Dokumentarfilm "Oma & Bella" : Das Leben nach dem Lager

Eine Charlottenburger Wohnung, zwei patente Damen, jiddische Gerichte und Erinnerungen an den Holocaust: Die Doku „Oma & Bella“ ist das anrührende Langfilmdebüt der Berlinerin Alexa Karolinski.

Leonie Langer
Oma Regina Karolinksi (l.) und ihre Freundin Bella Katz beim Ausflug auf dem Spree-Dampfer.
Oma Regina Karolinksi (l.) und ihre Freundin Bella Katz beim Ausflug auf dem Spree-Dampfer.Foto: Edition Salzgeber

„Alexa, willst du einen Keks zum Kaffee, dass du was im Magen hast?“ – „Nein danke, Oma, ich habe doch gerade gegessen.“ – „Vielleicht ein Eis?“ Ein typischer Oma-Enkel-Dialog. Das ist aber schon alles, was an dem Dokumentarfilm „Oma & Bella“ der 27-jährigen Alexa Karolinski ‚typisch Oma’ ist. Eigentlich wollte die in New York lebende Filmemacherin ein Buch mit den jiddischen Rezepten ihrer Großmutter Regina und deren Freundin Bella zusammenstellen, aber dann fand sie, dass ein Kochbuch den beiden Frauen nicht gerecht würde. Denn in der Küche der Charlottenburger Wohnung, in der Oma und Bella seit fünf Jahren zusammenwohnen, wird vor allem erzählt. Die aus dem polnischen Kattowitz stammende Regina Karolinski, heute 84, und die 88-jährige Bella Katz aus Vilnius sind Holocaust-Überlebende. Beide landeten mit dem Wunsch, in die USA zu emigrieren, in Berlin – und blieben.

Die Kamera nähert sich den beiden bemerkenswerten Frauen schonungslos. Sie zeigt Falten und Altersflecken, man sieht die beiden im Nachthemd, beim Dösen im Sessel und natürlich beim Kochen. Die runzligen Hände schnippeln Obst fürs Kompott, schaben Schweinsfüße, rühren in Töpfen, halten Probierlöffel Richtung Kamera, es wird gesungen und gescherzt. Umso eindringlicher sind die leiseren Szenen, in denen sich die beiden Frauen an die Herabwürdigungen im Lager erinnern, an ihre Eltern, von denen ihnen nicht einmal Fotos geblieben sind. Bella erzählt weinend, sie habe schlecht geschlafen. Noch immer träumt sie von früher; sie erlebte mit, wie sich ihr Vater im oberen Stockwerk erhängte, während die Nazis unten auf ihn warteten. Aber auch an fröhliche Zeiten erinnern sie sich. Oma Regina und Bella zeigen Bilder, wie sie im Berlin der fünfziger Jahre feierten und tanzten. Zwei schöne Frauen, die ihre Jugend nachzuholen versuchen.

Die beiden wirken stolz, ungebrochen. Gehen sie aus, legen sie Schmuck an und Make-up auf. Zwei Damen mit Sonnenbrillen trinken Berliner Weiße, schlendern über den Markt in ihrem Kiez. Haben sie Freunde, Kinder und Enkel eingeladen, wird an der feierlich gedeckten Tafel nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch viel gelacht. Kochen bedeutet Gemeinschaft, Trost, Geborgenheit. Der gebürtigen Berlinerin Alexa Karolinski gelingt mit „Oma & Bella“, ihrem Langfilmdebüt, ein Porträt, das rührend, aber nicht kitschig, intim, aber niemals voyeuristisch ist.

Eiszeit, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Krokodil

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