Kultur : Ein Vulkan aus Schnee

„The Life and Death of Marina Abramovic“: Wie sich die einst so experimentierfreudige Performancekunst ihr Museum baut

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Maskenspiel. Wenn Regisseur Bob Wilson mit Marina Abramovic, dem Schauspieler Willem Dafoe (der Rotschopf) und dem Sänger Antony arbeiten will, treffen sie sich in Manchester beim Festival. In den USA sind solche Projekte unfinanzierbar. Foto: MIF/Lucie Jansch
Maskenspiel. Wenn Regisseur Bob Wilson mit Marina Abramovic, dem Schauspieler Willem Dafoe (der Rotschopf) und dem Sänger Antony...

Von diesen allerletzten Dingen kann man nichts Definitives wissen, aber vermutlich erlebt man seinen eigenen Tod nur ein einziges Mal. Und selbst das ist nicht sicher: dass man ihn bewusst erlebt. Dafür gibt es die Kunst. Zumal die Performance-Künstler der sechziger und siebziger Jahre suchten in exhibitionistischen Ritualen der Selbstverstümmelung und Erschöpfung nach einem Ausdruck, der über den gespielten Bühnentod hinausgeht. Es war gleichzeitig eine Feier freier, ungehemmter Sexualität, eine radikale Phase der Kulturgeschichte, in der sich die westlich geprägte Welt nahezu sämtlicher Tabus entledigt hat. Daher rührt auch das unbehagliche Gefühl der Leere, das einen in der Oper, im Kino, auf den großen Spielplätzen der zeitgenössischen Kunst überkommt. Daraus entspringt eine Sehnsucht nach Inhalt, Widerstand, Transzendenz.

Und da liegt sie nun aufgebahrt, wie sie es in einem Manifest („Im Falle meines Todes“) bestimmt hat: Marina Abramovic, die „Großmutter der Performance- Kunst“, so nennt sie sich selbst. Große Hunde beschnüffeln die drei offenen Sarkophage. In der Mitte ruht die 1946 in Belgrad geborene und heute in New York lebende Ikone vom Balkan; links und rechts flankiert von zwei Frauen mit weißen Abramovic-Masken. Es ist das machtvolle Eröffnungstableau der Moritat „The Life and Death of Marina Abramovic“. Robert Wilson hat sie für das Manchester International Festival mit einer Traumbesetzung uraufgeführt. Abramovic spielt sich selbst (und ihre übermächtige Mutter, eine Ordnungsfanatikerin), Willem Dafoe gibt den Grabredner, den Chronisten. Antony (der Sänger von Antony and the Johnsons) intoniert die Klagegesänge des zweistündigen Melodrams im Theaterkomplex The Lowry, das zwischen der UK Media-City und dem Stadion von Manchester United liegt.

Über dem Gelände der Kreativindustrie weht der Geist des neuen, digitalen Kapitalismus. Das 2007 gegründete Manchester International Festival (MIF) versteht sich als Produktionsort von aufwendigen Bühnenschöpfungen, bei denen Popstars wie Björk oder Damon Albarn Multimedia-Opern kreieren. Das MIF ist ein Starvehikel, ein Salzburg des Nordens und des 21. Jahrhunderts. „Abramovic United“, wie man die Parade auch nennen könnte, bringt vier Künstler zusammen, die sich aus New York kennen. In den USA lassen sich solche Riesenprojekte nicht finanzieren.

„Bye bye danger, bye bye tears ...“: Sie thront wie eine Königin im roten Kleid über wallendem Nebel, und sie verabschiedet sich von allem, was einmal war, von Gefahr und Schmerz, vom wilden Leben. Wilsons Lichtzauber, seine Bauten und Arrangements gleißen in makelloser Schönheit. Das ist auf seine eigene Art morbid, es hat wenig zu tun mit der Nacktheit und Rohheit der Abramovic. Sie wirkt hier wie eine gefangene, gezähmte Herrscherin, der man Bruchstücke ihrer Biografie auf dem Silbertablett präsentiert. Gestalten aus ihrer kommunistischen Vergangenheit – Vater wie Mutter Abramovic stammen aus der jugoslawischen Partisanenbewegung – kommen als Märchenzwerge daher. Auf Filmeinspielungen ist die junge Marina zu sehen, die in ihren frühen Performances mit dem Leben und dem Tod gespielt hat; und das ist wörtlich zu verstehen. Einige ihrer Body-Art-Experimente wurden abgebrochen, weil die Energie, die sie freisetzte, sie zu vernichten drohte. Die Tode, die Wilson zelebriert, sind grafischer, choreografischer Natur, blitzsauber.

