Kultur : Eine Legende spricht eine andere Inge Keller als

Tilla Durieux am DT.

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Diva. Inge Keller. Foto: Braun/drama-berlin.de
Diva. Inge Keller. Foto: Braun/drama-berlin.deFoto: Braun/drama-berlin.de

Inge Keller ist natürlich ein Ereignis. Die alte Dame sitzt da, am Bühnenrand der Kammer des Deutschen Theaters, neben sich eine große Vase mit einem festlichen Blumenstrauß. Sie sitzt sehr aufrecht, sehr majestätisch und schenkt dem Publikum ihre brunnentiefe Stimme, aus der die Erfahrung, die Lakonie, die Ungerührtheit eines ganzen Jahrhunderts hallt. „Mein Gott, eben war ich noch der Mittelpunkt der Welt, und jetzt?“ Sind natürlich alle da, und liegen ihr lachend sofort zu Füßen.

Die 88-jährige DT-Legende Inge Keller, der „einzige Vamp der DDR“, wie Thomas Langhoff sie einmal nannte, spricht Tilla Durieux, die Theaterdiva von der Max-Reinhardt-Bühne, den Bühnen- und Gesellschaftsstar aus dem Berlin der Zwanziger Jahre, unter anderem verheiratet mit dem Kunsthändler Paul Cassirer, gemalt von Renoir, nach Prag emigriert, im Krieg gezwungen, in Kroatien als Näherin zu arbeiten, während ihr dritter Ehemann Ludwig Katzenellenbogen im KZ Sachsenhausen zu Tode kam. Die Ausnahmeschauspielerin Inge Keller liest über, spricht aus dem Leben einer Ausnahmeschauspielerin, die selbst über neunzig wurde und in dem Monolog von Christoph Hein am Tag ihrer Heiligsprechung, am Abend, an dem sie zur Ehrenbürgerin geschlagen wird, zurückblickt. Am Deutschen Theater. Allein das ist schon ein Coup, allein deswegen muss man sich diesen Abend ansehen.

Auch wenn der Text so bescheiden ist. Hein hat in dem Stück „Jannings & Tilla“, der Biographie der Durieux, die von Emil Jannings gegenübergestellt. Während sie erst 1952 nach Deutschland zurückkam, muss sich Jannings mit seiner Verstricktheit ins Naziregime konfrontieren. Bei Gabriele Heinz, die diese szenische Lesung eingerichtet hat, fällt der Jannings- Part aber weg, und es bleibt eine Tilla, die Hein aus unerfindlichen Gründen zum Wurmfortsatz von Paul Cassirer schrumpft, zum leidenden Spielball seiner Launen. Von Tillas Erfolgen, von ihrem sozialen Engagement – sie trat regelmäßig vor Arbeitern auf – : keine Rede. Dafür steuert der Monolog zielstrebig auf Cassirers Selbstmord zu. Er erschoss sich am Tag ihrer Scheidung, kurz bevor die Urkunde unterschrieben werden sollte.

Am Anfang spielt Inge Keller die Tilla, zu Beginn, dort auf dem Stuhl am Rand, verschwimmen die beiden fast. Da sitzt eine noch immer strahlende Diva, die sich schlicht alles leisten kann: knappe Witze über Lobhudeleien oder die sprechunfähigen jungen Schauspielhüpfer von heute; in aristokratischer Zeitlupe auf- und abspringende Mundwinkel und Augenbrauen; eine das eigene Alter ironisierende Sprechlangsamkeit, in der sie die Spannung in den Pausen nach Belieben steigert und wieder sinken lässt. Dann hilft ihr Bernd Stempel, der sie als stummer Geist umsorgt, auf eine samtbezogene Bank, auf der Inge Keller den Text die folgende Stunde dann liest. Ein wenig hilflose Regieeinfälle – mal flattert ein Vorhang, mal muss Stempel tanzen. Und stehende Ovationen für Inge Keller, der das Gehen schwerfällt. Sie hält sich am Bühnenrand fest, ihre Lippen formen immer wieder ein lautloses: „Gute Nacht“ (wieder am 8.11.). Andreas Schäfer

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