Kultur : Eine Amsel für Dora

ULRICH CLEWING

Als letzten Herbst in Paris der Nachlaß von Picassos einstiger Lebensgefährtin Dora Maar versteigert wurde, war der Andrang dermaßen groß, daß man die Auktion in das "Haus der Chemie" verlegen mußte.Unter den von überall her angereisten Bietern befand sich auch der Berliner Sammler und Museumsstifter Heinz Berggruen.Wie reich die Beute war, die er dabei machte, ist nun im Stülerbau am Schloß Charlottenburg zu besichtigen.

Glanzstück im Reigen der Neuerwerbungen ist zweifellos das Porträt "Dora Maar mit grünen Fingernägeln" von 1936, das jetzt im ersten Stock des Museums hängt und mit einem Kaufpreis von fast sieben Millionen Mark eines der teuersten Werke der ganzen Versteigerung war.Das Gemälde stammt aus jenem Jahr, in dem Picasso die damals 28jährige, in Tours geborene und in Argentinien aufgewachsene Tochter eines jugoslawischen Architekten und einer Französin in einem Pariser Café kennenlernte.Es zeigt die junge Frau in festlichem Schwarz und nachdenklicher Pose, den Kopf auf den Arm gestützt, den Blick in die Ferne gerichtet.Einige wenige Farbtupfer stechen heraus aus dem ansonsten überwiegend in Grau- und Blautönen gehaltenen Bild: eine goldene Brosche am Blusenkragen, die braunen Augen, die den Künstler so in ihren Bann gezogen hatten, und natürlich die namensgebenden, grün bemalten Fingernägel.

Aber Heinz Berggruen ersteigerte in Paris noch weitere Schätze, so die intim wirkende, temperamentvoll ausgeführte und mit den Maßen 67 mal 44 Zentimeter relativ große Bleistiftzeichnung "Dora mit aufgelösten Haaren" oder eine kleine Holzskulptur einer Amsel, die der "Zauberer Picasso", wie ihn Heinz Berggruen bei der Vorstellung der Werke nannte, aus Fundstücken und Gips formte, um sie der Freundin zu schenken.Auch ein Selbstbildnis Picassos hat seit gestern seinen festen Platz in Charlottenburg, es ist das einzige, das in Berlin überhaupt zu sehen ist: Die Zeichnung in Tinte und Aquarell entstand um 1904/05 und stellt den Künstler als jungen Mann von der Seite dar, im Mantel, mit Schirmmütze auf dem Kopf, eine Pfeife in der Hand.

Eine echte Rarität ist auch das um 1925 datierte "Frauenbildnis" aus Picassos klassizistischer Periode.Als Malmittel wählte er hierfür grau eingefärbten Quarzsand, den er mit Leim verstärkte und so auf die Leinwand brachte.Es geht wahrscheinlich auf Inspirationen zurück, die Picasso Jahre zuvor während eines Besuchs in Pompei erhalten hatte, als er 1917 zusammen mit Jean Cocteau nach Italien reiste, um Anregungen für das Bühnenbild zu dem Theaterstück "Parade" (mit Musik von Erik Satie) zu finden.

Das Bild gehört zu den Arbeiten, die Berggruen in den Monaten vor der Dora Maar-Auktion erwarb.Seit der Eröffnung der Sammlung Berggruen im September 1996 hat der Mäzen stetig seinen Besitz vermehrt und komplettiert, unter anderem durch Werke von Henri Matisse, Paul Klee und Paul Cézanne.So kommt es, daß etwa Matisse nun ein eigener Raum eingerichtet werden konnte, in dem die "Seilspringerin", eine großformatige Gouache découpée von 1952, den Blickfang bildet.Deutlich vergrößert hat sich ebenfalls der Bestand an Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden eines anderen Berggruen-Lieblings, von Paul Klee.Waren ursprünglich 27 Werke des Malers im westlichen Stülerbau ausgestellt, so sind inzwischen achtzehn neue Werke dazugekommen, darunter zum Beispiel das Aquarell "Karge Worte eines Sparsamen", eines von Klees poetisch-melancholischen, mit Wortfragmenten versehenen Selbstporträts aus den zwanziger Jahren, ein ausnehmend schönes Blatt.

Zuwachs zu vermelden ist schließlich auch, was Paul Cézanne betrifft.Allerdings handelt es sich dabei nicht um Neuerwerbungen im engeren Sinn, vielmehr wurden Gemälde wie eine Version des Mont Sainte-Victoire von 1888-1890, das Bild "Mädchen mit Puppe" (1885-1895) oder "Madame Cézanne" von 1885, ein Porträt von Hortense Fiquet, der langjährigen Gefährtin und späteren Ehefrau des Künstlers, bislang als Leihgaben in der National Gallery in London verwahrt.Daß sie nun hier präsentiert werden, mag die Londoner Kunstliebhaber schmerzen, in Berlin kann man dafür nur dankbar sein: Allzu lang war der große Franzose bei den Staatlichen Museen mehr als dürftig vertreten.

Neuerwerbungen der Sammlung Berggruen, westlicher Stülerbau am Schloß Charlottenburg, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr.Der Katalog mit aktualisiertem Supplement kostet in der Ausstellung 38 Mark.

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