Aber es gibt Widerstände, es gibt immer wieder Momente, in denen „The Life and Death of Marina Abramovic“ zum Leben erwacht. Willem Dafoe verkörperte in der „Spiderman“-Verfilmung den Grünen Kobold, das Böse schlechthin; ein Verwandter des Joker, mit dem Batman sich herumschlägt. Auch bei Wilson und Abramovic ist er das anarchische Element, der Unruhestifter. Vor allem aber bekämpft er mit seiner brillanten Sprechkunst und seiner unwiderstehlichen Präsenz die Langeweile. Er liefert grinsend Stichworte und Jahreszahlen aus der Abramovic-Biografie, wirft Begriffe und Namen in die Luft wie Knallkörper, und wie wunderbar kontrastiert seine maliziöse Ironie mit dem Ernst der erstarrten Heldin. Manchmal glaubt man, Heath Ledger (aus dem Film „The Dark Knight“) sei auferstanden. Dafoe bestätigt grandios die alte Regel, dass der Böse alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ihm gehört die Sympathie. Denn er verletzt, und er ist der Verletzte.

Antony wiederum, mit seiner mächtigen, schwarz gewandeten Gestalt, stößt schon mit wenigen Tönen diesen aufgeräumten Menschenzoo in Trance. Seine Stimme besitzt unglaubliche Tiefe in der Höhe und flirrende Höhe in der Tiefe. „I Become a Volcano of Snow“, ein Vulkan aus Schnee, singt er am Ende für die große, schöne Frau, die sich als kleines Mädchen so hässlich fand, die schrecklich unter Migräne, seltsamen Blutungen und Masturbationszwängen litt.

Die serbische Sängerin Svetlana Spajic öffnet einen weiten Resonanzraum. Südosteuropäische Polyfonie, Volkslieder, Kirchengesang – in solche Dimensionen dringt auch Antony nicht vor. Plötzlich wird man daran erinnert, dass Marina der Name einer orthodoxen Märtyrerin ist, die im Kerker mit dem Teufel ringt und ihm mit einem Kreuz den Bauch aufschlitzt. Es gab also auch schon in frühchristlichen Zeiten martialische Performanceheldinnen. Alles hat seinen Ursprung, und der liegt viel tiefer und weiter zurück, als gemeinhin vermutet. Marina Abramovic rebellierte gegen die (relativ freie) jugoslawische Gesellschaft, wie die Jugend im Westen gegen ihre Väter aufstand, gegen die Nachkriegskultur. Aber das ist eben nur die halbe Geschichte.

Leben, wo ist dein Stachel? Die Performance-Kunst riss einst die Grenzen zwischen Publikum und den Akteuren nieder, sie war verbal und nonverbal zugleich, verschmolz bildende Kunst und Theater, sie war individualistisch und provokant und ein Teil der Pop-Kultur. Auch Robert Wilson – er wird in diesem Jahr siebzig – war in seinen berühmten frühen Stücken der Siebzigerjahre („Deafman Glance“), die jedes bekannte Zeitmaß sprengten, Spieler und Regisseur zugleich. Mehr als sonst, wenn er, wie zuletzt am Berliner Ensemble, Brecht oder Wedekind inszeniert, ist er in „The Life and Death of Marina Abramovic“ mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Vom Visionär zum Dekorateur – kein Einzelschicksal.

Die Abramovic-Vita ist ein Nachruf zu Lebzeiten auf die Pop- und Performance-Kultur, die lange schon den Mainstream bestimmt. Und in der Sommerfestivalzeit muss man an Salzburg denken, wo seit 1920 Hofmannsthals „Jedermann“ mit dem Tod kokettiert. Der Unterschied ist, dass der Knochenmann beim Bankett des reichen Mannes auf dem Domplatz verleugnet wird, er ist der ungebetene Gast, den niemand auf der Rechnung haben will.

Der Performance-Wut und Pop-Musik aber war von Anfang an ein letales Moment eingeschrieben. Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und so viele andere Heroen gingen dahin, als eine Marina Abramovic und ein Robert Wilson an verschiedenen Enden der Welt mit ihrem Körper und Intellekt zu experimentieren begannen. Als Überlebende sind sie inzwischen dem reichen Mann von Hofmannsthal ähnlich geworden, jedenfalls in materieller Hinsicht. Sie schöpfen aus dem Vollen, sie können sich feiern, mit Ressourcen prassen und das Finale wohl noch eine Weile hinausschieben.

Menschen werden nicht mehr alt, sondern alterslos. So hat sich auch das Museum zu einem lebendigen Ort entwickelt – und jede Wilson-Inszenierung zu einem musealen Akt. Dort zeigen die Künstler ihre vernarbten Wunden, betrachten ihre Werke, variieren Perspektive und das prominente Personal, und in gewisser Weise sind alle diese Experimente, wie sie in Manchester und auf anderen Festivals organisiert werden, zum Gelingen verurteilt. Dass etwas grundsätzlich und krachend scheitert, ist nicht vorgesehen. In dieser beruhigten Version ihres Lebens scheint sich Marina Abramovic nicht unwohl zu fühlen. Kann man Revolutionäre dafür schelten, dass sie überlebt haben? Soll man den Hochseilartisten verurteilen, weil er nicht abgestürzt ist, weil er sich Netz und doppelten Boden zugelegt hat? Für Romantiker und Puristen ist jetzt keine gute Zeit.

„The Life and Death of Marina Abramovic“ ist noch bis 16. Juli in Manchester zu sehen. Im April 2012 läuft die internationale Koproduktion im Teatro Real Madrid, im Juni 2012 im Theater Basel, im deSingel Antwerpen und beim Holland Festival.

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