Doku über Donald Rumsfeld : Rumsfeld, der Weglächler

Irakkriegslüge? Colin Powell schämte sich, Donald Rumsfeld findet bis heute keinen Grund zur Reue. In der Doku "The Unknown Known" versucht Errol Morris, die Psycho-Festung des einstigen US-Verteidigungsministers zu knacken.

von
US-Verteidigungsminister während des Irakkriegs: Donald Rumsfeld
US-Verteidigungsminister während des Irakkriegs: Donald RumsfeldFoto: NFP

Mit Blick auf den Vormarsch fundamentalistischer Isis-Milizen im Irak wirkt dieser Film hochaktuell. Zugleich führt er eine gefühlte Epoche zurück in die Vergangenheit: So fern scheint die Zeit vor NSA-Affäre und Ukrainekrieg, ja noch vor der globalen Finanzkrise, als George W. Bush, Dick Cheney und Donald Rumsfeld mit ihren Kriegen die Newsshows dominierten. Das liegt wohl auch daran, dass die Gegenwart sich so quälend dehnt. Barack Obama hat manchen Wandel, aber noch mehr Enttäuschung gebracht. Inzwischen krebst er selbst dem Ende seiner Regierung entgegen.

Zudem weisen die Herrschaftsmittel, mit denen Regisseur Errol Morris die Zuschauer konfrontiert, eine Generation zurück: Die Hauptfigur, Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, arbeitet mit „Snowflakes“, Kurzmemos mit nachdenklichen Fragen und provozierenden Notizen in wenigen Sätzen, die er teils für sich sammelte, teils in Mengen verschickte, um dem Apparat im Pentagon und der Regierung seine Politik aufzudrängen. Was schon damals altmodisch war, wirkt heute aus der Zeit gefallen.

Dazu dieses permanente Lächeln. Wie konnte Rumsfeld das durchhalten angesichts der Schrecken von Terroranschlägen und Krieg – und der bedrückenden Handlungsoptionen, die er der Öffentlichkeit als einzig mögliche darstellte? Nur eine Maske? Jedenfalls half es als PR- Waffe. Gepaart mit einem galligen Humor, den selbst Gegner zu schätzen wussten, machte es ihn erstaunlich vielen Menschen doch irgendwie sympathisch.

Morris will Rumsfeld entlarven

Errol Morris bekommt zu spüren, wie schwer diese Verteidigungsmauer zu durchbrechen ist. Im Film will er Rumsfeld entlarven, sich intellektuell mit ihm messen, ihm das Eingeständnis von Fehlern und Reue entlocken. Eigentlich, so könnte man denken, eine leichte Aufgabe für einen, der sich gut vorbereitet. Schließlich steht das öffentliche Urteil über Rumsfeld und seine Amtszeit als Verteidigungsminister fest, auch in den USA. Für die große Mehrheit war der Irakkrieg ein Fehler. Rumsfeld habe 9/11 als Vorwand für Kriege missbraucht, die er ohnehin führen wollte, um die Geopolitik zu verändern. Im Fall Irak forcierte er zudem die Begründung mit Saddams Massenvernichtungswaffen, die später jedoch nicht gefunden wurden.

Diese Verurteilung medial zu dokumentieren, gelingt Morris nicht mit der erwarteten Eindeutigkeit und Schärfe. Das größte Hindernis, hätte man annehmen können – und hat womöglich Morris geglaubt –, würde sein, Rumsfeld zum Gespräch zu bewegen. Nun hat er ihn vor der Kamera, doch die fängt einen Mann ein, der wie früher eine enorme Präsenz zeigt, Selbstsicherheit ausstrahlt und die Bereitschaft vorgibt, über alles zu reden. Es ist ein eindrücklicher Kontrast zu anderen Verteidigungsministern, die unangenehme Entwicklungen erklären müssen. Ein Vergleich mit der Körpersprache des aktuellen, Chuck Hagel, fällt nicht unbedingt zu Rumsfelds Nachteil aus.

Auch dieses schwer einzuordnende Großvater-Lächeln spielt dabei eine Rolle. Stimmt es die Kamera milder? Jedenfalls wird die Aufgabe, Rumsfeld intellektuell zu stellen, nicht leichter. Als Vehikel nutzt Morris dessen wohl berühmtestes Zitat über die möglichen gedanklichen Kombinationen des Bekannten und des Unbekannten bei der Gefahrenabschätzung in Zeiten des Terrors mit Massenvernichtungswaffen. Das wortspielerische und zugleich todernste Philosophieren über „Unknown“ und „Known“ macht er zum Filmtitel. Wer den Wortwechsel zwischen ihnen ausgeschrieben nachliest, mag meinen, Morris habe Rumsfeld überführt, seine Verteidigungsmauer durchbrochen. Rumsfeld verwickelt sich bei der Auslegung des „Unknown Known“ in Widersprüche, was er damals darunter verstand und wie er es heute auslegt. Doch Rumsfeld lächelt das weg, erklärt es für bedeutungslos: „Errol, du jagst hier dem falschen Hasen nach.“

Karriere-Schandfleck, nein danke

Auch mit anderen Nachfragen packt Morris ihn nicht recht. Außenminister Colin Powell hat die Begründung des Kriegs mit Massenvernichtungswaffen später „Schandfleck meiner Karriere“ genannt. Rumsfeld sagt kühl: Beim Auftritt vor der Uno habe Powell an die Beweise geglaubt. Bei allen Entscheidungen, die heute als Fehler gelten, bindet Rumsfeld andere mit ein: „Die Argumente haben den Präsidenten überzeugt.“ Liegt darin das Geheimnis der Persönlichkeit, das Morris enthüllen wollte? Oder zeigt er damit nur eine andere Oberfläche, ohne sie zu durchdringen? Worin die individuelle Verantwortung Rumsfelds besteht, verschwimmt in einem Meer aus Worten. Sichtbar bleibt ein knorriger Charakter.

In Berlin ab Donnerstag in den Kinos Filmkunst 66, FT Friedrichshain und Rollberg

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben