Kultur : Ein Feldherr ohne Armee

Peter Stein liest Schillers „Wallenstein“ – in Berlin. Und schaut zurück auf seine Bühnen. Begegnung mit einer Legende

Rüdiger Schaper

Das sagt er plötzlich, nebenbei: „Kunst ist die einzige menschliche Tätigkeit, die keinen Schaden verursacht. Alles andere, Technik, Industrie, macht die allergrößten Probleme, und die Götter werden diese Aktivitäten bestrafen.“

Sagt der Industriellensohn, der Theaterregisseur geworden ist. Ein schlagendes Selbstporträt steckt in diesen Worten. Hybris und Demut, Schnoddriges und Erhabenes zu gleichen Teilen: „Dichter, Maler, Musiker, Architekt: Alles wäre ich lieber geworden als Theatermann. Aber ich kann es nicht. Ich habe keine Disziplin, keine Geduld, es fehlt am Talent. Deswegen blieb diese komische Mischbegabung übrig, die Regie. Von allem ein bisschen, und nichts richtig.“

Ein Gespräch mit Peter Stein im Hause Peymann. Das ist ein Reizwort für ihn: Peymann. Heftiger noch sind die Ausschläge bei einem anderen Namen: Castorf. Am wenigsten aber kann er ertragen, wenn man ihn verbittert nennt. Von all dem, unvermeidlich, nachher mehr. Peter Stein sagt, er habe Zeit. Ein Interview? Die Fragen werden immer seltener, die Antworten immer länger. Es tut überraschend gut, ihm zuzuhören, dem Mann, der am heutigen 1. Oktober 68 Jahre alt wird und der seine eigene Legende ist; da kann er sagen, was er will. Der vielleicht deutscheste aller deutschen Regisseure, der eine Stunde von Rom ein gewaltiges Landgut besitzt, San Pancrazio, und dort zum Theaterunternehmer wurde.

Ein Spätnachmittag im September, man lässt sich nieder im Helene-Weigel-Zimmer. Zerschlissene Ledermöbel, eine Wand von weißen Schauspielermasken, gespenstisch schön und still. Peter Stein ist durch und durch schwarz gekleidet und, noch eine Überraschung, gut gelaunt. Nächste Woche wird er am Berliner Ensemble den „Wallenstein“ lesen, ganz allein den ganzen Schiller’schen „Wallenstein“, über vier Abende. Ein öffentliches Exerzitium für die – nach faustischer Art – wiederum integrale „Wallenstein“-Inszenierung, die Premiere soll 2007 sein. Dafür hat er Geld von der Bundeskulturstiftung bekommen, dank Antje Vollmer, die er seine Freundin nennt, und er wird wieder, wie beim 21-Stunden-„Faust“, private Sponsoren brauchen.

„Wallenstein“ in Frankfurt am Main. Nicht in Berlin. In Berlin ist er geboren, hier hat er 1970 die Schaubühne neu gegründet und mit ihr die Theaterkunst neu erfunden. So hat man es damals gesehen, so steht es in den Büchern. 1985 war dort Schluss für Stein, es gibt noch manche offene Wunde aus der Zeit des Ab- und Niedergehens, bei ihm selbst und bei anderen. Theater ist flüchtig, Theatergeschichte aber ist zäh. Wie merkwürdig: Da sitzt er im Sessel der Weigel, unter ihrem Bild, man blickt auf ihn, auf sie: Theaterleiter sind Tyrannen, so verletzlich wie unersetzlich.

Peter Stein zu Gast in Berlin, am Berliner Ensemble: also im falschen Museum, aber die Schaubühne hat er nachher nie wieder betreten. Der Mann hat den Stolz mit Löffeln gefressen. Man sieht es schon auf Kinderbildern in der kürzlich im Berlin Verlag erschienenen Stein-Biografie von Roswitha Schieb, einer 500-seitigen Hagiografie. Das ist das Problem. Weil Stein und die Schaubühne damals verehrt wurden wie kein zweites deutsches Ensemble je, hagelte es nachher enttäuschte Verrisse. Im Urteil über Steins Theater gibt es keine mittlere Lage. Auch bei ihm selbst nicht. Steins Gedächtnis für Kränkungen geht auf keine Elefantenhaut.

