Drag Kings : Der Mann ist eine Frau

Sie kleben sich Bärte ins Gesicht, stopfen sich Socken in die Unterhose und parodieren Machorollen. Drag Kings können Cowboys, Rockstars oder Tunten sein. Drei Berlinerinnen haben jetzt ein Buch über das Phänomen geschrieben. Ein Gespräch über den Spaß am Verkleiden, Feminismus - und Atze Schröder.

Sylvia Vogt

Frau Witte, Frau Thilmann, was sind Drag Kings?

Tania Witte: Meine erste Antwort darauf ist immer: das gleiche wie Drag Queens nur andersherum, auch wenn das ziemlich banal klingt. Leider gibt es keinen Drag King, der so bekannt ist wie Lilo Wanders. Dann wüsste jeder, was gemeint ist.

Also Frauen, die sich als Männer verkleiden?

Pia Thilmann: Ich nehme ganz gerne Atze Schröder oder Mike Myers als Beispiel für Drag Kings. Sie stellen übertriebene Männlichkeit zur Schau - mit Brusthaartoupets, ausgestopfter Hose und Machogehabe. Der Aspekt, bewusst übertriebene Männlichkeit darzustellen, ist dabei meiner Meinung nach wichtiger als das Ausgangsgeschlecht. Das kann auf der Bühne, im Film oder zu Hause sein. Ob das mit Federboa oder Bart geht, ist offen.

Das heißt, es gibt auch männliche Drag Kings?

Witte: Ja, die sogenannten Bio-Kings. Das sind dann also Männer, die sich als Frau verkleiden, die sich als Mann verkleidet. Das kann man immer weiter drehen. Drag Kings können auch als Tunten auftreten. Pia zum Beispiel...

Thilmann: Bei meinem gestrigen Auftritt in Stöckelschuhen habe ich mir eine Zerrung geholt. Rugby-Training ist nichts dagegen.

Ganz schön verwirrend...

Witte: Das ist ja das Schöne. Die meisten Drag Kings sind zwar biologisch gesehen Frauen. Aber das Spektrum ist vielfältig. Manche definieren sich als Frau und als Drag King, manche entdecken dadurch ihre männliche Seite und leben auch im Alltag als Mann. Manche entscheiden sich irgendwann sogar zu einer geschlechtsangleichenden Operation. Viele wollen sich aber gerade nicht in diese entweder-Mann-oder-Frau-Schiene einpassen lassen.

Thilmann: Für mich ist es eindeutig eine Bühnensache. Ich bin ein Drag King, wenn ich mich dafür style.

Eine Erklärung für Drag lautet "dressed as a girl" bzw. "dressed as a guy".

Thilmann: Die Definition ist mir zu eng. Man kann ja auch "dressed as an alien" sein. Oder "dressed as something in between". Aber dass alle Zeichen geschlechtlicher Identität gemacht oder hergestellt sind, das unterschreiben wir und das führen wir vor. Drag Kings rütteln gerade an der Selbstverständlichkeit und Unhinterfragbarkeit der Zweigeschlechtlichkeit.

Witte: Jeder inszeniert sich ohnehin ständig selbst - ob man eine Jeans oder ein Businesskostüm anzieht. Kleidung ist ja immer auch ein Zeichen. Selbst wenn einem das manchmal gar nicht so bewusst ist.

Wie sieht ein Drag King aus?

Thilmann: Also erstmal gibt es natürlich nicht DEN Drag King. Aber ich kann ja mal ein mögliches Styling schildern. Wichtig ist zunächst die Socke, die stopft man sich in die Unterhose.

Witte: Ein seltsames Gefühl. Ich kann nur jeder Frau raten, das einmal auszuprobieren. Mit so einem Ding zwischen den Beinen geht man automatisch ganz anders.

Thilmann: Viele binden sich außerdem die Brüste ab.

Autsch. Muss das sein?

Witte: Natürlich muss das nicht sein. Das kann tatsächlich ganz schön atemberaubend sein. Viele verzichten ganz bewusst darauf.

Wie funktioniert es denn?

