Documenta-Gründer Arnold Bode : Der Unerschütterliche

Wie alles anfing: Arnold Bode, der Erfinder, Leiter und Motor der 1955 erstmals veranstalteten Documenta in seinen Schriften und Nozizen.

Bernhard Schulz

„Alle, die letztes Mal nur davon hörten, kommen – alle, die das letzte Mal da waren, kommen wieder, und alle, die nur neugierig sind, kommen auch – also: wir erwarten 300 000 Besucher“, schrieb Arnold Bode im November 1958 in seinem „Exposé zur II. documenta“. Der Erfinder, Leiter und Motor der 1955 erstmals veranstalteten Documenta sollte sich zwar irren. Doch nicht Großmannssucht sprach aus seinen Worten, wie er heutzutage unter den Kuratoren dieser Welt gang und gäbe ist, sondern sein unerschütterlicher Optimismus. Bode, im Epochenjahr 1900 geboren, von den Nazis aus dem Berliner Lehramt geschmissen, Kriegsteilnehmer und danach Heimkehrer in seine völlig zerstörte Heimatstadt Kassel – dieser untersetzte, kompakte Mann glaubte schlichtweg an die Kunst, und längst überstrahlt sein Erfolg die paar tausend Besucher, die an seiner Prognose für die zweite Documenta fehlen sollten, um ein Vielfaches.

Das Kasseler „Weltmuseum der 100 Tage“, wie es früher gern genannt wurde, hat sich als ein Markenzeichen etabliert, an die keine andere regelmäßige Veranstaltung zur zeitgenössischen Kunst heranreicht. „Wir waren der Meinung, etwas sagen zu müssen zu den verlorenen Jahren von 1933-45“ – mit solchem, wiederum typischen Understatement blickte er 1972 zurück auf den Anfang, an dem allzu wenige etwas sagen wollten zu dem, was gerade erst vergangen war.

Pünktlich zur zwölften Ausgabe der Documenta ist soeben eine chronologische Auswahl seiner Schriften, Notizen, Interviews erschienen, dieses ganzen Bodeschen Universums an Mitteilungen. Und dazu seine legendären Organisationsskizzen, in denen er alles mit allem zu verbinden wusste, er, der große Moderator, der nie beanspruchte, „der“ Documenta-Macher zu sein, sondern stets das Team betonte, mit dem er sich umgab, und selbst dann noch Teamgeist betonte, als 1972 – bei der „d 5“, der ersten ohne ihn – ein einzelner, der neue Star Harald Szeemann, alle Aufmerksamkeit beanspruchte.

Bode blieb sich in allem treu, bis zu seinem Tod 1977, exakt einen Tag nach Schließung der „d 6“. Er glaubte an die Kunst, an die ihr eigene Entwicklung, an die von ihr geschaffene Realität – die er gegen 1972 gegen Szeemann und das Überhandnehmen von Theorie und Soziologie vehement verteidigte. Dass ihn die Documenta-Macher von 1976 ausbooteten, kränkte ihn tief. Zu Recht: „Ich bin nämlich nicht bereit, meinen Namen herzugeben für eine Sache, an der ich keinen Anteil habe.“ Dass die „d 6“, die ohne des Alten Rat glaubte auskommen zu können, der schwächeren eine wurde, sei nur am Rande vermerkt.

Was im Buch fehlt, sind die Reden; Zeitzeugen zufolge wahre Meisterwerke des Impromptu, in einem ganz eigenen Duktus. Allenfalls die Briefe lassen ahnen, wie sehr Bode in der unmittelbaren Gegenwart lebte, ein Vulkan an neuen Ideen und deren hartnäckiger Verfolgung. Wer wissen will, wie aus dem Nichts heraus, nur mit dem Enthusiasmus Bodes und seiner wenigen Mitstreiter, die Legende Documenta entstand, mitten im Trümmerfeld Kassel, wie sich Bode sogar noch um die Speisekarte kümmerte – auch abends noch warme Würstchen und preiswerten Landwein! –, wie ihm immer wieder die Ignoranz der Behörden in die Quere kam und wie der Kunstversessene, der er war, doch immer wieder die Oberhand behielt (oder, man denke an die nie zustande gekommene Erweiterung in Richtung Architektur: fast immer) – der muss dieses Buch lesen, vorwärts, rückwärts, querbeet. Es relativiert wohltuend das gewaltige Spektakel, das heute die Documenta umrankt und bisweilen auch überwuchert.

Heiner Georgsdorf (Hrsg.): Arnold Bode. Schriften und Gespräche. B & S Siebenhaar Verlag, Berlin 2007, 34,80 €.

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