Ein neues Privatmuseum für zeitgenössische Kunst : Die feine Haut

Große Kunst im Hinterhof: Der Sammler Gil Bronner zeigt seine Sammlung in Düsseldorf.

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„Reclining Nude“ (2014) von David Renggli
„Reclining Nude“ (2014) von David RenggliFoto: Susanne Diesner

Bloß nichts anfassen. Neugier und Ekel mischten sich auf der Art Basel in den Minen jener Besucher, die 2013 durch „Artichoke Underground“ stapften. Ein gigantisches Environment der beiden New Yorker Künstler Jonah Freeman und Justin Lowe, angesiedelt zwischen Hobbykeller, Folterkammer und illegaler Druckwerkstatt. Nun ist das alles erneut aufgebaut, diesmal in einem Hinterhof im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, wo unter anderem die Wim-Wenders-Stiftung beheimatet ist. Der Kunstsammler Gil Bronner hat nicht bloß das Areal, sondern auch „Artichoke Underground“ erworben und deutet mit ihrer Hilfe schon einmal an, in welcher Liga seine Kollektion namens Philara spielt: Die Installation benötigt zwei Stockwerke und mehrere Räume.

Die Sammlung umfasst 1500 Werke und wächst wöchentlich

Es mag das größte Werk im Besitz des Immobilienentwicklers sein, der just in Düsseldorf seine private Kunsthalle eröffnet hat. Dennoch findet sich unter den knapp 1500 Arbeiten noch mehr Monumentales wie die Raumverspannung „80 SW“ von Tomás Saraceno oder die tonnenschwere Skulptur „Reclining Nude“ (2014) von David Renggli, die den Akt und seine Darstellung durch die Jahrhunderte thematisiert.

Rengglis Rückgriff beleuchtet – wohl ohne Absicht des Schweizer Künstlers – zugleich die Wurzeln von Bronners Sammelleidenschaft. Schon seine Eltern, die aus Israel und Tschechien stammen und über einen langen Weg nach Düsseldorf kamen, erwarben Kunst der klassischen Moderne mit einer besonderen Sympathie für George Grosz. Sohn Gil, Jahrgang 1962, entschied sich für eine jüngere Generation und konzentrierte sich lange Zeit auf Absolventen der Düsseldorfer Akademie. Keine schlechte Wahl in einer Stadt, die Künstler wie Katharina Fritsch, Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Marcel Odenbach hervorgebracht hat. Jan Albers, Markus Karsties und Stefan Kürten gehören ebenso dazu wie Andreas Schmitten. Inzwischen aber wächst die Sammlung in alle Richtungen – rasant, was ihre Quantität anbelangt, und global mit Blick auf die Protagonisten der Kunst.

Bronner trifft seine Wahl intuitiv, wie er sagt. Man mag ihm das nicht ganz abnehmen, jedenfalls nicht in der oberen Liga der Künstler, deren Namen in den meisten wichtigen Sammlungen auftauchen. Wohl aber kauft Bronner obsessiv und minutenschnell im etwas riskanteren Segment der jüngeren Künstler: Wer weiß schon, wohin sich ihre Karriere bewegt.

Gil Bronner belebt ein ganzes Stadtquartier

Dieses eklektische, vom persönlichen Geschmack geleitete Sammeln unterscheidet ihn von einer Düsseldorfer Kollegin wie Julia Stoschek und ihrer auf „zeitbasierte Medien“ konzentrierten Kollektion. Von Konkurrenz am Rhein mag man deshalb nicht sprechen, dafür sind die Interessen beider Sammler zu unterschiedlich. Stoschek öffnet ihren Showroom nur am Wochenende, der Zugang zu ihren Videopräsentationen ist dann frei. Bronner nimmt Eintritt, hat zusätzlich aber Gastronomie im Haus, eröffnet demnächst noch einen 600 Quadratmeter großen Dachgarten für Skulpturen und plant zusätzliche Veranstaltungen. Sein Ziel ist die Belebung eines Quartiers, das bereits vom Zuzug diverser Galerien profitiert.

Ursprünglich sollten exklusive Wohnungen entstehen

Dabei war das nicht einmal Bronners Absicht. Ursprünglich sollten auf dem Areal exklusive Wohnungen entstehen. Dann verliebte sich der Immobilienentwickler in die unsanierte Halle. Er ließ das ehemalige Glaslager über 18 Monate lang vorsichtig umbauen und investierte einen Millionenbetrag in das neue Haus. Dafür wird er gefeiert – auch weil die Stadt mit dem Wechsel von Museumsdirektorin Marion Ackermann nach Dresden, der Streichung der kulturellen ausgerichteten Quadriennale und voraussichtlich auch des Düsseldorfer Kunstpreises kulturell gerade ausdünnt. Da tut es gut, wenn ein privater Sammler neuen Platz für klangvolle Namen schafft. David Shringley, Miroslaw Balka, Melissa Gordon, Kris Martin, Andrea Zittel und Alicja Kwade: Sie alle sind in der Sammlung Philara vertreten, wenn auch nicht unbedingt zur Eröffnung zu sehen. Obwohl Bronner den Radius seiner Ausstellungen – die vorher schon in kleinerem Umfang andernorts stattfanden – auf 1700 Quadratmeter ausgedehnt hat. Trotzdem passen diesmal gerade siebzig Arbeiten in die Räume.

Das liegt sowohl am Umfang mancher Erwerbungen als auch am Konzept, das die Präsentation der Sammlung mit Wechselausstellungen verschränkt. Vier davon sind jährlich geplant, zur Premiere zeigt der in Los Angeles lebende Maler Friedrich Kunath seine Interpretationen einer zeitgemäßen Romantik – sensibel, melancholisch und verstörend kitschig. Im Herbst folgt eine Gruppenschau mit Gregor Schneider, Bruce Nauman und Absalon. Es ist die neue Sichtbarkeit privater Sammler, die sich im Rheinland früher diskret zurückgehalten haben. Mit dem Bildhauer Thomas Schütte, der seit kurzem eine private Ausstellungshalle hat, und dem Skulpturenpark von Tony Cragg entwickelt sich die Region und hat mit der Sammlung Philara wenige Wochen vor dem Galerienrundgang DC Open in Köln und Düsseldorf eine echte Attraktion.

Sammlung Philara, Birkenstr. 47, Düsseldorf, www.philara.de

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