Documenta : Und pflanzte einen Apfelbaum

Pocahontas, Jesus und die Bahn: Jimmie Durham ist der Künstler des Sommers – mit Auftritten in Kassel, Antwerpen und Berlin.

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Komischer Heiliger. Das Holzhaupt von Jimmie Durhams Jesus-Figur. Foto: J. Verghote
Komischer Heiliger. Das Holzhaupt von Jimmie Durhams Jesus-Figur. Foto: J. Verghote

Wer in diesen Tagen die Documenta in Kassel besucht, der verbringt einen Großteil seiner Zeit nicht im Museum, sondern macht sich vor allem draußen, in der Karlsaue, auf den Weg zur Kunst. Dort pflanzten bereits im Frühjahr 2011 die Documenta-Macherin Carolyn Christov-Bakargiev und der Künstler Jimmie Durham zwei Bäume, als erstes Werk der 13. Weltkunstausstellung: einen Korbiniansapfelbaum, den der Priester Korbinian Aigner im KZ Dachau züchtete, und einen „Arkansas Black Apple Tree“, mit dem Durham sich an seine Kindheit in den Vereinigten Staaten erinnerte.

Die Documenta besaß damit ein Jahr vor ihrer Eröffnung ein Signet, eine Vision, die sich in vielen Werken der Ausstellung manifestiert, wie man nun sehen kann. Ökologie gehört dazu, Erinnerungsarbeit, das Prinzip der Partizipation – hier in Form eines Documenta-Apfelsafts, der zum Verkauf angeboten wird. Dieser sehr weite Begriff von Kunst brachte Carolyn Christov-Bakargiev manch böse Kritik ein. Durham aber kennt sie seit den Siebzigern, als sie sich auf einer Demo in New York begegneten. Damals war der Cherokee noch politischer Aktivist und vertrat das American Indian Movement bei den Vereinten Nationen. Heute kämpft er mit den Mitteln der Kunst und erreicht mehr Menschen, als es ihm in der Politik je gelang.

Durhams Werk verkörpert jene Idee der Documenta, die Gattungsgrenzen überspringt. 2012, das ist sein Jahr. Nicht nur weil sein Beitrag als ein Herzstück der Documenta gilt, sondern weil der 72-Jährige plötzlich auch andernorts präsent ist. Von dem Maler, Bildhauer, Performer, Dichter, Essayist heißt es zwar, dass er enorm einflussreich sei, trotzdem kannten viele ihn bisher nicht. Ein Künstler für Künstler also, ein Geheimtipp. Doch nun ist er da. Im Frühjahr bildete seine riesige Assemblage „Building A Nation“ das Entree zu Kasper Königs großer Abschiedsausstellung im Kölner Museum Ludwig. Zum Sommeranfang eröffnete das Antwerpener Museum für zeitgenössische Kunst eine umfangreiche Retrospektive mit Werken aus knapp fünf Jahrzehnten. Und in Berlin zeigt die lange schon mit dem Künstler verbundene Galerie Wien Lukatsch die hinreißende Ausstellung „too long and drawn out“ (Zu lang und ausgedehnt).

Durham, der Unruhegeist und ewig Weiterziehende, ist seit einem DAAD-Stipendium Mitte der Neunziger immer ein wenig Berliner geblieben, mit einem Atelier in Schöneberg. Nur in diesem Sommer trifft man ihn nicht an, weilt er doch an seinem anderen Wohnsitz in Neapel, wo er eine alte Lederwarenfabrik erworben hat. Von den Strapazen des Reisens, von denen der Künstler als Lebenselixier nicht lassen kann, handelt auch die zentrale Arbeit bei Wien Lukatsch, ein Raum voller Reisenotizen. Die Fahrt beginnt mit einem Zahnarzttermin in Arnsberg im Sauerland, geht über Antwerpen, wo er seine Ausstellung aufbaut und mühsam die Teile einer Installation zusammensuchen muss, weiter zur Art Basel, wo er mit Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus kommt. Tagebuchartig hält der Künstler die Stationen fest, im lakonischen Tonfall. Kombiniert mit einfachen Pappen oder gefundenen Brettern, auf denen seine Texte befestigt sind, entsteht eine Erzählung, die mehr über unsere eigenen Lebenswelten aussagt als über kleine und große Kümmernisse eines Künstlers.

Durham ist ein großartiger Inszenator mit minimalen Mitteln, das zeigt vor allem die Retrospektive in Belgien. Wie in keinem anderen Land sind ihm die Museen und Sammler hier zugetan; 1992 brachte ihn der Belgier Jan Hoet erstmals nach Kassel. Im Museum für Zeitgenössische Kunst von Antwerpen ist eine Armada von Figuren, Totems, Assemblagen aufgebaut, die sich aus Werkstoffen, Rohren, Textilien, Federn, Hölzern, zusammensetzen. Seine Arbeiten wirken wie ein Lackmustest für das jeweils Andere. So hängt dort unter dem Titel „Pocahontas’ Underwear“ ein roter Satinslip mit Perlenschmuck, der das Klischee des Indianermädchens in der Unterhaltungsbranche ironisiert.

Aber auch die Gegenseite verschont der Künstler nicht. „Jesus. Es geht um die Wurst“ ist die hölzerne Heiligenfigur mit Stigmata überschrieben, deren erigierter, rot bemalter Penis tatsächlich wie eine Wurst aussieht. Es geht ums Wesentliche, zweifellos. Ein Spaß, oder ist es Ernst? Durhams Humor ist oft melancholisch eingefärbt. So steht in Antwerpen auch „St. Frigo“, ein zerbeulter Kühlschrank, den der Künstler bei einer Performance mit Steinen attackierte.

Den gefestigten Formen, steinernen Bauten, staatlichen Hierarchien, ja selbst den Kontinenten traut der Künstler nicht und setzt ihnen eigene Entwürfe entgegen. Durham spielt, zerlegt, baut neu zusammen – und denkt dabei vielleicht auch an jene bessere Welt, für die er als junger Mann politisch gekämpft hat. Zu seinen wiederkehrenden Motiven gehört auch der Triumphbogen als Symbol der Macht. Bei ihm liegt er in Einzelteilen auf dem Boden oder besteht nur noch aus klapprigen Latten. Für die Installation „Building a Nation“ pappte er Zitate von George Washington, Theodore Roosevelt daran – und den bösen Spruch „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“.

In die Vereinigten Staaten ist Jimmie Durham übrigens seit 1980 nie mehr zurückgekehrt. Mit dem auf der Documenta gepflanzten Apfelbaum hat er sich nun ein Stück Heimat nach Europa geholt. Nicola Kuhn

Galerie Wien Lukatsch, Schöneberger Ufer 65, bis 1. September; Museum für zeitgenössische Kunst, Antwerpen, bis 18. 11.

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