Drummer Max Weissenfeldt im Porträt : Trommeln für den Weltfrieden

Max Weissenfeldt hat mit Lana del Rey, Embryo und Dr. John gespielt. Jetzt bringt der Schlagzeuger mit seinem Kollektiv Polyversal Souls das fabelhafte Album "Invisible Joy" heraus.

Andreas Müller
Schlagzeuger Max Weissenfeldt und der ghanaische Griot Guy One, die zusammen bei den Polyversal Souls spielen.
Schlagzeuger Max Weissenfeldt und der ghanaische Griot Guy One, die zusammen bei den Polyversal Souls spielen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein gewaltiges altes Fabrikgebäude am Rande von Kreuzberg. Zahllose Start-up- Unternehmen besiedeln Räume, in denen einst schwere Maschinen standen. Computer haben sie ersetzt. Ganz oben, unterm Dach, tut sich hinter einer unscheinbaren Tür eine ganz andere Welt auf: Mannshoch stapeln sich analoge Effektgeräte, ein altersschwaches Mischpult kauert in der Ecke. In einem Regal stehen hunderte Schallplatten, vornehmlich Klassiker des modernen Jazz. Ein Schlagzeug ruht auf alten Teppichen, die den Boden bedecken.

Das erinnert an Übungsräume, wie sie Bands in den Siebzigern besaßen. Ein bisschen muffig, aber einzigartig gemütlich. An diesem Ort nahe am Kreuzberger Himmel entsteht seit einiger Zeit die polyversale musikalische Vision des Max Weissenfeldt, der hier auch sein Label Philophon betreibt. Beim Studiobesuch erklärt der 40-jährige Schlagzeuger, dass „der neuen Nachbarn wegen“ hier nicht mehr so viel geübt werde. Wohl aber aufgenommen. Ab abends gehen dann auch Bass und Schlagzeug.

Der in München aufgewachsene Weissenfeldt verfällt zusammen mit seinem Bruder Jan bereits als Teenager der afro-amerikanischen Musik. Man hört Hip-Hop und will wissen, woher die Samples kommen, aus denen der neue Sound entstanden ist. Die Brüder wühlen sich durch Second-Hand-Läden und sammeln besessen den Funk der sechziger Jahre. Mit ein paar Freunden gründen sie die Poets Of Rhythm. Eine Schülerband, die bald in der Lage ist, selbst die komplizierten Tracks der Meters aus New Orleans zu kopieren.

Weissenfeldts Poets Of Rhythm inspirierten die Gründung des Daptone Labels

Im Jahr 1993 erscheint „Practice What You Preach“. Ein Album, das viele Hörer zugleich erstaunt und verwirrt. Es klingt wie die Aufnahme einer verschollenen Funk-Kapelle oder eine Sammlung obskurer 7-Inch-Singles aus den besten Zeiten dieser Musik. Die Platte mag sich nicht viel verkaufen, sollte aber die Geschichte des Neo-Souls entscheidend beeinflussen, denn in New York hört Gabriel Roth den Sound der Poets und erkennt, dass es möglich ist, Soul und Funk im 21. Jahrhundert so klingen zu lassen wie früher. Das Daptone Label entsteht, aus der früheren Gefängniswärterin Sharon Jones wird ein Neo-Soul-Star und Roths Band, die Dap Kings, prägen Amy Winehouse’ Meisterwerk „Back To Black“. Gabriel Roth sagt heute: „Ohne die Poets Of Rhythm hätte es Daptone nie gegeben“.

Max Weissenfeldt wird das Funk-Konzept bald zu eng. Mit seinem Bruder Jan arbeitet er unter dem Namen The Whitefield Brothers und erweitert das musikalische Spektrum um äthiopische Beats und Klänge des Nahen Ostens. Schicksalhaft ist eine Begegnung mit den legendären Kraut-Jazzern von Embryo in München. Der junge Schlagzeuger jammt mit der Band und deren Drummer Christian Burchard ist so begeistert, dass „er mich in den Band-Bus kettet“, sagt Weissenfeldt lachend. 1999 war das, die nächsten fünf Jahre verbringt er auf Tournee, spielt hunderte Konzerte und geht dabei „im Dante’schen Sinne durch Himmel und Hölle“. Die Jahre mit Embryo seien seine Universität gewesen, meint Weissenfeldt, der sich das Trommeln weitgehend selbst beigebracht hat.

