Dresdner Kreuzchor im Konzerthaus : Die Göttinnen weinen

Da bleibt kein Auge trocken. Der berühmte Dresdner Kreuzchor singt Brahms im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Ein ergreifender Abend.

Tomasz Kurianowicz
Mitglieder des Dresdner Kreuzchors.
Junges Talent. Mitglieder des Dresdner Kreuzchors.Foto: Matthias Krueger

Himmel, was ist das für ein Ensemble! Als die Eröffnungsfanfare ertönt und der Dresdner Kreuzchor, ein reiner Knabenchor, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die ersten Zeilen von Brahms’ „Schicksalslied“ anstimmt, ist es so, als würde einen jemand schütteln und rütteln, so herzergreifend ist diese Komposition. Natürlich liegt das auch an Hölderlins Gedicht, der Grundlage der Vertonung, bei der kein Auge trocken bleibt: „Es fallen die leidenden Menschen, blindlings von einer Stunde zur andern. Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

Der ganze Brahms-Abend ist ein großes Memento Mori, ein Sterblichkeitsreigen, der im Kontrast mit den Knabenstimmen seine Wirkung entfaltet. Luzide, präzise und perfekt timbriert trifft die Musik ins Mark. So geht es auch beim zweiten Stück weiter, Brahms’ „Nänie“. Zwar sind die Dresdner Philharmoniker nicht ganz auf der Höhe ihres Könnens – die Streicher verlieren sich manchmal in den Achtel-Passagen –, doch Dirigent Roderich Kreile beweist eine emotionale Erschütterungswucht, die sich immer wieder auf das Ensemble überträgt: als ginge es wirklich um Leben und Tod. Schillers Text wird vom Chor derart deutlich herausgearbeitet, dass die Liedzeilen wie eiserne Wurfgeschosse wirken: „Es weinen die Göttinnen alle, dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.“

Im Finale gibt der Chor alles

Ist man nah am Wasser gebaut, brechen nach der Pause mit Brahms’ „Deutschem Requiem“ die Dämme. Die Vertonung biblischer Texte wirkt wie die Essenz Brahms’schen Denkens: nicht nur in der musikalischen Logik an den Grenzen der Tonalität, aber auch im Ringen mit Schicksalsfragen zwischen Glauben und Zweifel. Der Kreuzchor gibt im Finale alles. Zu diesem Eindruck tragen auch die Soli-Einsätze der Sopranistin Sibylla Rubens und des Baritons Daniel Ochoa bei. Am Ende ist man nicht nur überglücklich, sondern auch über jeden sterblichen Zweifel erhaben.

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