Doku über Holocaust-Kinderoper "Nach Brundibar" : Lachen wider den Schrecken

Greta Klingsberg verbrachte ihre Kindheit im Ghetto Theresienstadt. Die Jugendtheatergruppe der Berliner Schaubühne erzählt in der Kinderoper "Nach Brundibar" ihre Geschichte nach. Der Dokumentarfilmer Douglas Wolfsperger folgte ihnen bei den Vorbereitungen.

Julia Dettke
Die Protagonistinnen Greta und Annika.
Nähe zwischen Generationen: Die Protagonistinnen Greta und Annika.Foto: J. Gern

Sie liegen nebeneinander im Gras in der Sonne, die Achtzehnjährige und die Achtzigjährige, kugeln hin und her und brechen schließlich in wildes Lachen aus. Die Besuchergruppe am Mahnmal dreht sich irritiert um. „Ja, wir lachen hier!“ verkündet die ältere Frau entschieden.

Die Irritation ist dem Ort des Geschehens geschuldet, der Gedenkstätte an das Ghetto Theresienstadt im tschechischen Terezín. Auslachen würden Greta und Annika, so heißen die beiden Vergnügten, das Verbrechen und Leid dort allerdings nie. Schließlich gehörte die in Jerusalem lebende Jüdin Greta Klingsberg, geboren 1929 in Wien, als Kind selbst zu den Gefangenen des Ghettos – und Annika, die junge Berlinerin, versetzt sich gerade in sie hinein. Annika spielt die gleiche Rolle, die Greta damals spielte, die Hauptfigur in Hans Krásas Kinderoper „Brundibar“. Und kommt, durch künstlerische Aneignung, der Situation zwischen Todesangst und Lebensmut näher als jede schulpädagogisch ausgeklügelte Auseinandersetzung mit dem Holocaust.

Douglas Wolfsperger: Inszeniert bis zum Umfallen

Angst vor allzu Wohlmeinendem ist bei „Wiedersehen mit Brundibar“ ohnehin unbegründet, dafür sorgt neben dem Charme seiner Protagonistinnen bereits der Regisseur. „Das interessiert mich überhaupt nicht, was Dokumentarfilm alles soll“, polterte Douglas Wolfsperger bei der Premiere vergangenen Freitag in der Schaubühne gewohnt rebellisch los. „Ich hab da inszeniert bis zum Umfallen!“

Kein Wunder, schon die Idee zum Opernprojekt „Nach Brundibar“, bei dem er die Schaubühnengruppe „Die Zwiefachen“ unter Leitung von Theaterpädagogin Uta Plate ein Jahr mit der Kamera begleitete, war seine eigene. Plate hatte „Die Zwiefachen“ nach langem Arbeiten vor allem mit rechtsradikalen Jugendlichen gegründet, um mal mit denen zu proben, „die schon gerettet sind“.

„Wiedersehen mit Brundibar“: Lachen wider den Schrecken

Tatsächlich findet sich in „Wiedersehen mit Brundibar“ deshalb keine Proben-Dramatik, wie man sie etwa aus „Rhythm is it!“ kennt: Die 17- bis 19-Jährigen sind pünktlich und hoch motiviert, schmettern mit funkelndem Blick von der Bühne „dass ein böser Leiermann uns Kindern nichts befehlen kann!“ und gucken noch in ihrer Freizeit gemeinsam Youtube-Videos der Theresienstädter Aufführungen. Stimmt, retten muss man sie nicht mehr. Doch gerade gegenüber Greta wird ihre Sehnsucht nach Austausch und Identifikation spürbar.

Die resolute, lebenslustige Frau ist für die jungen Schauspieler nicht nur historische Zeitzeugin, sondern vor allem ein Vorbild dafür, wie man überhaupt unter widrigsten Umständen überlebt. Damit ist sie zugleich eine Seelenverwandte, haben doch auch die Zwiefachen alle schon krisenhafte Ausnahmesituationen hinter sich. Die Bühne als Gegenwelt zu belastenden Lebensumständen, das ist die unausgesprochene Parallele, Basis für die große Nähe. Nicht über, aber wider den Schrecken zu lachen, das hat Greta ihnen beigebracht.

Babylon Mitte, Filmkunst 66

0 Kommentare

Neuester Kommentar