Er fährt nach Ghana, um mehr über Polyrhythmik zu lernen

Dass sein Name heute nicht mehr nur im Underground strahlt, ist einer anderen Begegnung geschuldet. Der Black-Keys-Gitarrist und Produzent Dan Auerbach hatte das Album „Earthology“ der Whitefield Brothers gehört und wollte diesen Drummer unbedingt für sein nächstes Projekt: ein Album mit der New Orleans-Legende Dr. John. Ein gemeinsamer Bekannter stellte den Kontakt her. „Ich musste ganz schnell rausfinden, wer denn dieser Dan Auerbach ist“, erzählt Weissenfeldt lachend. Angst hatte er vor den Sessions nicht. „Dr. John ist der liebste Mensch der Welt. Einer seiner Söhne heißt auch Max und da gab es sofort eine Connection. Er hat mir die ganze Zeit das Gefühl gegeben, dass er gut findet, was ich mache.“ Auerbach ist offenbar auch angetan und bucht den Deutschen anschließend gleich noch für Lana Del Reys „Ultraviolence“-Album, das er produziert.

Die Suche nach neuen Beats und der Herkunft der vielen Rhythmen, die Jazz, Funk, Soul und Hip-Hop zum Tanzen bringen, führt Weissenfeldt schließlich nach West-Afrika, die Heimat der Meistertrommler. 2010 reist er nach Ghana, um mehr über Polyrhythmik zu erfahren. Immer wieder fährt er dorthin, nimmt in Berlin entstandene Musik mit, um mit lokalen Musikern zu arbeiten. Für sein neu gegründetes Label Philophon verpflichtet er den ghanaischen Griot Guy One, der nun auf dem Album „Invisible Joy“ zu hören ist und auch beim heutigen Record-Release-Konzert im Yaam dabei sein wird.

Eingespielt hat es eine Polyversal Soul genannte Schar von Musikerinnen und Musikern aus Berlin, wo Weissenfeldt seit 2007 wohnt. Wie schon vor 20 Jahren die Platten der Poets Of Rhythm erstaunt und verwirrt dieses Album. Weissenfeldts Band schafft das Abenteuerliche: eine Fusion afrikanischer, karibischer und europäischer Musiken. Ein Miteinander von Jazz und Folk, ohne dass auch nur eine Sekunde irgendein schreckliches Weltmusik-Klischee aufblitzen würde. Verständnis und Respekt aber auch hochkarätiges Spiel schaffen eine einzigartige Atmosphäre.

„Wir brauchen eine Weltkultur, um in Frieden zusammenleben zu können.“

Die vielen in die Stadt eingewanderten Musiker machen es möglich. „Berlin ist ein paradiesischer Ort“, meint Max Weissenfeldt. „Die Musikerdichte ist hoch, das Niveau ebenfalls, und die Offenheit der Musiker ist groß. Es gibt sehr viel Kreativität.“ Anders als in London, wo er mal neun Monate wohnte, sei man hier bereit, an Sachen wirklich zu arbeiten und zu feilen. Die Szene dort sei nicht sonderlich kollegial. „In Berlin sind alle viel umgänglicher und ich muss sagen: Berlin ist die beste Stadt der Welt“.

Auf jeden Fall ist hier ein Ort, an dem Weissenfeldts Vision Gestalt annahm. „Mir geht es darum, mit dieser Platte Teil einer Bewegung zu sein, die sich gerade in Richtung Weltkulur entwickelt. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, um uns als Menschheit als Einheit wahrzunehmen. Da ist die Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen ganz wichtig. Ich will ein Beispiel dafür geben, wie leicht man Kulturen zusammenfügen kann, wie man sich ergänzt und wie man voneinander lernt.“ Max Weissenfeldt ist sich bewusst, dass das ein bisschen pathetisch klingt, aber mit seinem Anliegen ist es ihm sehr ernst. Er sagt: „Wir brauchen eine Weltkultur, um als Menschheit weiter in Frieden zusammenleben zu können.“ Mit der Platte will er das unterstützen.

„Invisible Joy“ erscheint auf Philophon. Record-Release-Konzert: Yaam, An der Schillingbrücke 3, 3. Juli, 21 Uhr

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