Thilmann: Man kann es mit großen elastischen Binden oder alten Miederhosen machen. Es geht auch einfach mit Klebestreifen. Das funktioniert aber nur bei kleinen Brüsten. Aber selbst ein großer Busen wirkt abgebunden erstaunlich maskulin.

Und der Bart?

Thilmann: Das ist eine Wissenschaft für sich. Vor allem braucht man die richtigen Haare, die außerdem zum Kopfhaar passen müssen. Man kann eigene oder fremde Haare kleinschneiden, es gibt auch speziellen Wollkrepp. Das wird dann mit Spezialkleber aufgetragen. Viele kleben sich auch die Augenbrauen auf, das ist vor allem bei gezupften Brauen wichtig. Die Wirkung ist enorm. Aber wie gesagt, kein Drag King muss sich einen Bart ankleben oder die Brust abbinden. Manche kombinieren auch Bart und Wimpern, Brüste und männliche Genitalien. Manche wollen möglichst authentisch aussehen, andere verwenden extra einen billigen Faschingsbart.

Ihr tretet selbst auch als Drag Kings auf. Was macht ihr genau?

Thilmann: Ich stehe als Toni Transit mit den "Kingz of Berlin" auf der Bühne oder zusammen mit meiner Freundin Mimi Monstroe. Die Kingz of Berlin waren die erste Drag-King-Gruppe in Deutschland. Angefangen haben wir im Jahr 2000 mit Boygroup-Choreographien, also Take That und ähnliches parodiert, viel gesungen, gesteppt und getanzt. Mittlerweile probieren wir neue Kunstformen aus, Videos, Sketche, Hörspiele. Auch das Buch ist eine Fortführung von dem, was wir ohnehin die ganze Zeit machen.

Witte: Ich trete erst seit kurzem als Drag King auf, habe davor aber schon mit dem Projekt "Tarifzone A" Performances auf der Straße gemacht. Es ging unter anderem darum, Drag Kings in den Alltag zu transferieren.

Wie kommt man dazu, sich als Mann zu verkleiden?

Thilmann: Die Frage ist doch eher: Wie kommt man dazu, es zu vergessen? Verkleiden macht einfach Spaß. Die meisten werden sich als Kind einmal als Cowboy oder Indianer verkleidet haben.

Alles nur aus Spaß also? Oder stand am Anfang auch ein "Unbehagen der Geschlechter", wie das berühmte Buch der Gender-Theoretikerin Judith Butler auf deutsch heißt?

Witte: Ich fühle mich überhaupt nicht unbehaglich. Ich persönlich kann notgedrungen mit geschlechtlicher Dualität durchaus umgehen und - wenn es nötig sein sollte - mich sehr leicht als Frau einordnen. Aber ich finde es sehr spannend, die Grenzen auszutesten. Ich kann dir innerhalb von fünf Minuten als superfeminine Frau auf der Straße entgegenkommen, und dann in kürzester Zeit wieder ganz boyish aussehen. Und das ist mehr als Spaß. Ich kenne zu viele Menschen, die unter der gesellschaftlich festgeschriebenen Zweigeschlechtlichkeit leiden.

Thilmann: Der Spaß ist politisch. Wenn man sein Geschlecht formal ändern will, muss man seinen Leidensdruck mit Gutachten beweisen. Es muss einem so schlecht gehen, dass man nicht anders leben kann. Drag Kings dagegen verweigern den Zwang zum Leiden. Wir sind gegen eine feste Geschlechtereinteilung, aber wir können dabei noch lachen, tanzen und uns selbst feiern. Man kann sich ja auch einfach mal entspannen und an der Vielfalt erfreuen. Wer sich mit Unbehagen auf die Bühne stellt, kommt nicht weit. Das möchte keiner sehen.

Euer Buch "Drag Kings" hat ja einen ausgesprochen feministischen Ansatz. "Mit Bartkleber gegen das Patriarchat" lautet der Untertitel.

