Digitales Leben : Lob der physischen Netzwerke

Im Internet kann man kommunizieren und sich preisgeben, aber es taugt nicht zur Begegnung / Von Klaus-Dieter Lehmann.

Politk und Internet: Philip Rösler vor Google Deutschland.
Politk und Internet: Philip Rösler vor Google Deutschland.Foto: dpa-bildfunk

Früher waren Institutionen stark, wenn sie autonom waren, heute sind Institutionen stark, wenn sie gut vernetzt sind. Das Goethe-Institut ist in 93 Ländern mit rund 158 Instituten vertreten, hinzu kommen Verbindungsbüros, Sprachlernzentren, Kulturgesellschaften und Prüfungskooperationspartner, so dass alles in allem 1000 Anlaufstellen weltweit existieren. Das physische Goethe-Netz ist gegliedert in 14 Weltregionen, um in einer fragmentierten Welt möglichst nahe am Geschehen zu sein. Wenn sich Zentren und Peripherien verschieben, ist das ein Vorteil für den interkulturellen Dialog.

Die Frage stellt sich allerdings: Ist ein solches physisches Netz überhaupt noch zeitgemäß? Ist es nicht längst überholt durch das alle Lebensbereiche durchdringende digitale Netz? Dort gibt es andere Zahlen und Dimensionen. Über Googles Suchmaschinen werden innerhalb 60 Sekunden eine Million Suchanfragen beantwortet, der E-Mail-Verkehr wird markiert durch 170 Millionen versandte Mails, bei Youtube werden in 60 Sekunden mehr als 600 neue Videos hochgeladen. Wird dadurch die Welt lesbarer oder unübersichtlicher? Umberto Eco hat angesichts dieser Informationsflut festgestellt, dass immer mehr Menschen mit immer weniger Wissen zu beeindrucken sind. Das neue Medium ist kein Versprechen für mehr Partizipation.

In den letzten Wochen haben wir von Entwicklungen gehört, die sich fundamental von der Auffassung der eben geschilderten Anwendungen unterscheiden und die deutlich gesetzte Grenzen überschreiten, sowohl was die private Sphäre als auch die Beeinflussung betrifft. Zu nennen sind die Überwachung durch die amerikanische NSA und ihr Abschöpfen der Speicher der marktbeherrschenden Systeme von Google, Microsoft und Amazon oder das Ausspähen des Internets durch den britischen Geheimdienst. Bei dieser Vernetzung und Verschmelzung von Daten werden gigantische Datenmengen aus sozialen, gesellschaftlichen und ökonomischen Lebensbereichen so ausgewertet, dass durch Analyse und Aggregation nicht nur unsere Lebensgeschichten erzählt werden können, sondern auch gewusst wird, was wir morgen tun werden.

Diese Art der Datennutzung gilt aber nicht nur für militärische oder sicherheitspolitische Anwendungen, sondern genauso für wirtschaftliche und gesellschaftliche. Es kommt zu einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Jürgen Habermas hat diese ökonomischen Übersprungeffekte schon frühzeitig prophezeit und von der Kolonisierung unserer Lebenswelten gesprochen. Letztlich geht es um die Gefahr einer Fremdbestimmung von realen Personen. Durch die Fokussierung der Verhaltensdaten, die in allen Lebensbereichen anfallen, entsteht in der digitalen Welt eine sehr präzise virtuelle Abbildung des Menschen mit seinen Gewohnheiten, Wünschen und Vorstellungen, Verfehlungen.

Dieser virtuelle Mensch kann zum Ausgangspunkt genommen werden, um den realen Menschen zu beeinflussen und zu lenken. Dabei sind die Einflussfaktoren nicht erkennbar, denn sie sind Teil der virtuellen Welt. Die Wirkung ist aber real. Die Sorglosigkeit, mit der einerseits persönliche Daten verfügbar gemacht werden, und der Zwang, der andererseits durch den unaufhaltsamen Wandel aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse hin zu ausschließlich digitalen Abläufen entsteht, lässt Alternativen kaum noch zu. Diejenigen, die sich solchen Prozessen entziehen wollen, machen sich als Außenseiter verdächtig.

Da diese Machtkonzentration bei wenigen digitalen Globalkonzernen kein rechtlicher Verstoß ist – sie vollzieht sich innerhalb geltenden Rechts –, bedarf es eines neuen Bewusstseins für die gesellschaftlichen Risiken und der Formulierung einer neuen Verantwortung für eine freie, selbstbestimmte Gesellschaft. Viele sehen sich derzeit nicht wirklich betroffen, insbesondere wenn es eher um sicherheitspolitische Fragen geht. Aber das ist ein Irrtum, es betrifft unser Zusammenleben unmittelbar und vollständig. Es wird unsere kulturellen und gesellschaftlichen Bezüge und Ausdrucksmöglichkeiten nachhaltig verändern.

Mehr denn je benötigen wir reale Orte als Freiräume und Dialogräume. Mehr denn je benötigen wir personale Netze, persönliche Beziehungen, gemeinsame Erfahrungen. In einer fragmentierten Welt, die die Gefahr von Abschottung und Entfremdung kennt, die die Lesbarkeit der Welt generell erschwert und die durch eine Flut von Wissensbeständen immer weniger die Chancengleichheit und Zugänglichkeit sicherstellt, bedarf es einer benutzerfreundlichen Anleitung. Im Netz kann man kommunizieren, aber man kann sich nicht begegnen.

Physische Netze legitimieren sich nicht erst wegen dieser neuesten Entwicklungen der Ökonomisierung und ungebremsten Datenauswertung. Aber sie werden jetzt noch unverzichtbarer. Sie existieren ja nicht nur als physisches Phänomen, sondern verfügen auch über eine operative Eigenständigkeit und Widerständigkeit. Gerade die Unabhängigkeit von kommerzieller Einflussnahme macht das physische Netz so glaubwürdig. Es eignet sich so möglicherweise dazu, alternative Modelle zu entwickeln, die dem fantasievollen Gespräch auch in der Zukunft eine Chance geben und nicht nur die Vollkommenheitsstufen der ökonomischen Ausformung priorisieren. Das ist schon viel.

Mit der Kooperation innerhalb Europas bekennen wir uns zur Verantwortung für einen gemeinsamen europäischen Kulturraum. Kein Europäer soll sich in einem europäischen Land als Fremder fühlen. Heute wird Europa durch die Wirtschafts- und Finanzkrise stark in Mitleidenschaft gezogen. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den südeuropäischen Ländern gefährdet die Zukunft und macht die jungen Leute zu einer verlorenen Generation. Die Goethe-Institute haben gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und Kulturmittlern Programme für Mobilität innerhalb Europas entwickelt, um Chancen für Berufs- und Lebensplanung zu geben.

Darüber spannt sich das intensive Netzwerk Sprache und Bildungskooperation mit einer steigenden Intensität. All diese Maßnahmen, die in der Regel mit Partnern der Gastländer eng zusammenwirken, schaffen eine dauerhafte community, die als personales Netz immer die Anerkennung des Anderen im Dialog zugrunde legt. Ein solch intensiver, teilweise auch existenzieller Dialog ist über unverbindliche Kontakte im Internet wohl nicht herzustellen. Ein physisches Netzwerk wird zum Alleinstellungsmerkmal. Es ist Zukunft.

Der Autor ist seit 2008 Präsident des Goethe-Instituts.

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