„Ein fauler Gott“ von Stephan Lohse : Klopft der Tod an die Tür

Plötzlich ist er tot, der kleine Jonas. Bruder und Mutter müssen damit klarkommen. Stephan Lohses Debüt „Ein fauler Gott“ erzählt von ihrem Umgang mit diesem Verlust, anrührend, kitschfrei.

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Ruhe in Frieden. Eine Engelsfigur auf einem Grabstein im Waldfriedhof.
Ruhe in Frieden. Eine Engelsfigur auf einem Grabstein im Waldfriedhof.Foto: Carmen Jaspersen/dpa

So eine Frage kann einen Jungen zur Verzweiflung bringen: „Warum stirbt jemand, obwohl niemand dafür gebetet hat, und warum lebt jemand, obwohl er es nicht mehr möchte.“ Überhaupt, dieser komische Gott, denkt sich der elfjährige Benjamin Schrader in Stephan Lohses Roman „Ein fauler Gott“, der muss wirklich beschäftigt sein, bei den vielen Kirchen und Menschen auf der Welt! Und dann holt er sich noch seinen kleinen Bruder Jonas als Engel zu Hilfe, wie es seine Mutter ihm bei Jonas’ Beerdigung zuflüstert. Was Ben gar nicht mehr versteht: „Fauler Gott. Fauler Kackgott.“

Die Religion, der Glaube an Gott – sie bieten wenig Trost, wenn ein geliebter Mensch stirbt, ein Kind gar. Das also ist schnell geklärt in diesem Roman, der dann in stetig wechselnden Perspektiven erzählt, wie Benjamin und seine Mutter Ruth versuchen, den plötzlichen, eigentlich unerklärlichen, möglicherweise durch eine Viruserkrankung verursachten Tod von Jonas zu verarbeiten.

Die Mutter droht daran zu zerbrechen, sie ist extrem suizidgefährdet. Ben dagegen hat es einfacher, auch weil er jung ist, sich kurz vorm Einsetzen der Pubertät befindet und das andere Geschlecht und überhaupt die Welt zu entdecken beginnt. Der gelernte Schauspieler Lohse (Thalia Theater, Schaubühne) ist nah an seinen beiden Figuren dran. Das liegt nicht zuletzt am manchmal enervierenden Erzählpräsens, aber auch an den quälend genauen, häufig sehr sachlichen Beschreibungen der Welt, in der Ben und seine Mutter leben.

Es sind die frühen siebziger Jahre. Das Attentat auf das israelische Olympiateam wühlt die Republik auf, der Radikalenerlass sorgt für Diskussionen, die Kinder heißen Ralf Grothmann, Beate Seibert, Martin Biastock, Oliver Erdmannsdorff oder eben Benjamin Schrader, und ihre Eltern versorgen sie mit „Was ist was“-Büchern, damit sie was lernen. Nur lesen die Kinder dann doch lieber Winnetou, in den grünen Ausgaben des Bamberger Karl-May-Verlags.

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„Ein fauler Gott“ steckt voller Zeitkolorit, was zuweilen keine Funktion erkennen lässt. Zumindest erklärt es die Hilflosigkeit und das Verzweifeltsein der Mutter: psychotherapeutische oder seelsorgerische Begleitungen gibt es noch nicht in dem Maß. Zumal Lohse Ruths Herkunftsgeschichte miterzählt, da sie sich schon auf der Flucht vor den Russen und überhaupt wegen des Krieges um Kindheit und Jugend betrogen fühlt.

Lohses Roman steckt voller Trauer und Verlust, er ist anrührend, aber gänzlich kitschfrei und erzählt im Subtext von einem gar nicht so heiteren Erwachsenwerden. Wer hier wen mehr braucht, Ben seine Mutter oder doch vor allem sie ihn, als Stütze zum Weiterleben, bleibt uneindeutig. Klar jedoch zeigt sich, dass Gott nicht hilft, trotz seiner Dauerpräsenz in der kleinbürgerlichen Welt der siebziger Jahre. „Hat er noch etwas gesagt?“, fragt die Mutter Ben am Ende, als sie über dessen letzten Besuch bei Jonas im Krankenhaus sprechen. „Ja, dass er vor Gott keine Angst hat.“

Stephan Lohse: Ein fauler Gott. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 330 S., 22 €.

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