Kultur : Ein spanisches Frühstück Zu Thomas Hengelbrocks Abgang in Bayreuth

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Dirigenten, die es nur eine Saison lang auf dem Grünen Hügel ausgehalten haben, gibt es etliche: Von Clemens Krauss bis Lovro von Matacic, von Josef Krips bis Berislav Klobucar und Hans Zender. Nicht die schlechtesten Namen. Jetzt gesellt sich Thomas Hengelbrock dazu, der 2011 mit Wagners „Tannhäuser“ in Bayreuth debütierte. Wie gemeldet wird er durch Christian Thielemann ersetzt, der ohnehin vor Ort ist, weil er die Neuproduktion des „Fliegenden Holländers“ leitet. Zwar könne er sich einen entspannteren Sommer vorstellen, so Thielemann auf Anfrage des Tagesspiegels, im Stich lassen aber wolle er die Festspiele nicht. Seine „Tannhäuser“-Erfahrung dürfte dem Berliner die Entscheidung zusätzlich leicht gemacht haben: Von 2002 bis 2005 hat er Wagners romantische Oper schon einmal in Bayreuth dirigiert.

Über die Gründe für Hengelbrocks Ausstieg wird wild spekuliert. Der Dirigent lässt über seinen Manager Rolf Ehlers erklären, er habe sich noch am Samstagmorgen in Madrid mit Eva Wagner- Pasquier zu einem „konstruktiven“ Gespräch getroffen. Darin sei es um die Fluktuation im Orchester gegangen, die Hengelbrock wiederholt öffentlich angeprangert hat: In den Proben säßen zu viele Musiker, die der Dirigent in den Vorstellungen nie wiedersehe (jenseits des Festspielhügels eine gängige Praxis). Wagner-Pasquier habe eine Fortsetzung des Gesprächs signalisiert. Kurz darauf meldete sich die Rechtsabteilung der Festspiele und setzte Hengelbrock eine Frist: Er müsse seinen Vertrag bis 16 Uhr unterschrieben haben. Diese Frist, so Ehlers, sei nicht einzuhalten gewesen.

Mehrere Fragen stellen sich. Erstens: Warum unterschreibt Hengelbrock seinen Festspiel-Vertrag für 2012 überhaupt erst jetzt, so spät? Zweitens: Kann es wirklich sein, dass ein Bayreuth-Debütant kommen muss, um alle verblichenen und amtierenden Wagner-Koryphäen zu lehren, wie anständige Arbeitsbedingungen aussehen? Und drittens, falls ja: Wird auf dem Grünen Hügel vielleicht mit zweierlei Maß gemessen, gelten für einen Hengelbrock andere Voraussetzungen als für einen Andris Nelsons oder Thielemann?

Der Hügel selbst gibt sich in der Affäre gewohnt einsilbig. Man wisse nicht, warum Hengelbrock seinen Vertrag nicht unterschrieben habe. Bedauerlich ist die Sache allemal. Weil Hengelbrock sich (und die Musiker) der Möglichkeit beraubt, seine Lesart eines mehr von Mendelssohn, Weber und Bellini her denkenden, „jungen“ Wagners in den nächsten Jahren weiter zu schärfen und zu vertiefen. Und weil es jetzt so aussieht, als wäre nur eine Ästhetik in Bayreuth wirklich erwünscht. Christian Thielemann jedenfalls hat sich als Erstes sein altes „Tannhäuser“-Material kommen lassen. Thomas Hengelbrocks umstrittene Striche in der Partitur dürften nun wohl wieder revidiert werden. Christine Lemke-Matwey

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