Ein Archiv für Roma-Kunst : Endlich sichtbar werden

Eine europäische Kunstsammlung für Werke von Sinti und Roma existiert bislang nicht. Das digitale RomArchive soll diese Lücke schließen. Ein Gespräch mit den Initiatorinnen.

Astrid Hebold
Kriterien für Roma-Kunst müssen noch gefunden werden. Hier das "MobileSurveillanceDevice" von Daniel Baker.
Kriterien für Roma-Kunst müssen noch gefunden werden. Hier das "MobileSurveillanceDevice" von Daniel Baker.Foto: Anthony David Vaughan

Nein, die Preisfrage lautet nicht, was der Schauspieler Yul Brynner, die Schlagersängerin Marianne Rosenberg und Rolling-Stones-Gitarrist Ron Wood gemeinsam haben. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie haben es zwei Berlinerinnen geschafft, der Kulturstiftung der Bundes (KSB) 3,75 Millionen Euro für ein noch im Aufbau begriffenes Digitalprojekt zu entlocken? Genauer gesagt: für ein mehrjähriges, internationales, interdisziplinäres Vorhaben, bei dem zunächst weder die Mitwirkenden noch die genauen Resultate feststanden, bei dem es keine künstlerische Leitung gibt und weder die beiden Antragstellerinnen noch die KSB als Geldgeber inhaltliches Mitspracherecht haben.

Man muss die Geschichte des RomArchive ganz von vorne erzählen, um den kulturpolitischen Coup zu verstehen, den Franziska Sauerbrey und Isabel Raabe, die gemeinsam ein Kulturbüro betreiben, gelandet haben. Den ersten Anstoß gab das Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma, das seit 2012 im Tiergarten steht. Damals hatten Raabe und Sauerbrey im Auftrag des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma das kulturelle Begleitprogramm mit organisiert. „Da haben wir uns zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt – und waren vom eigenen Unwissen schockiert“, erzählt Raabe.

Rund 12 Millionen Sinti und Roma gibt es heute in Europa, damit sind sie die größte europäische Minderheit. Manche leben am Rande der Gesellschaft, oft in großer Armut, andere sind integriert oder sogar vollständig assimiliert. Ihre jahrhundertealte Kultur – Musik, Tanz, Theater, Literatur und Kunst – ist reich, aber kaum bekannt. Raabe und Sauerbrey gelang es, die KSB 2013 zu überzeugen, dass hier dringend Recherchen nötig sind.

Höchste Priorität: Kunstwerke finden

„In den folgenden eineinhalb Jahren reisten wir durch ganz Europa, trafen Roma-Aktivisten, Wissenschaftler, Künstler.“ Überall stellten sie die gleiche Frage: Was fehlt? Was wünscht ihr euch? Die Antworten ähnelten sich: Einen Ort, an dem unsere Kunst gezeigt wird, sagten die einen. Eigene Museen und Sammlungen, forderten andere. Endlich sichtbar werden, betonten alle.

Wieder daheim entwickelten Raabe und Sauerbrey die Idee für das RomArchive. Das Konzept ist einigermaßen komplex. Zum einen sollen Kuratoren die weit verstreuten Schätze finden, sichten und digitalisieren lassen. Schon das ist absolute Pionierarbeit, denn in vielen Sparten, zum Beispiel Tanz und Theater, gibt es bislang keine professionellen Archivstrukturen. Zum anderen sollen die Digitalisate nicht einfach in eine Datenbank eingespeist und kommentarlos ins Internet gestellt werden. Klasse statt Masse, heißt die Devise. Exemplarische Bilder, Videos, Fotos und Tonaufnahmen sollen präsentiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Begleittexte erklären die Werke, ihre Entstehung, ihre inhaltlichen Bezüge. Kein klassisches Archiv also, sondern eine Art Internet-Museum.

Ende 2014 bewilligte die KSB das Projekt. Geld war nun da, ein fünfköpfiges Kuratorenteam existierte, für den Beirat waren etliche Organisationen aus mehreren europäischen Ländern benannt. Aber wie weiter? „Es war von Anfang an klar, dass wir nur den Rahmen bilden“, sagt Raabe. „Sinti und Roma bestimmen die Inhalte.“ Die reagierten zunächst jedoch sehr misstrauisch. War diesen zwei Gadje, diesen Nichtroma, zu trauen? Es hat in den letzten Jahrzehnten nicht an gutgemeinten Projekten für Sinti und Roma gemangelt, doch die anfangs oft versprochene Teilhabe fand am Ende fast nie statt.

„In unserem kollektiven Gedächtnis ist das fest verankert“, erklärt Nicoleta Bitu, Roma-Aktivistin aus Bukarest und mittlerweile Beiratsvorsitzende des RomArchive. „Immer hieß es, ihr seid zu emotional, zu subjektiv, zu wenig vorbereitet.“ Und so blieb es bei Fremdbestimmung und Alibi-Partizipation. Dabei bemühen sich die Interessensgruppen wie der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma oder die European Roma Cultural Foundation seit vielen Jahren darum, Emanzipation und Selbstrepräsentation zu stärken.

