Ein Treffen mit Bodo Morshäuser : Der große Umbruch

Mehr Wahrheit als Dichtung: Bodo Morshäuser schrieb in den 1980ern „Die Berliner Simulation“ und hat jetzt eine Erzählung über seine Krebserkrankung verfasst. Ein Treffen.

Florian Zimmer-Amrhein
Ausgebrochen aus der Umlaufbahn: Bodo Morshäuser.
Ausgebrochen aus der Umlaufbahn: Bodo Morshäuser.Foto: Georg Moritz

In den Kniegelenken machte sich die Krankheit zuerst bemerkbar. „Ich konnte nur noch schwer gehen, laufen schon gar nicht. Alles an mir wurde steif und unbeweglich“, sagt Bodo Morshäuser. Irgendwann schafft er es kaum noch die Treppe zu seiner Wohnung hoch, die Schmerzen breiten sich auf die Arm- und Handgelenke bis in die Finger aus. Der Schriftsteller schleppt sich zum Arzt, wo er eine Horrordiagnose bekommt. Er hat Krebs, einen tennisballgroßen Tumor im rechten Lungenflügel. Morshäuser muss sich einer riskanten Operation mit anschließender Chemotherapie unterziehen. Mehr als einmal denkt er, das sei sein Todesurteil.

Sechs Jahre später steht Morshäuser hinter einem Lesepult. Es ist der Abend, an dem er seinen neuen Roman „Und die Sonne scheint“ präsentiert. Die harte Zeit, in der es für ihn vor allem ums Überleben ging, sieht man dem 1953 in West-Berlin geborenen Autor nicht an. Er wirkt geradezu jugendlich, schlank und hochgewachsen mit vollem, hellbraunem Haar. Er hat den Krebs überlebt, sein Leben grundlegend verändert und darüber ein Buch geschrieben. Keine Autobiografie, sondern eine Erzählung, die aber – so scheint es jedenfalls – mehr Wahrheit als Dichtung enthält. Der Buchhändlerkeller ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die meisten Anwesenden sind langjährige Morshäuser-Fans. Sie sind gekommen, um die Auferstehung einer Westberliner Autorenlegende zu erleben.

Ein gutes Comeback

„Ich bin nervös und möchte nicht, dass Sie das merken“, sagt Morshäuser, bevor er anfängt zu lesen. Die Größe des Moments, seine Rückkehr auf die literarische Bühne nach fast acht Jahren, dazu das intime Thema des Buches, all das setzt dem Autor sichtlich zu. Er gerät beim Lesen immer wieder ins Stocken, räuspert sich, nimmt einen Schluck Wasser. Bald wird sein Vortrag flüssiger. Nach einer knappen Stunde klappt er das Buch zu. Es gibt lang anhaltenden Applaus. Morshäuser muss viele Hände schütteln und Bücher signieren – ein gutes Comeback.

Es wirkt fast schicksalhaft, dass Morshäuser ausgerechnet im Buchhändlerkeller auftritt. Hier hat er bereits 1979 aus seinem ersten und bisher einzigen Gedichtband „Alle Tage“ vorgelesen und vier Jahre später sein Romandebüt „Die Berliner Simulation“ vorgestellt. Die rauschhafte Liebesgeschichte zwischen einem namenlosen Erzähler und seiner britischen Freundin Sally, die sich in Schöneberg zwischen besetzten Häusern, Straßenschlachten und Drogenstrich kennenlernen, machte Morshäuser auf einen Schlag berühmt und ist längst zu einem Klassiker der achtziger Jahre avanciert.

Morshäuser verdichtet darin die krisenhafte Lebenswirklichkeit und die ideologisch aufgeladenen Kämpfe im eingemauerten West-Berlin zu einem zeitdiagnostischen Bild: „Berlin ist eine Bühne, der Orchestergraben im Schnitt 200 km breit. Hier kommt man nicht zufällig durch, hier fährt man hin. Von außen schaut man auf diese ausgehaltene Halbstadt und ihre subventionierte Unruhe mit derselben prospektiven Teilnahme, mit der man simulierte Verkehrsunfälle auf dem Bildschirm betrachtet.“ Passagen wie diese brachten Morshäuser den Ruf eines Berliner Chronisten ein. Auch in den Romanen und Essays, die er seither publiziert hat, ist Berlin ein Leitmotiv geblieben.

Einfach mal "wunderbar abträumen"

Jetzt sitzt Bodo Morshäuser in einem Café nahe dem Lietzenseepark in Charlottenburg und trinkt ein Bier. Nicht weit von hier, in der Leonhardtstraße am Stuttgarter Platz, hat er die letzten 25 Jahre gewohnt – bis zum Ausbruch seiner Krankheit. Er kommt immer noch gern hierher, um seinen Stammfriseur aufzusuchen oder um über die ausladenden Trottoirs der Leonhardtstraße zu flanieren. Vor den Cafés am Stuttgarter Platz sitzen an diesem Nachmittag Alteingesessene neben jungen Müttern mit Kinderwagen und Studenten mit schwäbischem Akzent. Alles wirkt seltsam entrückt, so beschaulich geht es hier zu. In diesem Viertel könne man „wunderbar abträumen“, sagt Morshäuser.

Schon 1998 schreibt er über den Kiez: „Als ich hier herzog, mochte ich das Viertel wegen seiner ruhigen, zentralen Lage, wegen der Altbauten, des nahegelegenen Sees und der verschiedenen Cafés. Ich lebte mich ein, grüßte nach rechts und links und wurde zum Stadtdörfler.“ Doch er stellt sich schon damals die Frage, „ob es nicht höchste Zeit ist, Charlottenburg zu verlassen, wenn man jemals im Leben noch etwas erleben will“.

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