Kultur : Eduard Gaertner: Dieser Himmel über Berlin

Michael Zajonz

Wer Berlin je mit den Augen des Liebenden sah, kennt dieses Blau. Intensiv und verschleiert zugleich, von transluzider Großzügigkeit, die ein leichter Zug ins Grünliche noch steigert. Fotografieren lässt sich solch tiefgründiger Himmel nicht. "Berliner Blau" scheint allein für die Malerei gemacht. Der Architekturmaler Eduard Gaertner (1801-77) hat es dutzendfach auf die Leinwand gezaubert. Ob über den Prachtbauten der Linden, weit gespannt zwischen den Doppeltürmen des Gendarmenmarkts oder gespiegelt im Wasser der Spree - erst die physische Präsenz des Atmosphärischen macht aus altbekannten architektonischen Versatzstücken unverwechselbare Ansichten der preußischen Residenz. Eine Retrospektive im Ephraim-Palais zeigt nun etliche Kostproben davon.

Gaertners Fähigkeit, Alltägliches mit Sublimem zu versöhnen, galt den Auftraggebern - von König Friedrich Wilhelm III. bis zum befreundeten Schlossermeister - als höchste Kunstfertigkeit. Spätere Generationen wollten in seinen akribischen Architekturnotaten zumeist biedermeierliche Pedanterie sehen. Erst Hugo von Tschudi erkannte in der legendären "Jahrhundertausstellung" von 1906 in Gaertners Malerei "Töne von verblüffender Wahrheit." Gleichwohl liegt ihre letzte Präsentation ein viertel Jahrhundert zurück.

Ausstellungskurator Dominik Bartmann will das vernachlässigte Werk nun endgültig rehabilitieren und gleichberechtigt neben das der Berliner Maler-Heroen Carl Blechen und Adolph Menzel stellen: Aus Anlass des 200. Geburtstages präsentiert die Stiftung Stadtmuseum etwa 60 Gemälde, 150 Zeichnungen und Aquarelle Gaertners sowie zahlreiche kulturhistorische Objekte; darunter rund 30 Abzüge aus der bislang unbekannten Fotosammlung des Künstlers.

Programmbilder waren Gaertners Sache nie. Kein Blick auf Griechenlands Blüte, keine Gesellschaft in Betrachtung des Militärs. Johann Gottfried Schadow kommentierte die hiesige Kunstproduktion: "Jedes Kunst-Stück werde hier behandelt wie ein Portrait oder Conterfey." Auch bei Gaertner schauen wir der Stadt ins Gesicht - zuweilen auch über die Schulter. Jedes Detail, etwa der beiden fulminanten Darstellungen der Schlosshöfe von 1830/31, ist überprüfbar. Dennoch leben sie wie gute Porträts aus einem Überschuss - hier ist es die graugelbe Erdigkeit der Steinfassaden, die eine historische Dimension angibt und den Hohenzollernsitz zum Leitfossil der Architektur erhebt.

Eduard Gaertners Kunst wurzelt fest in handwerklicher Tradition. Wie andere Architekturspezialisten seiner Generation begann der aus kleinen Verhältnissen Stammende zunächst als Porzellanmaler der Königlichen Manufaktur. Wohl mit geringem Nutzen, da er nach eigener Aussage "nur Ringe, Bänder und Käntchen zu machen hatte." Als eigentlicher künstlerischer Mentor wirkte der Hoftheatermaler und Gründer des Berliner Dioramas Carl Wilhelm Gropius. Von ihm lernte Gaertner die Technik perspektivisch-illusionistischer Prospektmalerei.

1825 wanderte Gaertner zu Fuß nach Paris. Im Atelier des Landschaftsmalers Jean Victor Bertin holte er sich den letzten Schliff. Hier entdeckte er auch - wohl durch englische Künstler angeregt - die gotische Baukunst. Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen umkreisen die Kathedrale von Notre-Dame. Die zeittypische Verklärung des Mittelalters liegt Gaertner fern: Die mächtige Baumasse des Gotteshauses ist fest mit ihrem urbanen Umfeld verwoben und erscheint im Gemälde "Rue Neuve-Notre-Dame" von 1826 sogar nur beiläufig im Hintergrund der Komposition. Bei seiner Rückkehr 1828 war Gaertner ein "fertiger" Maler.