Dass das Konzept „Roma Leadership“ beim RomArchive ernst gemeint ist und tatsächlich bis ins letzte Detail durchdekliniert wird, konnten weder Künstler noch Aktivisten so recht glauben. „Es hat lange gedauert, bis das Vertrauen da war“, sagt Raabe. Die letzten zwei Jahre haben die Initiatorinnen mit dem Aufbau von Strukturen verbracht. Mittlerweile haben 15 Kuratoren ihre Arbeit aufgenommen und mit der Zusammenstellung der Sammlung begonnen, darunter die ungarische Kunsthistorikerin Tímea Junghaus, die 2007 den Roma-Pavillon auf der Biennale Venedig kuratiert hat. Sie betreut den Archivbereich Bildende Kunst.

Gegenerzählungen formulieren

Doch fast noch wichtiger als die europaweiten Recherchen der Kuratoren sind die Sitzungen des mittlerweile 14-köpfigen Beirats, die nun regelmäßig in Berlin stattfinden. Es geht hoch her bei diesen Treffen, berichtet Isabel Raabe. „Wir erleben sehr kontroverse Diskussionen.“ Die Teilnehmer kommen aus Ungarn, Serbien, Mazedonien, Österreich, Deutschland, Tschechien, Rumänien, Spanien und den USA. Gemeinsam wollen und müssen sie Richtlinien für das RomArchive erarbeiten. Die Fragestellungen sind alles andere als banal: „Was ist überhaupt Roma Art? Wen betrachten wir als Roma-Künstler? Was soll das RomArchive sammeln?“, fasst Bitu zusammen. So mühsam die inhaltliche Auseinandersetzung ist, so nötig sei sie. „Hier haben wir einen geschützten Raum für diese Debatten.“

Beirat und Kuratoren stehen vor einer Mammutaufgabe: die Kunst- und Kulturgeschichte von Sinti und Roma neu zu schreiben. Gegenerzählungen formulieren. Sich endlich vom Klischee der Bettler und Diebe, denen die Musik angeblich im Blut liegt, befreien. Vor wenigen Wochen hat sich der Beirat auf ethische und kuratorische Richtlinien für das RomArchive geeinigt. Der zentraler Gedanke lautet: Man wolle dem „strukturellen Rassismus, der zu antiziganistischen Darstellungen der Identitäten, Künste und Kulturen von Sinti und Roma führt, entgegenwirken.“ Wenn aus kulturgeschichtlichen Gründen doch „stereotype oder andere verletzende Darstellungen“ von Sinti und Roma gezeigt werden, dann müssen diese Inhalte kritisch eingeordnet werden, „um weiteren Schaden zu vermeiden“. Dies gilt übrigens ausdrücklich auch für Werke, die von Roma selbst stammen.

Nicht alle Künstlerinnen und Künstler mit Sinti- oder Roma-Wurzeln legen indes Wert darauf, unter dem Label „Roma-Kunst“ im Internet aufzutauchen. Gegen seinen Willen wird daher niemand ins Archiv aufgenommen, auch das hat der Beirat beschlossen. Es gibt durchaus Künstler, die schon signalisiert haben, dass sie nicht gelistet werden wollen. Warum überhaupt unterscheiden zwischen deutschen, ungarischen oder tschechischen Künstlern auf der einen und Roma-Künstlern auf der anderen Seite? Schafft man so nicht neue Abgrenzungen statt alte zu beseitigen? Prominente wie die eingangs erwähnten Yul Brynner oder Marianne Rosenberg werden in der Öffentlichkeit nicht ausdrücklich als Roma wahrgenommen, obwohl sich beide für die Rechte von Sinti und Roma einsetzen beziehungsweise eingesetzt haben.

Einfluss von Roma-Kultur in Europa

Die ethnische Zuschreibung ist eine der theoretischen Schwachstellen des Projekts, das weiß auch Isabel Raabe. „Wir hoffen, dass Roma-Künstler eines Tages ganz selbstverständlich als Teil der europäischen Kulturgeschichte in den Sammlungen europäischer Museen präsent sind. Noch sind sie das aber nicht.“ Das Projekt füllt eine Leerstelle. Bitu sieht das ähnlich: „Wir sind hier seit vielen Jahrhunderten, wir waren immer Teil der künstlerischen Produktion – aber das wurde nicht wahrgenommen.“ Die Online-Ausstellungen sollen zeigen, wie eng die Kunst der Roma mit dem europäischen Mainstream verwoben ist. „Es hat vielfältige gegenseitige Beeinflussungen gegeben, nicht nur in der Musik.“

2018 wird das RomArchive erste Sammlungsergebnisse für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Danach soll die Webseite stetig weiter wachsen. 2020 endet die Förderung der KSB – und auch die organisatorische Arbeit von Raabe und Sauerbrey. Anschließend wird das RomArchive einer Institution übergeben, die von Sinti und Roma geleitet wird. Welche das sein wird, weiß Isabel Raabe nicht. Die Entscheidung liegt allein im Ermessen des Beirats.

Das RomArchive findet sich unter: https://blog.romarchive.eu

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