Kultur : Doppelhelix

Wie die Kant-Garagen gerettet werden könnten.

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Oldtimer genießen Kultstatus, architektonische Zeugnisse der frühen Automobilgeschichte hingegen verschwinden. Es gibt kaum noch Tankstellen, Parkhäuser, Autobahnraststätten, die älter als ein paar Jahrzehnte sind. Prominentestes Beispiel eines drohenden automobilhistorischen Kulturverlusts ist der Kant-Garagen-Palast in Berlin, 1930 von Hermann Zweigenthal im Stil des Neuen Bauens errichtet. Der gegenwärtige Eigentümer, das Unternehmen Pepper Immobilien, plant an der Kantstraße 126/127 den Abriss. Argumentiert wird mit der wirtschaftlichen Unzumutbarkeit einer Sanierung, die sechs bis sieben Millionen Euro kosten soll. Der Antrag wurde vom Bauamt Charlottenburg-Wilmersdorf zwar abgelehnt, doch das Denkmal damit noch nicht gerettet.

Gegen den Verfall regt sich Protest. Am 24. Januar lädt die „Initiative zur Rettung der Kant-Garagen“ zu einer ersten Diskussionsrunde ein (Anmeldung unter www.studentendorf-berlin.com). Auf der Rednerliste steht neben Charlottenburgs Baustadtrat Marc Schulte und Landeskonservator Jörg Haspel auch der Architekt Frank Augustin. Der Berliner Planer wird sein im Eigenauftrag erstelltes Nutzungskonzept vorstellen, das er der Firma Pepper Immobilien bereits im September zugeschickt hat, ohne bislang Antwort zu erhalten. Augustin ist überzeugt, dass die Kant-Garagen nicht nur denkmalgerecht saniert, sondern auch wirtschaftlich betrieben werden können – allerdings nicht mehr allein als Parkgarage, Standort von Autowerkstätten und einer Kleinsttankstelle, sondern ergänzt um einen sechsgeschossigen Neubau mit Wohnungen rechts daneben.

Ursprünglich stand auf dem benachbarten Terrain, das ebenfalls der Familie Pepper gehört, eine Gründerzeitvilla, seit der Nachkriegszeit allerdings ein niedriger Behelfsbau. Die Blockrandbebauung ist hier unschön unterbrochen, ebenso auf dem Nachbargrundstück links der Kant-Garagen, wo Gebrauchtwagen verkauft werden. Wem es gelänge, alle drei Parzellen zu erwerben und die denkmalgeschützten Kant-Garagen loszuwerden, der würde hier – so steht zu befürchten – einen jener polierten Investoren-Bürokästen hinklotzen, wie es sie an der mittleren Kantstraße allzu viele gibt.

Augustins Konzept hingegen setzt auf städtische Dichte und Durchmischung. Neben einem „Mobility-Center“ in den unteren Geschossen plant er Kleinbüros für Start-up-Unternehmen, Ausstellungsflächen, ein Backpacker-Hotel und Wohnungen. Bei geschickter Vermarktung könnten nicht nur die Sanierungskosten refinanziert werden. Durch die vorhandene, heute nicht mehr genehmigungsfähige Bebauungsdichte ergäbe sich eine dreimal höhere Nutzfläche als bei Abriss und Neubau. Seine Idee, aus den mit alten Eisentüren verschlossenen Parkboxen und der Doppelhelix der Auf- und Abfahrt individuelle Räume zu entwickeln, wirkt befreiend. Von einer Mischnutzung träumt übrigens auch Andreas Barz von der Anti-Abriss-Initiative – allerdings nicht als Investorenmodell, sondern als Genossenschaft. Michael Zajonz

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