Witte: Mir geht es vor allem um die Dekonstruktion von Geschlecht: Was ist denn das, männlich oder weiblich? Drag Kings stiften Verwirrung und können so Männlichkeit demaskieren. Und das ist für mich eine Möglichkeit, das Modell der Zweigeschlechtlichkeit und damit auch das "Patriarchat" zu hinterfragen - und letztlich ins Wanken zu bringen.

Thilmann: Die Feminismus-Debatte war für uns einer der Auslöser, das Buch zu machen. Bei unseren Auftritten mit den Kingz of Berlin bekamen wir immer wieder Vorwürfe zu hören: ihr seid ja gar keine richtigen Lesben, ihr lauft über zum Feind, ihr klebt euch männliche Attribute ins Gesicht, wofür haben wir eigentlich jahrelang gekämpft?

Was sagt ihr zu solchen Vorwürfen?

Thilmann: Es gibt tatsächlich auch von Drag Kings sexistische Performances, bei denen Frauen etwa als Deko benutzt oder sexistische Lieder gesungen werden. Manchmal wird auch ganz unbedacht männliches Verhalten nachgeahmt. Da muss man dann schon aufpassen, dass man nicht das auf der Bühne wiederholt - und womöglich idealisiert, was man im Alltag bekämpft.

Witte: Am Anfang ging es vielen darum, möglichst echt rüberzukommen. Ich erinnere mich an einige Aufführungen, die sehr macho-betont waren. Mittlerweile wird mit sehr viel mehr Rollen gespielt, und das ist für mich auch der springende Punkt. Auf der Straße als Mann durchzugehen, ist nämlich gar nicht so schwer.

Der Frage, ob sich Drag-King-Sein und Feminismus widersprechen, widmet ihr in eurem Buch ein ganzes Kapitel.

Thilmann: Für uns war es von Anfang an wichtig, dass diese Kontroverse einen Platz hat. Wir wollten nicht nur die Vielfalt der Drag King-Szene abbilden und bejubeln. Wir wollten vielmehr eine Auseinandersetzung initiieren, die ein bisschen bohrt und fragt: Hey, was machen wir da eigentlich?

Wie reagieren Männer auf Drag Kings?

Witte: Manche geben richtig gute Tipps. Kürzlich zeigte mir ein Freund seinen Bart und sagte: Schau, so ist die Struktur, in die Richtung wächst das. Die meisten sind aber schwer irritiert und teilweise auch abgestoßen. Besonders durch sich widersprechende Elemente, wenn beispielsweise offensiv Brüste gezeigt werden und gleichzeitig ein Bart getragen wird.

Thilmann: Es kann natürlich auch bedrohlich sein, wenn ein Hetero-Mann merkt, dass sich eine Frau als Mann verkleidet und er sie immer noch attraktiv findet. Bedeutet das, dass er schwul ist?

Gibt es eigentlich auch heterosexuelle Drag Kings?

Thilmann: Was heißt schon hetero? Es gibt jedenfalls Frauen, die in heterosexuellen Partnerschaften leben und sich auf der Bühne als Mann verkleiden. Es gibt Frauen, die männlich auf die Welt kamen und jetzt mit einer Frau als lesbisches Paar zusammenleben. Irgendwann entdeckt vielleicht eine den Mann in sich und sie begreifen sich dann als Hetero-Paar. Oder eine biologische Frau und ein biologischer Mann leben zusammen in einer schwulen Beziehung. Es gibt auch schwangere Drag Kings. Das Leben ist bunt und die Liebe auch.

Das Gespräch führte Sylvia Vogt.

Pia Thilmann, 28, hat Philosophie studiert, organisiert Festivals, leitet Drag-Workshops und tritt als Toni Transit mit den Kingz of Berlin auf.

Tania Witte, alias Caya T. ist Diplom-Pädagogin, Journalistin und freie Autorin. Sie schreibt derzeit an ihrem ersten Roman, in dem natürlich auch ein Drag King vorkommt.

Das Buch: Drag Kings. Mit Bartkleber gegen das Patriarchat. Hrsg. von Pia Thilmann, Tania Witte und Ben Rewald. Berlin 2007, Querverlag, 19,90 Euro. Website: www.dragkingbuch.de

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