„Faust“ zum Beispiel. Fünf Jahre her. Stein sagt, die Kritiker hätten gar nicht hingeschaut, sondern sich irgendwo auf dem Gelände betrunken – vielleicht aus Kummer, möchte man hinzufügen. Anfang der siebziger Jahre, bei den Shakespeare-Workshops der Schaubühne, sei es auch nicht anders gewesen: „Die haben sich mit Bier abgefüllt, die Kritiker.“ Epochen ziehen vorüber. Und noch mal zum „Faust“: „Das war eine Veranstaltung, die nur bedingt mit Theater zu tun hatte.“ Sagt kein Kritiker, sondern Peter Stein selbst: „Du gehst in die dritte oder vierte Vorstellung und siehst, was das für ein Schrott ist.“

Es wird jetzt wieder früher dunkel, der leere Raum füllt sich mit Theatergeschichten. Irgendwann kippt jedes Leben auf die Seite der Erinnerung. Die Stein’sche Erinnerung ist fotografisch exakt. Manfred Wekwerth fällt ihm ein, da wir nun zufällig im BE sitzen, „ein besonders schlimmer Vertreter des DDR-Theaters“. Mitte der Sechziger hatte Stein mit dem Gedanken gespielt, nach Ost-Berlin überzusiedeln und am Brecht-Theater zu arbeiten. Er sprach am Schiffbauerdamm vor, und: „Die haben mich als Vertreter des westlichen Kapitals zur Schnecke gemacht. Natürlich bin ich auch nicht gerade unterwürfig aufgetreten, das ist nicht meine Art.“ Wenig später hat sich damals eine ähnliche Szene in West-Berlin abgespielt. Stein wollte an die Schaubühne, die es auch schon vor ihm gab, am Halleschen Ufer. Auch dort fanden die Polit-Strategen, der junge Mann sei zu „bürgerlich dekadent“. Der Rest ist heute auch nicht jedem mehr bekannt. Stein ging an die Münchner Kammerspiele, nach Zürich und Bremen. Aus dem zweiten Anlauf nach Berlin wurde der Mythos.

Was davon bleibt? Bitterkeit? „Wie kommen Sie darauf, dass ich verbittert bin? Aber wenn mir dauernd Leute auf die Füße treten, belle ich zurück! Das habe ich allerdings noch nicht verloren.“ Was bleibt? Das Theaterhaus am Lehniner Platz, das „hätte es ohne mich nicht gegeben. Für mich hat Bestand, dass ich in der Lage war, die ,Orestie’ aus dem Altgriechischen ins Deutsche zu übersetzen. Und dass diese Übersetzung universitär anerkannt ist. Das ist wichtiger als jede Inszenierung“. 1980 hat er Aischylos in Berlin auf die Schaubühne gebracht, später noch einmal in Moskau. Der absolute Spitzenpunkt der Schauspielarbeit der Schaubühne sei aber erst einige Jahre später erreicht worden, glaubt Stein: mit den „Drei Schwestern“ von Tschechow und dem „Park“ von Botho Strauß. „Viele sind nie wieder so gut gewesen wie in diesen Aufführungen damals. Sorry, dass ich das jetzt sagen muss.“

Er sagt solche Dinge ungefragt. In dem Mann, der aber auch gleichzeitig von sich sagt, alles sei so gelaufen, wie er es sich gewünscht habe, arbeitet die Vergangenheit. Es hat etwas zutiefst Rührendes, wenn Peter Stein, der dann auch noch von sich sagt, er sei bis 2010 mit schönen Projekten ausgebucht, sich in ein Tschechow’sches Detail vergräbt. In den „Drei Schwestern“ ist von einem Maskenumzug die Rede, den man auf der Bühne nur hört. Stein rang sich seinerzeit dazu durch, die Karnevalisten auftreten zu lassen, und er weiß bis heute nicht, die Sache liegt über zwanzig Jahre zurück, ob es nicht ein Fehler war. Ob er Tschechow mit den lärmend vorgeführten Masken nicht einen Tort angetan hat – wie der „fürchterliche Stanislawski“, der 1901 in Moskau die Uraufführung inszenierte.

