Kultur : Ein amerikanischer Satiriker und Anti-Kriegs-Schriftsteller mit Swifts Gift und Galle

Hellmuth Karasek

Der eine Roman wurde zum Symbol einer Epoche. Der andere hätte zum Symbol einer Epoche werden müssen. Joseph Hellers "Catch-22", 1961 erschienen, ist einer der ganz großen Anti-Kriegsromane der Weltliteratur, eine monströse Satire auf die Monstrositäten des Krieges, verifiziert an den Angehörigen eines Bombergeschwaders während des Krieges um Italien, das die Amerikaner in langwierigen Kämpfen vom Stiefel her von den Deutschen und von Faschismus befreiten.

Eine heroische Zeit also in einem gerechten Krieg, aber was der 1923 geborene Heller (an eigenen Erfahrungen) verarbeitet, zeigt nichts Heroisches, nichts Gerechtes: Der Krieg ist ein Gemetzel, die Militärmaschinerie wird von besessenen Egoisten, gemeinen Schlächtern und verzweifelten Drückebergern in Gang gehalten - den Heldentod plant man immer nur für die Untergebenen, die man dem eigenen Ruhm opfert, und die militärische Ordnung - in Wahrheit ein groteskes Chaos - funktioniert nach Regeln, in denen der Wahnsinn die einzige Methode ist: "Catch 22" wurde zur sprichwörtlichen Chiffre für den paranoiden Kriegswahn, wie Hans Helmut Kirsts Titel "08/15" - nur dass Hellers diabolische Einsicht Kirsts Redlichkeit und seinem "Landserhumor" literarisch wolkenkratzerhoch überlegen ist.

"Catch 22" wurde zum Buch einer Epoche, und zum Buch einer Generation, der Anti-Vietnam-Generation, die das Buch zu ihrer Bibel erhob und sich nichts mehr von edlen Kriegszielen aufschwatzen lassen wollte. "Catch 22" wurde von Mike Nichols 1970 verfilmt, aber auch Antikriegsfilme wie Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" wären ohne Hellers Einfluss schwer denkbar gewesen.

Das zweite Buch, "Something Happened" (in deutscher Übersetzung: "Was geschah mit Slocum?"), zweifellos Hellers Hauptwerk, erschien 1974, ein schwieriger Brocken, ein fast 600 Seiten umfassender Monolog eines Angestellten im mittleren Management. Er hätte zum Symbol der Angestelltenwelt der sechziger und siebziger Jahre werden müssen, populär wie "Catch 22", denn das Elend der Wohlstandsgesellschaft, das Aufgeben des Einzelnen in der Corporate Identity der Firma (ein Corps-Geist, der als ähnlich stupide und idiotisch in seinen Ritualen, Bestialitäten und gebremsten Exzessen geschildert wird wie der Geist der Air-Force oder Army), die in Luxus sich ausbreitende Verelendung der Familie werden mit einem düsteren Humor geschildert. Hellers Kunststück: er öffnet uns die Untiefen dieser Welt mit den (scheinbar) beschränkten Mitteln des Ich-Erzählers, der nicht genau weiß, wovon er redet, es nur dumpf ahnt - und es dem Leser dadurch auf das Komisch-Schrecklichste offenbart. Ein Buch von Brueghelschen Dimensionen.

Als ich "Was geschah mit Slocum" las, mit wachsend begeistertem Entsetzen, sah ich ein Foto von Heller in einer Zeitung: ein weiß gelockter fröhlicher Herr, der einen schön getrimmten weißen Pudel im Arm hielt. Kurz darauf lernte ich den Autor kennen. Er war gerade dem Tod durch eine schreckliche, ihn buchstäblich lähmende Krankheit von der Schippe gesprungen, promovierte in Deutschland sein Buch "Good as Gold" - und war ein charmanter, heiterer, gelöster Mensch, bemüht, jene gelöste unterhaltsame Heiterkeit zu vermitteln, die Gespräche mit manchen New Yorkern so witzig und angenehm macht.

Dabei hatte der aus Brooklyn stammende Heller (seine Eltern waren jüdische Einwanderer aus Rußland, der Vater starb, als Heller fünf Jahre alt war) gerade ein satirisches Porträt der politischen Metropole Washington geschrieben, ein böse funkelndes Buch über die "Catch 22"-Rituale in der amerikanischen Hauptstadt, über den Antisemitismus der politischen Oberschicht mitsamt einem von hellsichtiger Bösartigkeit blitzenden Porträt des Außenministers Henry Kissinger, voll von Swiftschem Gift und Swiftscher Galle.

Joseph Heller war lange krank, hat lange gelitten, hat seinem Leiden einen autobiografischen Bericht abgetrotzt. Er ist jetzt, 75jährig, in seinem Haus in East Hampton auf Long Island an einem Herzinfarkt gestorben. Die Höllenräume unseres Jahrhunderts, ob komfortabel oder blutig, hat er wie kaum ein Zweiter ausgeleuchtet.

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