählt wird. Erstens sind sie technologisch-ökonomisch dazu in der Lage, zweitens können so eigene Verluste stark minimiert werden, wodurch die Entscheidung zur militärischen Intervention weniger unter Legitimationsdruck gerät. Wenn man dabei obendrein noch den Anschein erwecken kann, auch die Verluste beim Gegner beschränkten sich auf das Militär und erfassten nicht die Zivilbevölkerung, weil mit chirurgisch sauberen Attacken dessen Blut- und Nervenbahnen durchtrennt und er so gelähmt werde, dann begegnet man dem Ideal einer auf strategische Luftschläge setzenden Interventionskonzeption.

So also ist es um die Kriegführungsfähigkeit demokratischer Staaten bestellt: Die Konzeption des Blitzkriegs spielt so gut wie keine Rolle mehr, die Maginotdoktrin beschäftigt eher die Fantasien von Hightech-Rüstungsproduzenten und postmodernen Kriegstheoretikern, so konzentriert sich fast alles auf die Luftschläge. Doch nicht zuletzt im Kosovo sind die Grenzen deutlich geworden. Wenn die westlichen Demokratien nur noch mittels Luftwaffe interventionsfähig sind, sind sie kaum in der Lage, in den oben skizzierten neuen Kriegen eine entscheidende Rolle zu spielen.

Die Konzentration auf die Entwicklung des Staatenkrieges in Europa hat den Blick auf die Fortexistenz des nichtstaatlichen Krieges andernorts verstellt. Von den Staaten nämlich sind die Reiche zu unterscheiden. Staaten haben harte Grenzen, die deutlich markiert sind und nicht so ohne weiteres überschritten werden können. Wo Staaten aneinander grenzen, ist die Respektierung der Grenze die Entscheidung über Krieg und Frieden. Reiche hingegen haben (wenigstens in einigen ihrer Regionen) eher weiche Grenzen, die nicht eindeutig markiert sind, und hier verrinnt die Geltung von Gesetzen und Anordnungen in der Weite des Raumes, der Unwirtlichkeit des Gebietes, der Unzugänglichkeit der Gebirge usw.

Wo der Frieden beginnt

An diesen weichen Grenzen ist der nicht verstaatlichte Krieg endemisch geblieben, teilweise bis heute. Das war so an der südöstlichen Grenze der alten Donaumonarchie, an den Grenzen des Osmanischen Reiches, an der kaukasischen Grenze des Zarenreichs, und natürlich an den Begrenzungen der europäischen Kolonialreiche in Afrika und Asien. Ähnlich war dies auch an der Westgrenze der USA. Hier kam es zu keiner klaren Trennung von Krieg und Frieden, und so galt hier auch das Kriegsrecht, wie es sich in Europa nach 1648 ausgebildet hat, allenfalls eingeschränkt.

Zugleich hatten hier die großen Reiche auf die (teure) Regulierung des Kriegswesens verzichtet und stattdessen kriegerische Völkerschaften, wie die Kosaken, verbündete Indianerstämme usw. in Dienst genommen, um die Grenzregionen zu sichern. Wie im Dreißigjährigen Krieg wurde der Konflikt eher nach der Art von Partisanen geführt, wodurch es immer wieder zu Massakern und Vergewaltigungen kam. Weil sie vom Kriegführen lebten, hatten die Konfliktparteien auch kein Interesse an seiner Beendigung. Das Gleiche gilt heute für viele Konflikte, in Schwarzafrika und anderswo.

Man kann diese Entwicklung entdramatisieren, indem man diese Bürgerkriege in Analogie zu den Konfessionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts in Europa als Durchgangsszenarien zu einer stabilen Staatlichkeit begreift und dies mit der Erwartung verbindet, dass die parallele Durchsetzung kapitalistischer Vergesellschaftungsformen auch in diesen Regionen zu deren allmählichen Pazifizierung führen werde.

Die Gegenthese lautet: Der Bürgerkrieg frisst sich immer tiefer in die Gesellschaften hinein, bis er schließlich zur alles bestimmenden Lebensform geworden ist. Die Politik verliert ihren Einfluss auf den Krieg, er ist nicht mehr deren Instrument, sondern die Lebensform der an ihm Beteiligten.