Man mag das als eine wunderbar sensible Haltung dem Dichter gegenüber feiern oder albern finden. Aber die skrupulöse Selbstbetrachtung führt zu der Grundfrage, was Regie ist, was Regietheater darf. Und dann sind wir bei Frank Castorf. Den beschimpfen sie alle gern – Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann. Wobei Stein und Peymann sich gegenseitig immerzu Heuchelei und Abzockerei vorgeworfen haben. Und Stein sagt es wieder, das gehört zum Geschäft: „Peymann hat mich öffentlich als kriminell bezeichnet, wegen meiner hohen Gage, die nur die Hälfte oder weniger von seiner Gage ist.“ Zadek schweigt über Geldangelegenheiten. Weil seine Gagen sowieso alles übertreffen, was einmal am deutschsprachigen Theater möglich war und nur an der Wiener Burg und am Berliner Ensemble noch immer möglich ist.

Da kommt bei Stein ein rotziger Ton auf, bei der Erwähnung von Kollegentitanen. Diese Rotzigkeit ist ihnen allen eigen, ob Zadek, Stein oder Peymann. Oder Castorf. Auch der kann großartig rotzen. Rotzigkeit in dem Metier gilt als sicherer Ausweis, dass man bedeutend ist.

Zadek, Stein und Peymann gehören in eine Ahnenreihe. Castorf auch, aber anders. Er kam aus dem Osten. Und ist erst Anfang fünfzig. Stein nennt ihn „hoch begabt, aber nicht sehr gebildet“. Castorfs Theater – Stein hat allerdings vor zehn Jahren zum letzten Mal etwas vom Volksbühnen-Chef gesehen – beschimpft er als „intellektuelle Pornografie“. Plötzlich klingt Peter Stein wie Rudi Dutschke. Wie er bei den Schlagworten Sozialismus und Dekonstruktivismus den I-Laut verächtlich-genüsslich dehnt.

Es ist aber in diesem Gespräch ein weicher Peter Stein zu erleben. Er bereitet sich auf „Wallenstein“ vor. Gert Voss sollte der Feldherrn sein. Voss hatte schon zugesagt und sich dann anders entschieden. Jetzt wird er den Wallenstein 2006 bei Andrea Breth spielen, in Wien. Ausgerechnet bei Andrea Breth, sie gilt nicht ganz zu Unrecht als die Letzte, die etwas von Steins Schaubühne hinübergerettet hat in eine neue und, wie Stein meint, „kranke“ Theaterwelt, der die Castorfs ihren Stempel aufgedrückt haben.

Stein ist auch in Berlin, um sich Schauspieler anzuschauen, am BE, am Deutschen Theater. Nur er kann so über ein Riesenprojekt reden, für das er noch Millionen Euro und ein Ensemble einwerben muss: „Es wird die langweiligste Sache, die je auf einem deutschen Theater zu sehen war. Ältere Männer stehen und sitzen herum und quatschen über Politik!“ Demut und Hybris, gleichmäßig verteilt. Wenn Stein plötzlich umschwenkt, spürt man die dialektische Hochschule aus unendlichen dramaturgischen Schaubühnen-Debatten. „Schillers ,Wallenstein’“, sagt er, „ist eine gültige Beschreibung von politischer Wurstelei. Es passt auf jede Situation, besonders heute.“

Man kann das in Rüdiger Safranskis Schiller-Biografie nachlesen. „Wallenstein“ ist Weltpolitik. Schiller geht es um dieses Eine, in Steins Worten: „Wie fasse ich einen Entschluss? Die wahnsinnige Angst davor. Wenn ich den Entschluss einmal gefasst habe, brauche ich es im Grunde gar nicht mehr zu machen.“

So war es beim „Faust“. Was für Stein zählte, war der Entschluss, die ganze Tragödie auf die Bühne zu bringen, Teil I und Teil II. So ist es jetzt bei „Wallenstein“. Diese wilde, ruhige Entschlossenheit. Muss er es jetzt noch durchziehen, mit Bühnenbild, mit Schauspielern, mit Publikum, mit Kritikern, mit all dem, was eine Theaterunternehmung ausmacht und zugleich verderben, verwässern kann?

„Theater erzählt immer Banalitäten: Wir müssen sterben, und Liebe ist gefährlich.“ Das sagt nur einer, der weiß, dass ihn die Götter einmal sehr geliebt haben müssen.

Peter Stein liest „Wallenstein“, Berliner Ensemble, 4. bis 7. 10., jeweils 20 Uhr.

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