Suggestiver Sog

Seine virtuose Darstellung von Licht, Luft und Staub hatte fortan Erfolg beim Publikum. Ob Eisenbahnbrücken in der ostpreußischen Provinz oder das Dach der Ravenéschen Eisenhandlung an der Friedrichsgracht: Ihre Welthaltigkeit erzeugt sich durch malerische Spannung jenseits des Sujets. 1833 wurde Gaertner in die Berliner Akademie aufgenommen. Im Jahr darauf kaufte Friedrich Wilhelm III. Gaertners sechsteiliges Winkelpanorama Berlins, vom Dach der Friedrichwerderschen Kirche aus gesehen.

Eine Zweitfassung konnte der Künstler an die russische Kaiserin Alexandra Feodorowna - die Tochter Friedrich Wilhelms und der Köigin Luise war süchtig nach Erinnerungen aus der Heimat - verkaufen. Die drei in Peterhof bei St. Petersburg erhaltenen Tafeln sind nun wieder an die Spree gereist. So bietet sich ein direkter Vergleich. Allein der suggestive Sog dieses Arrangements macht die Panorama-Leidenschaft des 19. Jahrhunderts begreiflich.

Die zwei Triptychen der Berliner Fassung erlauben noch die 360 Grad-Sicht über das Stadtzentrum. In einer "eigenthümlichen Mischung von Erdenstaub und Himmelsdunst", so ein zeitgenössischer Rezensent, gelingt es dem Künstler, königliches und bürgerliches Stadtleben zu verschmelzen. Nicht isolierte Monumente preußischer Herrlichkeit, sondern ein dichtes Gewirr urbanen Lebens gewährt der imaginierte Blick von der Dachterrasse - den folglich nur bürgerliches Personal genießt. In hoheitsvoller Perspektive stellt Gaertner sich selbst sowie Schinkel, Beuth und Alexander von Humboldt an die Balustrade.

Das größte Verdienst des Ausstellungsprojekts besteht in seinem wissenschaftlichen Ertrag. So konnte Wasilissa Pachomova-Göres in einem brillanten Katalogaufsatz etliche Legenden ausräumen, die sich an Gaertners drei Russland-Reisen von 1837 bis 1839 knüpften. Wie schon in Paris wurde der Künstler selbst initiativ, musste sich die Kontakte in höchste Kreise mühevoll erkämpfen. Der Maler als cleverer Unternehmer: Da St. Petersburg als künstlerisches Thema weitgehend abgegrast war, wendete sich Gaertner entschlossen Moskau zu.

Das Ausgestellte lässt von all dem wenig erahnen. Gaertners Talent, sich jenseits üblicher Blickwinkel einen höchst individuellen Zugang zur Topographie eines Ortes zu erschließen, zeigen insbesondere die Moskauer Arbeiten. Mag die phantastisch anmutende Architektur des Kreml an sich reizvoll sein; überraschend lebendig wirken diese Bilder erst durch unkonventionelle Standpunkte und zahlreiche Staffagefiguren, die Gaertner mit traumhafter Sicherheit erfasst.

Reif für den Berliner Olymp

Sicherlich ist das Medium des gemalten Stadtportraits Lichtjahre entfernt von den modernen Sehgewohnheiten. Doch wer etwas Geduld mitbringt, wird belohnt. Teils Jahrzehnte auseinander liegende Darstellungen derselben Situation lassen künstlerischen Wandel wie zeitliche Dimension erfahren. Die Arbeiten auf Papier - von Gaertner fast ausschließlich als Vorbereitung für Gemälde konzipiert - verdeutlichen seine Zeichentechnik, lassen nebenbei auch technische Tricks, wie den Gebrauch der Camera obscura, für Laien nachvollziehbar werden.

Zwei Räume machen mit dem Portraitmaler und dem Landschafter bekannt. Hier zeigen sich allerdings die Grenzen seines Talents. Insgesamt jedoch ein Fest fürs Auge, auch jenseits historisch-topographischer Konkretion. Eduard Gaertner - eine Größe der Malereigeschichte? Wer den Himmel über Berlin liebt, für den besteht kein Zweifel mehr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar