Kultur : Ein Gen geht auf Reisen

Jeffrey Eugenides’ preisgekrönter Roman „Middlesex“ über einen Hermaphroditen und seine Familie

Bodo Mrozek

Manche Sünden haben weitreichende Folgen. Die Geburt der Welt zum Beispiel begann mit einem Inzest. Die Erde Gaia, von ihrem Bruder Eros geschwängert, gebar den Himmel, Uranos. Ihr Sohn begattete sie und Gaia gebar den Ozean, Okeanos. Sehr viel später, im Jahre 1922 nach Christus heiraten die Geschwister Eleutherios und Desdemona Stephanides mitten auf dem Ozean an Deck eines Schiffes. Auch sie werden ein Kind zeugen. Die beiden jungen griechischen Seidenraupenzüchter sind auf der Flucht – hinter sich die schwarze Rauchsäule der von den Türken blutig niedergemetzelten Hafenstadt Smyrna, vor sich die dunklen Rauchsäulen der Autoschmieden im feuerspuckenden melting pot Detroit. Doch davon können sie zu diesem Zeitpunkt, ganz am Anfang ihres persönlichen Romans, noch ebenso wenig wissen, wie von dem Kind, das ihre Geschichte einmal erzählen wird: Calliope Helen Stephanides, Enkelin aus dieser heimlichen Verbindung zweier Geschwister, die einander verbunden sind wie einst Gaia und Eros.

Neun Jahre lang schrieb sein Autor Jeffrey Eugenides an seinem zweiten Roman „Middlesex“, seit er mit seinem preisgekrönten und in Hollywood verfilmten Debüt „Die Selbstmordschwestern“ Furore gemacht hatte (auf deutsch 1993 im Berliner Byblos-Verlag). Nach seinem Erscheinen in den USA kometenhaft zum Favoriten von Kritiken und Bestsellerlisten gleichermaßen aufgestiegen, steigerten sich die Erwartungen an „Middelsex“ hierzulande noch einmal. Vor wenigen Wochen erhielt der griechischstämmige Amerikaner den Pulitzerpreis für diesen Roman. Heute nun kommt die deutsche Übersetzung (von Eike Schönfeld) in die Buchhandlungen, in einer Startauflage von 100000 Exemplaren.

An dem Buch ist vieles ungewöhnlich, vor allem aber sein Ich-Erzähler. Calliope Stephanides, geboren „an einem bermerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit“, lebt inzwischen im Berlin der Gegenwart – als Mann. Calliope wurde als Mädchen erzogen. Aber ihr knabenhafter Körper leidet an einem genetischen Defekt, einem „5 alpha-Reduktase-Mangelsyndrom“, wie medizinisch korrekt erklärt wird. Calliope ist ein Hermaphrodit, ein Zwitter. In ihrer Pubertät verwandelt sie sich in den Jungen Cal.

Bis zu dieser Entpuppung hat der Leser des Romans jedoch eine weite Reise hinter sich. „Middlesex“ erzählt auf nicht weniger als 733 Seiten die Geschichte der beiden griechischen Auswanderer – bis in die dritte Generation. Sie beginnt in den Olivenhainen des griechisch-türkischen Berglandes der 1920er Jahre. Sie atmet den Duft der Pinienwälder und der Haschischpfeifen aus spärlich beleuchteten Dorfkaschemmen, das scharfe Aroma aus Zigarettenspitzen und den Benzingestank der Chevys, Packards und Dodges im Detroit der Prohibitionszeit und schließlich den Geruch von frischgemähtem Vorstadtrasen und das Patschuliparfum einer Siebzigerjahre-Jugend im Villenviertel von Grosse Pointe, Michigan. „Middlesex“ durchmisst das 20. Jahrhundert in einem Erzählstrang, den sein allwissender Ich-Erzähler, der hermaphroditische Cal, abrollt wie den Kokon einer Seidenraupe.

Dass dieser Faden dabei manchmal Schleifen, Ösen und Knoten bildet, liegt in der Natur der Sache. Die Erzählschnur folgt nicht nur einer Familiensaga. „Middlesex“ möchte ganz nebenbei die amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählen, wobei sich Eugenides bewusst der Erzähltechniken des 19. Jahrhunderts bedient. Seinen Protagonisten, den Generationen der griechischen Einwandererfamilie, bleibt deshalb wenig Zeitgeschichte erspart: der Fordismus am Fließband der Industrialisierung, die Gangsterabenteuer des Whiskyschmuggels, die amerikanischen Überseekriege, die Detroiter Rassenunruhen und die politisch-sozialen Umbrüche der Hippie-Ära.

Es ist immer wieder Cal, dieser wunderbare Erzähler, der den Leser dann gerade noch rechtzeitig zurück auf den Weg bringt. Mal spricht er ihn um Verständnis heischend direkt an, mal verlässt er seinen Körper, um in den eines anderen zu schlüpfen. Auch stark referierende Passagen werden so immer wieder in den Erzählfluss eingebettet. Schwäche und Stärke liegen hier eng beieinander: Es gehört ein großes Erzähltalent dazu, einen so weit verzweigten Stoff zu entfalten, ohne die Spannungskurve im breiten Erzählfluss zu versenken.

Genau dies gelingt Jeffrey Eugenides fast immer. Man hat seinen Roman mit den „Korrekturen“ von Jonathan Franzen verglichen, denn ähnlich wie die „Korrekturen“ verfolgt „Middlesex“ die Linien der Familiengenealogie wie einen Ariadnefaden durch das Jahrhundertlabyrinth. Zwar möchte es eigentlich der Reiseroman eines Gens sein, doch gehören die ausufernden medizinisch-biologischen Details der Vererbungslehre und der Sexualforschung nicht zu den erzählerisch gelungensten Passagen. Es sind eher die vererbten Erfahrungen und deren Brüche, die dem Plot durch die Zeitläufte hindurch Kontinuität und Spannung verleihen.

Das wechselnde Schicksal der Familie Staphanides lässt den Leser nicht los. Am Ende, fast hätte man sie vergessen, taucht auch die Großmutter Desdemona mit ihrer Seidenraupenkiste wieder auf. Cal ist aber noch nicht am Ende. Er hat sich rein optisch in seinen Großvater verwandelt und die Geschichte damit wieder an ihren Ursprung geführt. Seinen Frieden soll er erst in Berlin finden dürfen, im neuen Europa.

Jeffrey Eugenides: Middlesex. Roman. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag Reinbek, 2003. 733 Seiten, 24,90 €.

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