Egon Schiele - Tod und Mädchen : Erfrieren von innen

Der Film „Egon Schiele – Tod und Mädchen“ ist grausam, schockierend - und aus mindestens zwei Gründen gelungen.

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Perfekter Schwiegersohn? Noah Saavedra als Egon Schiele, im Spiegel Valerie Pachner als Wally Neuziel.
Perfekter Schwiegersohn? Noah Saavedra als Egon Schiele, im Spiegel Valerie Pachner als Wally Neuziel.Bild: Alamode Film/Filmagentinnen

Vielleicht darf dieser Film Anspruch erheben auf eine der grausamsten Liebesszenen des Jahres. Die größtmögliche Grausamkeit ist dabei die seelische. Der Erste Weltkrieg, den die Zeitgenossen nur den Großen Krieg nannten, hat längst begonnen. Der junge Wiener Maler Egon Schiele ist entschlossen, nicht daran teilzunehmen, schon weil man beim Militär nicht zeichnen darf, nicht immer und überall. Solange er denken kann, hat er aber immer und überall gezeichnet; statt eines Stifts plötzlich ein Gewehr in der Hand zu halten, kommt ihm vor wie der Tod zu Lebzeiten.

Wally, seine getreue Wally, hat schon längst den Plan für den Ernstfall entworfen, sie fährt mit, sie wird ein Zimmer in der Nähe seiner Garnison mieten, er wird „Heimschläfer“ werden. Und dann lautet das Urteil: Ausbildung in Prag. Prag? Zum ersten Mal steht Ratlosigkeit in Wallys herb schönem Gesicht. Prag sei teuer. Sie können kaum das Atelier bezahlen, und dazu ein Zimmer in Prag? Und dann – kaum dass eine Atemlücke zwischen ihren Stimmen entsteht – sagt der Maler, der Mann ihres Lebens: Siehst du, Wally, darum bist du auch nicht die richtige Frau für mich! Ja, der Militäranwärter wird heiraten – eine der beiden Schwestern, die von der Wohnung gegenüber immer in sein Atelier schauen. Valerie Pachner als Wally Neuziel zeigt, wie man binnen eines Satzes von innen erfrieren kann, und keiner merkt es, am wenigsten der Verursacher, der Heiratskandidat. Als die junge Frau dann aufsteht und das Lokal verlässt, ruft er ihr hinterher: „Ich brauche Dich!“ Und nach kurzer Pause: „Für mein Bild!“

Der Film „Egon Schiele. Tod und Mädchen“ ist aus mindestens zwei Gründen gelungen. Noah Saavedra als Egon Schiele kann diese letzten Worte sagen, als sei es das Natürlichste der Welt. Dieser Mann kann, schon berufshalber, Frauen nur im Plural denken. Andererseits besteht kein Zweifel, dass es nie wieder einen Bund zwischen zwei Menschen geben wird wie den ihren. Der Zuschauer kann es bezeugen! Und auch Wally weiß es genau.

Ein Getriebener, man möchte seinen Dämonen nicht begegnen

Wally ist das Aktmodell, dass Gustav Klimt seinem jungen Kollegen geschickt hat, damit er aufhören möge, diese Fast- noch-Kinder zu zeichnen. Das scheint selbst dem alten Erotiker Klimt nicht empfehlenswert. Aber was heißt hier Erotik? Erotik ist mit der Schönheit verwandt – worauf aber deuten die schockierenden Entblößtheiten auf Schieles Bildern? Auf den Tod im gerade begonnenen Leben? Preisgegebener als dieser Maler hat keiner Menschen gemalt, sehr junge Menschen, die das Leben noch vor sich haben. Aber er zeigt: Es ist schon vorbei, es ist nie gewesen.

Kein Zweifel, Egon Schiele war ein Getriebener, man möchte seinen Dämonen nicht begegnen. Der Wahnsinn seines Vaters, der das Familienvermögen im Ofen verbrannte, reicht da gewiss nicht als Erklärung. Regisseur Dieter Berner inszeniert diesen Besessenen keineswegs wie einen Besessenen. Denn genau hier liegt der Unterschied zwischen einem Psychopathen und einem Künstler. Noah Saavedra in seiner ersten Filmrolle gehört zu jenem Typus, dem jede Mutter gern ihre Tochter anvertrauen würde. Ein so sensitiver, offener, höflicher junger Mann, und kein Schatten über der Stirn. Fast darf man sagen: kein Schatten über diesem Film. Das ist nicht die übelste Regieidee.

Sie mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass wir heute, was Kinderpornografie betrifft, nicht nachsichtiger geworden sind, als es um 1912 der Fall war. Damals stand der junge Maler wegen Kindesmissbrauchs und pornografischer Darstellungen vor Gericht, mit anschließender Vernichtung des inkriminierten Materials. Was für Wandlungen hätte Egon Schiele wohl noch vor sich gehabt? Vor fünf Jahren ist sein Bild „Häuser mit Wäsche“ für 27,6 Millionen Euro versteigert worden. Schiele wurde nur 28 Jahre alt. Der Film über ihn beginnt in den letzten Tagen, da ist seine schwangere Frau Edith schon an der spanischen Grippe gestorben. Und Wally?

Zu sehen in: Cinema Paris, Cinemaxx, FaF, Union, International, Kulturbrauerei, Yorck

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