Doku über Botticelli : Maler, Monster, Mutationen

Ein Film über die Betrachtung der Kunst. Ralph Loops Doku „Botticelli-Inferno“ auf den Spuren des Ausnahmekünstlers Sandro Botticelli.

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Auf den Spuren des großen Renaissance-Meisters Boticelli.
Auf den Spuren des großen Renaissance-Meisters Boticelli.Foto: Cinemaconsult

Die Ouvertüre ist bombastisch, die Kamera zeigt aus der Luft das Panorama eines nebelverhangenen Morgens in Florenz, eine Stimme donnert: „Ich bin Botticelli, habe die Schönheit gemalt, bin aber erst durch die Hölle gegangen.“ Womit die wichtigsten Player von „Botticelli – Inferno“ beinahe beisammen sind: die fliegende Kamera, ein betörendes Setting, die fiktionale Figur des Malers. Historische Selbstaussagen Botticellis gibt es nicht; also wurden sie für den Film flugs erfunden, um die Spannung zu erhöhen.

Auf diese Weise hat die spielfilmlange Dokumentation auch schon in den ersten Einstellungen die höchsten Höhen eines möglichen Crescendo erklommen. Die Kunst, um die es eigentlich geht, kann bei dem medialen Geprassel allerdings kaum mithalten: Malerei wie Zeichnung sind per se zu still, zu detailreich, zu komplex – auch wenn es um einen so aufregenden Gegenstand wie die Hölle geht.

Cineastische Überwältigungsstrategien

Regisseur Ralph Loop mixt die Genres: Er benutzt die cineastischen Überwältigungsstrategien – vor allem mittels Score und ungewöhnlichen Perspektiven –, um das Publikum für eine eigentlich einsame Beschäftigung zu gewinnen: die Betrachtung von Kunst. Doch Botticelli bietet sich an für diese Manöver, schließlich lockt der Renaissance-Maler als Superstar Massen ins Museum. Mit den Ingredienzen Schönheit, Tod, Gewalt lässt sich auch 500 Jahre später Suspense erzeugen und filmisch klotzen.

„Botticelli – Inferno“ geht an die Orte, wo der Künstler seine Spuren hinterlassen hat: in die Uffizien seiner Heimatstadt Florenz, wo die göttliche „Primavera“ hängt; nach Rom, wo er sich an den Fresken der Sixtinischen Kapelle beteiligte – und in den Vatikanischen Museen jene „Mappa dell’Inferno“ aufbewahrt wird, deren Geheimnis in der aktuellen Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ auch Tom Hanks als Kryptologe Robert Langdon zu ergründen sucht. Auch Ralph Loop treibt das Rätsel um: Warum brauchte Botticelli über zwei Jahrzehnte für die Illustration des Dante-Epos „Die göttliche Komödie“, deren Titelblatt die Karte der Hölle bildet? Weshalb blieb der Zyklus unvollendet? Wer war dieser Ausnahmekünstler, der bald in Vergessenheit geriet und erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde?

Auch Kupferstichkabinett dabei

Was die Forschung bislang nicht klären konnte, findet zwar auch der Film nicht heraus. Die etwas sprunghafte Recherche aber führt zu pittoresken Stätten, zu Museen, Schlössern, Bibliotheken, lässt Experten, Stadtführer, Biografen zu Wort kommen und sogar Menschen von der Straße kurzweilig über die Hölle heute spekulieren. Zu den Stationen gehört nicht zuletzt das Berliner Kupferstichkabinett, das 85 der insgesamt 92 erhaltenen Zeichnungen hütet – den „Pergamonaltar auf Pergament“, wie Kuratorin Dagmar Korbacher dieses sensationelle Konvolut voller Stolz nennt.

Die Präsentation von 30 Blättern parallel zur großen Botticelli-Ausstellung diesen Sommer in der Berliner Gemäldegalerie brachte Regisseur Ralph Loop auf die Idee für seinen Film. Der zieht nun gigantisch auf, was in Botticellis Zeichnungen nur millimeterklein ist. Das bringt zwar die Verhältnisse ins Wanken, aber ein Werk nochmals groß raus, das wegen seiner Lichtempfindlichkeit sonst nur alle 15 Jahre gezeigt werden kann.

Adria, Eva-Lichtspiele

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