Kultur : Ein Lob dem digitalen Weltarchiv

Downloader sind keine Abzocker. Sie haben das Netz zu dem kulturellen Weltarchiv gemacht haben, das es heute ist. Ein Plädoyer.

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Eine wichtige Erkenntnis ist: Wer viel herunterlädt, der kauft auch viel.
Eine wichtige Erkenntnis ist: Wer viel herunterlädt, der kauft auch viel.Foto: dapd

Wie romantisch kann der Akt des geistigen Raubes sein! Früher zumindest, in den achtziger Jahren. Auch der Journalist Peter Laudenbach war damals Raubdrucker, „aus Liebe zum Buch“ (Tagesspiegel vom 28. Juni). Um seine ausufernde Bibliophilie zu finanzieren und an gute Adorno-, Beckett- oder Benjamin-Ausgaben zu kommen, verhökerte er Billigdrucke von Tolkien, Michael Ende und Horst-Eberhard Richter.

Kultursüchtige „Lektüre-Junkies“ seien die Raubdrucker damals gewesen – der Bildungsbürger verzeiht ihnen das sofort. Unverzeihlich dagegen seien laut Laudenbach die Praktiken heutiger Musikpiraten und illegalen Downloader mit ihrer „dumpfen Gratis-Abzock-Mentalität“.

Allein: Die Abzockmentalität haben nicht die Downloader, schließlich verdienen sie am Runterladen nichts. Alles was sie wollen, ist die Musik. Auch wenn man es kaum glauben mag: Ein Großteil derer, die sich Musik im Internet illegal herunterladen oder durch filesharing tauschen, sind genauso Musik-verrückte Enthusiasten wie die „guten“ alten Raubdrucker, die gar nicht so viel Kultur bezahlen können, wie sie Hunger darauf haben. Abzocker sind lediglich die Datei-Anbieter wie das inzwischen geschlossene Megaupload, die mit Werbung auf ihren Seiten Geld verdienen.

Die Erklärung liefert ein bekannter Effekt: Fans laden mehr herunter – geben aber auch mehr Geld für ihre Leidenschaft aus. In der „Zeit“ äußerte jüngst Claudia Lux, Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek Berlin: „Für Bücher gilt, dass ein Bibliotheksbesucher gegenüber einem Nichtbesucher achtmal mehr Bücher kauft. Ich bin sicher, dass das bei Videospielen nicht anders ist.“ Man kann anschließen: Für Filme und Songs ebenfalls. Ich selbst und viele meiner Freunde gehören zu diesen Musikenthusiasten, die im Monat nur ein gewisses Budget für neue Alben zu Verfügung haben. Das gebe ich auch aus – höre aber zwei Alben pro Tag.

Dabei handelt es sich keineswegs um die neuesten Pop-Releases: Vergessene Psychedelic-Platten der 60er, Depressive-Suicidal-Black-Metal-Acts, obskurer japanischer Experimental-Prog – wie hätte ich je von alldem erfahren, wenn im Internet nicht längst der digitale Kommunismus ausgebrochen wäre? Das meiste, was mich musikalisch interessiert, wurde erst durch die geballte Freak-Power einer weltweiten Netzgemeinde der Vergessenheit entrissen und für nachfolgende Generationen zur Verfügung gestellt – für viele Bands ist das die beste Werbung. Zahlreiche Alben sind ohnehin nicht mehr über normale Kanäle erhältlich, und nicht selten sind es die Aktivitäten der Raubkopierer, die Reissue-Labels dazu bewegen, verkannte Bands für Liebhaber neu aufzulegen. Es verwundert nicht, dass der Reissue-Markt mittlerweile etwa 30 Prozent des Umsatzes der Musikindustrie ausmacht.

Es sind die Raubkopierer, die das Netz zu dem kulturellen Weltarchiv gemacht haben, das es heute ist. Ein Wissensspeicher, in dem dank dezentraler Vernetzung niemals die Gefahr droht, dass Kunstwerke durch Kriege oder Naturkatastrophen ausgelöscht werden. Am 2. Dezember 2009 – neun Monate nach dem Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs – beschloss die Bundesregierung die Gründung der Deutschen Digitalen Bibliothek, als Beitrag zur virtuellen Bibliothek Europeana, in der die kulturelle Geschichte Europas in Bild-, Text-, Audio- und Video-Dateien öffentlich zugänglich gemacht werden soll. Schwierig wird es hier bei Inhalten des 19. und 20. Jahrhunderts, da das Urheberrecht, das erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors verfällt, eine unkomplizierte Nutzung verhindert.

Solange es Digitalisierung gibt, wird sich das Urheberrecht weiterentwickeln müssen. Der Druck ist da, denn den Musikpiraten der Neuzeit wird früher oder später das gelingen, was für die einstigen Raubdrucker einst kaum mehr als ein Slogan war: Einen ganzen kapitalistischen Industriezweig subversiv zu unterwandern und zu Fall zu bringen – oder zur Veränderung zu zwingen. Der Kultur kann dies nur gut tun. Denn was dem einen seine kommentierte Beckett-Gesamtausgabe mit Seidenbändchen ist, ist dem anderen sein nie als CD veröffentlichtes Frank Zappa-Album ohne die nervigen Gesangs-Overdubs.

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