Die wohl wichtigste Veränderung gegenüber den herkömmlichen Formen des Krieges stellt die Finanzierung des privatisierten Krieges dar. Im Unterschied zum Staatenkrieg, aber auch zu früheren Formen des Bürgerkriegs finanziert er sich nur noch zu einem Teil aus den Ressourcen des Kriegsgebiets; stattdessen entwickelt er eine neuartige, teilweise weltweit vernetzte Bürgerkriegsökonomie. Eine wichtige Rolle spielt der Handel mit illegalen Gütern, wie Rauschgift, Gold, Diamanten und inzwischen auch Menschen, insbesondere jungen Frauen, die zur Prostitution gezwungen und deren Einnahmen zur Finanzierung des Bürgerkrieges abgeschöpft werden. Man schätzt, dass allein in der EU zwischen 250 000 und 500 000 ausländische Frauen als Prostituierte tätig sind, deren Einnahmen regelmäßig durch die organisierte Kriminalität abgeschöpft werden, und die wiederum vielfach mit dem in die Bürgerkriegsgebiete führenden Frauenhandel verflochten ist.

Vermittelst illegaler Güter und Menschenhandels docken Bürgerkriegsökonomien also an Friedensökonomien an und organisieren Transfers von Geld, Waffen und Lebensmitteln in die Bürgerkriegsgebiete. Zu diesen Transfers, aus denen sich die Bürgerkriegsparteien alimentieren, gehören inzwischen auch humanitäre Hilfslieferungen, bei deren Transport regelmäßig kontrollierenden Bewaffneten Steuern gezahlt werden müssen. Dabei kommt es verschiedentlich zum gezielten Einsatz westlicher Medien durch die Bürgerkriegsparteien. Mit Bildern von Hungernden werden Hilfslieferungen stimuliert, aus denen sich zunächst die bewaffneten Gruppen selbst versorgen. Die Gier der Medien nach Bildern wird zur Versorgungsquelle der Bürgerkriegsparteien.

Das Verschwinden der Staats-Moral

Der Staatenkrieg war gekennzeichnet durch die Disziplinierung der Soldaten und die Entsexualisierung des Kampfgeschehens. Nun kann von einer dramatischen Resexualisierung gesprochen werden. Dazu gehört nicht nur die Zunahme von Vergewaltigungen, ja die regelrechte Ausbildung von Vergewaltigungspraxen als Form der Kriegführung, sondern auch das Tragen abgetrennter menschlicher Körperteile als Siegestrophäen.

Die durch die Verstaatlichung des Krieges hergestellte Grenzziehung zwischen Soldat und Bandit ist mit der Privatisierung des Krieges brüchig geworden. Fast überall haben sich, nicht zuletzt auf der Grundlage der beschriebenen Bürgerkriegsökonomie, politische Guerillagruppen und organisierte Kriminalität mitunter bis zur Ununterscheidbarkeit angenähert. Daraus aber erwächst mehr und mehr eine Bedrohung für die Friedensökonomie der westlichen Staaten, und diese wirtschaftlich-kriminelle Bedrohung, sei es nun Rauschgift- oder Menschenhandel, hat sie in den letzten Jahren zunehmend zu militärischen Interventionen veranlasst.

Alles spricht dafür, dass es auch in Zukunft kaum menschenrechtliche Argumentationen oder gar die Idee eines Weltbürgerrechts sein werden, die die reichen Staaten des Nordens zu bewaffneten Interventionen in Bürgerkriege veranlassen, sondern der Grad der Bedrohung ihrer Ökonomie durch die um sich greifende Verbindung von organisierter Kriminalität und Bürgerkriegsökonomie. Eine Güterallokation, nicht auf der Grundlage von Warenäquivalenten, sondern von Gewalt, erweist sich als hochgradig gefährlich für die Friedensökonomie dieser Staaten. Dabei ist freilich eine wachsende Neigung des Westens zu beobachten, auf die Entstaatlichung des Krieges an den Rändern seines Einflussgebiets mit umfassenden Strategien der Privatisierung zu reagieren und statt eigener Truppen auf Söldner zurückzugreifen, die wirtschaftlich und politisch geringere Kosten verursachen.

Sollte sich dies durchsetzen, dann wird der Krieg auch in den Zentren privatisiert. Dies wird das Ende einer Ordnung sein, in der die Staaten als Monopolisten der Kriege auch Adressaten rechtlicher und moralischer Ansprüche waren. Dann wird keine neue Weltfriedensordnung beginnen, sondern ein Zustand, in dem der Krieg keiner Hegungen unterworfen sein wird.

Gegenwärtig gliedern alle westlichen Staaten ihre Streitkräfte um, um militärische Interventionsfähigkeit nicht nur mit der Luftwaffe, sondern auch mit Bodentruppen herstellen zu können. Das ist vielleicht die letzte Möglichkeit, die Privatisierung der Kriegsgewalt wenigstens in den Zentren zu stoppen und den Krieg unter staatlicher Kontrolle zu halten. Scheitert diese Reform, so dürfte einer umfassenden Reprivatisierung des Kriegswesens mit aktiennotierten Söldnerfirmen nichts mehr im Wege stehen.

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