Doku-Satire „Noseland“ : Im Schnellkurs Dirigent

Klassisches Konzertleben, mal ganz anders: Aleksey Igudesmans erfrischend dissonante Dokumentation „Noseland“ mit dem Geiger Julius Rachlin.

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Der Geigerstar als Nasenfetischist. Julius Rachlin in "Noseland".
Der Geigerstar als Nasenfetischist. Julius Rachlin in "Noseland".Foto: Julia Wesely

Aleksey Igudesman ist Geiger, Komponist, Komiker. Und ein guter, alter Freund des Star-Geigers Julian Rachlin. Letzterer gründete 2000 in der schönen Stadt Dubrovnik das Festival „Julian Rachlin & Friends“. Auch Aleksey Igudesman ist dort regelmäßig zu Gast. Als Geiger, als Komponist, als Komiker. Und zum zehnjährigen Jubiläum des Festivals auch als Filmemacher.

Was er abliefert, nach anderthalb Jahren im Schneideraum, ist aber alles andere als ein Denkmal für einen berühmten Geiger und sein Festival. Julian Rachlin (sein Nasenfetischismus ist titelgebend) kommt nicht gut weg. Und sein Sommerfestival interessiert nur am Rande. Igudesman stiehlt sich zwar hinter die Kulissen, zeigt Konzerte und Proben, spricht mit den Musikern. Was das deutsch-russische Multitalent einfängt, taugt nur nicht für eines der üblichen Klassik-Porträts inklusive Ehrerbietung für unnahbare Virtuosen.

In „Noseland“ wird zwar auch kräftig geschwindelt, aber mit umgekehrter Stoßrichtung: Alle Beteiligten dieser Doku-Satire machen offenbar freiwillig mit bei der Demontage – oder auch Überzeichnung – von Mythen und Vorurteilen.

Sind klassische Musiker schwul? Will man nach dem Konzert die Wahrheit hören oder belogen werden? Macht Üben Spaß? Muss man mit seinem Lehrer schlafen? Braucht es mehr als einen Wochenendkurs, um Dirigent zu werden? Mit pseudonaiver Impertinenz treibt Igudesman seine Recherche voran, nervt Rachlins Mutter ebenso wie den Cellisten Mischa Maisky und Musiker der Academy of St. Martin in the Fields mit Kalauern und schlichten Fragen. Die Kunst des Interviews? Bei Igudesman gründet sie auf schlechtem Timing und fröhlicher Instinktlosigkeit.

Das Resultat wirkt so, als hätte er alles Brauchbare entsorgt und nur die Outtakes aneinandergereiht – peinliche Momente, ehrliche Antworten, Nonsens und Beleidigungen reihen sich aneinander. Außerdem im Angebot: ein Pirat, ein Rap-Song und eine Ohrfeige. Und dazwischen viele Funken Wahrheit.

Dass der Film dabei wie improvisiert, fast anarchisch wirkt, liegt in der Natur der Sache. Und daran, dass „Noseland“ die gewohnte Laufrichtung solcher Dokumentationen ignoriert. Igudesman ist ein enger Berater des Filmkomponisten Hans Zimmer, in „Sherlock Holmes“ hat man ihn als Solo-Geiger gehört. Für seinen eigenen Film aber arrangierte er die Szenen zur Musik, nicht umgekehrt. Man kann „Noseland“ auch hörend genießen.

Nebenbei verleiht ein etwas überstrapazierter Running Gag dem Film zusätzlich Struktur: Jedes Gespräch endet mit dem – abgesprochen – empörten Abgang des Interviewten. Aber das ist exakt das Paradox dieses eigenwilligen Films von Musikern über Musiker: Bei allem Geflunker zeigt er endlich das echte Bild einer Musikszene, die viel lebendiger ist, als es die Rituale mancher Abo-Konzerte vermuten lassen.
Premiere mit Julian Rachlin und den Filmemachern am Donnerstag im Babylon Mitte. Anschließend gemeinsames Public Viewing der WM-Eröffnung.

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