Dokudrama "Der Kreis" von Stefan Haupt : Ernst und Röbi

Schwule Schweizer: Das Dokudrama „Der Kreis“ erzählt ein Stück Emanzipationsgeschichte der fünfziger Jahre. Und - eine große romantische Liebe.

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Er gehört zu mir. Sven Schelker (rechts) und Matthias Hungerbühler sind Mitglieder im Schwulennetzwerk "Der Kreis".
Er gehört zu mir. Sven Schelker (rechts) und Matthias Hungerbühler sind Mitglieder im Schwulennetzwerk "Der Kreis".Foto: Edition Salzgeber

Auch noch nicht gewusst: In der Fünfzigern war Zürich aufgrund seiner liberalen Gesetze eine Schwulenmetropole. Ausgerechnet in der kleinen, engen Schweiz bildet sich in den Clubs der Stadt eine Szene, die sich ohne Repressalien treffen kann. Selbst die von dem Schauspieler Karl Meier herausgegebene schöngeistig-elitäre Zeitschrift „Der Kreis“ wird – in neutralen Umschlägen an die 2000 Abonnenten in aller Welt verschickt – samt dem dazugehörigen, bereits in den Dreißigern entstandenen Netzwerk und dem jährlichen rauschenden Maskenball von der Sittenpolizei toleriert. Bis die Stimmung kippt.

Auslöser ist eine Mordserie an Schwulen, die ein Stricher verübt, wie Stefan Haupt in seinem so berührenden wie spannenden Dokudrama „Der Kreis“ erzählt. Plötzlich fallen Presse und Polizei in alte Muster zurück. Tagtäglich setzt es reißerische „Milieu“-Berichte, Razzien und Polizeivorladungen. Ja, sogar registrieren lassen müssen sich die Schwulen. Ein Tanzverbot für männliche Paare wird erlassen. „Der Kreis“, der als europäisches Netzwerk sogar die Nazis überstanden hat, löst sich auf. Und die Mitglieder sind für Jahrzehnte zurück in ihre Doppelleben, in die Heimlichkeit gezwungen.

"Der Kreis": Ein Stück schwuler Schweizer Emanzipationsgeschichte

Zwei von ihnen sind der zurückhaltende Lehrer Ernst Ostertag und der kapriziöse Friseur und Travestiekünstler Röbi Rapp. Der aus reichem Hause stammende Akademiker und der von einer alleinstehenden Garderobiere (Marianne Sägebrecht) aufgezogene Sänger sind die Helden dieses Film gewordenen Stücks schwuler Schweizer Emanzipationsgeschichte. Sowohl in den mit viel Gefühl für das Zeitkolorit inszenierten, liebevoll ausgestatteten, den Film dominierenden Spielszenen wie in den Dokumentarpassagen lebt „Der Kreis“ von dieser gegen alle Widerstände gelebten, romantischen Liebe.

Der sonst oft unschlüssig in zwei Stilelemente zerfallende Genre-Zwitter funktioniert hier richtig gut, ist so unterhaltsam wie relevant. Auch wenn eine Figur wie der von Peter Jecklin beklemmend verklemmt verkörperte Schuldirektor etwas zu plakativ als pädagogisch wertvolles Blutopfer des gesellschaftlichen Muffs inszeniert ist. Aber sonst: In der Spielhandlung das politische Erwachen der ihrer Liebe noch unsicheren, ihre Gefühle vorsichtig abtastenden und von der zunehmend feindseligen Schweizer Wohlanständigkeit umstellten Ernst (Matthias Hungerbühler) und Röbi (Sven Schelker).

Und dort das Interview mit den politisch hellwach gebliebenen reizenden Herren, die sich – inzwischen 84 und nach Art alter Ehepaare einander auch äußerlich ähnlich geworden – daheim in Züri beim Tee gegenübersitzen. Mit ihren sorgsam gescheitelten grauen Haaren, korrekt gebügelten Hemdkragen und sorgfältig formulierten Sätzen wirken sie wie ein Echo jener Bürgerlichkeit, die sich viele Jahrzehnte lang gegen ihr gemeinsames Glück wandte. Was die nicht nur in der Schweiz der Fünfziger, sondern etwa auch im heutigen Russland verbreitete Absurdität, einen Menschen wegen seiner Liebe zu einem Menschen zu ächten, gleich noch einmal so bildstark macht.

Leben mit Happy End

In der Schweiz, wo „Der Kreis“ schon im September angelaufen ist, sind die Sympathieträger inzwischen homosexuelle Berühmtheiten. 2003 waren sie das erste Paar, das seine Partnerschaft im Kanton Zürich registrieren ließ. In Berlin wurden die beiden im Februar bei den Filmfestspielen gefeiert, wo „Der Kreis“ zum Auftakt einer ganzen Reihe internationaler Auszeichnungen sowohl einen Teddy-Award wie auch den Panorama-Publikumspreis erhielt. Für die beiden ein doppeltes Happy End: im Leben wie im Film.

In den Kinos: Eiszeit, Eva-Lichtspiele, Zukunft, Hackesche Höfe und Xenon

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