Drucker Fritz Margull : Der Trick mit der Zuckertusche

Von Grass bis Meese: Fritz Margull ist auf Kunstdrucke spezialisiert. Jetzt muss er sein Atelier räumen. Ein Abschiedsbesuch.

Cara Wuchold
Stiller Ermöglicher. Drucker Fritz Margull, 71, in seinem Neuköllner Atelier.
Stiller Ermöglicher. Drucker Fritz Margull, 71, in seinem Neuköllner Atelier.Foto: Mike Wolff

„Hanns, wenn du hier jemals ausziehst, ich heb’ gleich den Finger!“ Der ehemalige Pferdestall in einem Neuköllner Hinterhof, den sein Künstlerfreund als Atelier nutzte, hatte es Fritz Margull gleich angetan. Und tatsächlich, ein halbes Jahr später ging Hanns Schimansky nach Weißensee – und Margull konnte die Remise beziehen. Den Sohn des Hausverwalters Victor Kopp kannte er um eine Ecke und auch das Bezirksamt, das den Umbau mitfinanziert hatte, war einverstanden. So kam der Drucker zu seinen eigenen Werkstatträumen.

16 Jahre ist das jetzt her. Und nun flatterte im September letzten Jahres die Kündigung ins Haus – Ende April muss Margull raus. Ein Vierzeiler, nach so vielen Jahren, mit weitreichenden Folgen. Denn das Ende des Mietverhältnisses wird das Ende des Druckateliers bedeuten. Fritz Margull ist 71, für einen Neuanfang fehlen ihm Kraft und Geld. Auf zwei, drei weitere Jahre hatte er sich eigentlich noch eingestellt. Er wollte einen Nachfolger suchen, der die Werkstatt übernimmt. Immerhin hat er für seine Maschinen inzwischen einen Interessenten, das Künstlerhaus Bethanien hat signalisiert, sie übernehmen oder zumindest unterstellen zu wollen. Die eine ist mit 1,40 mal drei Meter eine zweieinhalb Tonnen schwere Sonderanfertigung und damit Deutschlands größte Presse.

Allerdings geht es dabei nicht nur um Margull. Sondern auch um Editionen, die Kunst für viele kleinere Sammler erschwinglich macht. „Wenn Fritz Margull aufhört, wird es in Berlin in absehbarer Zeit keinen Ort mehr geben, wo Kunst von internationalem Rang gedruckt werden könnte“, das ist für Andreas Krüger klar. Der ehemalige Geschäftsführer des Kreativkaufhauses Modulor am Moritzplatz weiß um den Wert von Handwerkskunst. „Margull nimmt auch international eine absolute Sonderstellung ein in einem Berufszweig, der höchste Spezialisierung, Fingerspitzengefühl und Hingabe verlangt“, unterstreicht Krüger, der jetzt als Geschäftsführer einer Berliner Beratungsgesellschaft für kreativwirtschaftliche Stadt- und Projektentwicklung arbeitet. „Er ist ein stiller Ermöglicher ohne Rampenlicht.“

Drei große Arbeiten von Max Neumann hängen an den Wänden

Das Atelier in der Uthmannstraße ist tatsächlich eher ein Versteck. Den weiß getünchten Klinkerbau erreicht man nur über den Hof. Und hinter der alten Holztür entsteht auf gerade einmal 80 Quadratmetern: große serielle Kunst. Der Werkstattraum ist hoch, an den Wänden unter dem Glasdach hängen drei großformatige schwarz-weiß-dominierte Arbeiten von Max Neumann in hellen Holzrahmen – natürlich von Margull gedruckt. Neonleuchten verstärken das Licht, graue Spinnweben zeugen von der Zeit. Eine große, runde Uhr steht still auf Viertel vor vier.

Fritz Margulls Berufsweg begann mit einer Siebdruckerlehre bei der Firma Domberger in Stuttgart. Danach ging er nach Berlin und übernahm bereits mit 25 Jahren einen Lehrauftrag in der Kunstpädagogik an der Hochschule der Künste, inzwischen Universität der Künste. Über den Künstler Max Neumann bekam er die Chance, in der Pariser Druckerei der Sammlerfamilie Maeght zu hospitieren. Dort druckte man auch für Picasso, Matisse und Calder. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Fritz Margull schon eng mit Günter Grass zusammen. „Aber was ich für ihn bis dahin gemacht hatte, war ziemlich normal an Techniken. Bei Maeght haben sie Sachen gemacht, die ich noch nie gesehen hatte, und dann bekam ich richtig Feuer“, schwärmt er noch heute.

Auch Jörg Immendorff, Leiko Ikemura und Jorinde Voigt kamen zu ihm

Das Radio in der Remise läuft leise, der Regler ist farbbeschmiert, daneben: ein Stapel CDs und Kassetten. Puderzucker und Kreide finden sich neben kleinen Dosen und Tuben mit Radiertinte. Auf einem der Arbeitstische liegen Fotogravuren von Thomas Scheibitz, alles passiert in Handarbeit, so entstehen 25, 30 Blätter am Tag. Auch Jörg Immendorff, Franz Ackermann, Leiko Ikemura und jüngere Künstler wie Anselm Reyle oder Jorinde Voigt zogen sich hierher zurück. Mit Günter Grass arbeitete der Drucker über 40 Jahre zusammen. Zuletzt war der Autor und Zeichner 2011 in Neukölln, für seinen Radierzyklus zu „Hundejahre“, der zum 50. Jubiläum des Romans erschien. „Am Ende waren es dann 130 Radierplatten, die er gezeichnet hat, ein Kraftakt“, sagt Margull. In einem Dokumentarfilm sieht man Grass damals die schmale Eisentreppe hochgehen, den Andruck in der einen, die Platte in der anderen Hand, Pfeife im Mund. Dann oben am Schreibtisch, konzentriert arbeitend, in dem kleinen Raum mit Glasfront und Blick auf die Werkstatt. „Das ist ein wunderbarer, einsamer Prozess, in dem man nur die widerständige Kupferplatte hört, die Nadel dadrin“, so Grass.

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