Dorf macht Oper : Die Flüchtlinge laden zum Gastmahl

Jedes Jahr bringt das 70-Seelen-Dorf Klein Leppin in der Prignitz eine Oper auf die Bühne, im Schweinestall. Diesmal kämpft Don Quichotte gegen seine Schatten - und Flüchtlinge aus Syrien vertreiben seine bösen Geister.

Max Thomas Mehr
Ein Hauch von Bayreuth: Tickets sind Mangelware in Klein Leppin. Bei der Generalprobe der Barockopern-Collage "Don Quichotte chez la Duchesse"
Ein Hauch von Bayreuth: Tickets sind Mangelware in Klein Leppin. Bei der Generalprobe der Barockopern-Collage "Don Quichotte chez...Foto: Nikolaus Becker

Don Quichotte ist nicht da, er versteckt sich vor den Dorfbewohnern, denn er hat wieder gegen seine Dämonen gekämpft und dummerweise Windmühlen dabei demoliert. Auch Hammel hat er mit seinem Schwert verletzt. Realität und Fantasie, er bringt sie immer wieder durcheinander.

„Dorf macht Oper“, das klingt ebenfalls ziemlich fantastisch. Längst ist es mehr als ein Geheimtipp: Seit elf Jahren wird in Klein Leppin in der Prignitz jeden Sommer eine Oper aufgeführt. Mit Hausfrauen, Lehrern, Apothekern, Büroangestellten und Handwerkern aus den umliegenden Dörfern im Chor und in den Nebenrollen – seit 2015 ist auch ein ehemaliger CDU-Landrat dabei. An diesem Juli-Wochenende wird wieder Premiere gefeiert, mit einer selbst verfertigten Collage aus Cervantes' Ritterroman und der Barockoper „Don Quichotte chez la Duchesse“ von Joseph Bodin de Boismortier. Syrische Flüchtlinge gestalten ein Herzstück davon: Don Quichotte wird dank der Hirten zur Ruhe kommen, die ihn gastfreundlich aufnehmen. Sie werden der Aufführung ihren magischen Moment bescheren. Doch noch ist es nicht so weit. Noch versetzt der verrückte Ritter die ganze Gegend in helle Aufregung.

Wie in den Vorjahren stammen die Gesangssolisten von der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“, und das Orchester setzt sich aus Mitgliedern des Rundfunksinfonieorchesters Berlin zusammen, die hier pro bono musizieren. Steffen Tast dirigiert, er ist der Spiritus Rector des Opernprojekts – sonst spielt er im RSB die erste Geige. Und seine Ehefrau Christina Tast, von Beruf Innenarchitektin, managt die Parallelwelt auf dem Dorf, monatelang.

Den Orchestergraben haben sie mit dem Trecker ausgehoben

Aus einem Schweinestall wurde ein Festspielhaus, es hat etwas von einem Märchen. Den Orchestergraben haben sie schon vor Jahren mit Trecker und Schaufel ausgehoben. Drum herum ist eine Art Park entstanden, mit Alleen, großen Wiesen und mehreren Bühnen. Die Koloraturen der Sänger wetteifern mit den Lerchen, die Sonne brennt, in der Ferne blöken die Schafe. Ein leiser Wind bewegt die Ahornblätter, aus der Stille erhebt eine Geige ihre Stimme – und das Herz steht plötzlich still.

Wer einmal dabei war, der pendelt jedes Jahr aufs Neue aus Berlin oder Hamburg in die Prignitz, dieses weite Niemandsland zwischen den Metropolen. Im nördlichsten Zipfel Brandenburgs erwartet das 70-Seelen-Dorf auch an diesem Wochenende bis zu 3000 Gäste.

Ritter von der hölzernen Gestalt. Schon vor der Ankunft im brandenburgischen Klein Leppin macht Don Quichotte die Gegend unsicher.
Ritter von der hölzernen Gestalt. Schon vor der Ankunft im brandenburgischen Klein Leppin macht Don Quichotte die Gegend unsicher.Foto: privat

Bayreuth lässt grüßen: Karten sind Mangelware und für die vier Aufführungen und die Generalprobe jedes Jahr im Nu ausverkauft. Nur bis in die Landeshauptstadt Potsdam ist der Ruf dieses außergewöhnlichen Sommerfestspiels offenbar noch nicht gedrungen: Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch verteilt ihren Geldsegen wie gehabt mit der Gießkanne auf 40 Projekte der regionalen Kleinkunstszene. Rubrik Amateurtheater. Ganze 6000 Euro fallen jährlich für die Macher von „Dorf macht Oper" ab. Die örtliche Sparkasse sponsert, der Ex-Landrat animiert zu privaten Spenden, das war’s. Auf der langen Strecke seit dem Start des Projekts 2005 ist das nur mit einer ungeheuren Portion Leidenschaft zu stemmen.

Letztes Jahr stand in Klein Leppin "Orpheus in der Unterwelt" auf dem Programm

Jedes Jahr im Winter wird gemeinsam über die nächste Inszenierung entschieden, im Januar beginnen dann die Proben. 2015 stand Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ auf dem Programm: flirrender Cancan in der Ödnis einer Waldlichtung, Rocky Horror Picture Show auf der grünen Wiese, mit fantastischen Kostümen. Entworfen und genäht von einem syrischen Flüchtling, einst Modedesigner in Damaskus, der mit seiner Familie im Nachbarort Glöwen gestrandet war. Die Kunst von Steffen und Christina Tast, von Regisseurin Mira Ebert und all ihren Mitstreitern ist deshalb so stark, weil sie die Wirklichkeit genau registriert.

Da kämpft der Ritter von der traurigen Gestalt gegen eine Hammelherde, weil er verzauberte feindliche Heerscharen in ihr vermutet, da philosophiert er mit seinem Knappen über Traum und Wirklichkeit. Und als er mit dem Schwert die Puppenbühne von Meister Pedro stürmt, auf dem Kinder aus der Prignitz eine Episode des Cervantes-Romans aufführen, wird auch Sancho Pansa klar, dass der beständige Kampf seines Herrn und Gebieters für mehr Gerechtigkeit in einem Desaster zu enden droht. Schließlich fängt der Held auch noch an, gegen sein eigenes Spiegelbild zu kämpfen, gegen den Opernsänger Don Quichotte. Erst die Einladung zum Festessen bei den Hirten holt den Ritter von seinem Wahnsinnstrip herunter. Es sind Flüchtlinge aus der Nachbarschaft.

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