Kultur : Eine linke Geschichte

Otto Zonschitz und die Theatermanufaktur: zum Tod des Berliner Off-Theater-Pioniers

Hartmut Krug

Ein Theatermensch, fast vergessen, ist gestorben: Otto Zonschitz, Regisseur, Autor, Schauspieler und Bühnenbildner, der mit seiner Partnerin Ilse Scheer die Berliner Theatermanufaktur durch Höhen und Tiefen geleitet hat. Die Geschichte führt zurück in die Siebzigerjahre. Die Theatermanufaktur war anfangs Mythos und Impulsgeber der freien Szene, erstarrte später in falsch verstandenem Brechtianischem Volkstheater und wurde schließlich als Hausherrin des Theaters am Halleschen Ufer zum Hemmschuh für die Entwicklung der Off-Szene in Berlin. So haben die meisten Zonschitz und die Theatermanufaktur in Erinnerung: als kulturpolitischen Streit- und Sündenfall.

Doch die Erinnerung zaubert Theaterbilder hervor. Gaukler marschieren durch die Zuschauer aufs Holzpodest, ein Ausrufer erklärt zum Trommelschlag in Reimen, warum die 1848er-Revolutionen in Europa scheiterten. Maskentheater, lebende Bilder und Pantomime. Spottlieder, Sprechchöre und gestische Musik. Als die Theatermanufaktur 1973 als erste Produktion die Szenencollage „1848“ vorstellte, wehte mit ihr ein neuer Wind in das studentenbewegte freie Theater des Westteils der Stadt. Denn das war bisher vor allem Straßentheater im Agit-Prop-Stil gewesen. Zwar gab es aufklärerisches Kindertheater von der Roten Grütze, doch was die aus Wien kommende Theatermanufaktur bot, war etwas anderes. Auch mit ihrer Inszenierung von Hanns Eislers „Johann Faustus“ prägte sie nachhaltig die Entwicklung des freien Theaters. Hier boten professionelle Schauspieler politisches Theater mit poetischem Anspruch und anfangs auch stilistischer Vielfalt.

Die jüngste Generation des Off-Theaters, die sich gerade beim „100 Grad“- Festival des Berliner Freien Theaters – im Hebbel am Ufer, wie das Haus heute heißt, und in den Sophiensälen – präsentierte, sieht Berlin eher als internationalen Schmelztiegel und als Sprungbrett für eine Karriere im etablierten Theater. Anfang der Siebzigerjahre wollte man nicht ans Stadttheater, sondern war dort ausgestiegen, um selbstbestimmt an anderen Inhalten und Formen arbeiten zu können. Eigene Spielstätten für freie Gruppen gab es in Berlin nicht, staatliche Förderung ebenso wenig. Beides hat die Theatermanufaktur erkämpft – und nachher durchaus missbraucht. Sie wollte die Welt verändern und nahm nicht mehr wahr, dass sie selbst Veränderungen blockierte.

Die Gründungsmitglieder der „Manufaktur“, neben Ilse Scheer und Otto Zonschitz, der in Wien Jura studiert hatte, der Musiker Rudolf Stodola und die Schauspieler Renate Heuser, Michael Ben, Manfred Jester und Peggy Lukac, zogen in den Hinterhof der Kreuzberger Hermannstraße. In einer ehemaligen Schokoladenfabrik lebten und probten sie ihre Utopie von einem freien Theater. Der Erfolg war enorm. Nicht nur auf dem Pariser Festival der Nationen, auch in Holland, Jugoslawien und Österreich, in der Schweiz und in den nordischen Ländern feierte die Gruppe Erfolge. Sie erhielt Inszenierungsaufträge von den Berliner Festspielen und den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Mit der Übernahme der Spielstätte am Halleschen Ufer 1982 begann der Abstieg. Jetzt war man etabliert, aber die Luft war raus. Längst waren Gruppen mit eigenem Profil und innovativen Ideen hinzugekommen, wie das Zan Pollo Theater, Transformtheater, Tanzfabrik. Es gab bitteren Streit um das Theater am Halleschen Ufer und um staatliche Fördergelder. Während die Theatermanufaktur künstlerisch stagnierte, gelang es ihr, das Haus am Halleschen Ufer und einen Löwenanteil der Förderung für sich zu reservieren. Das Ende der Theatermanufaktur war so schmählich, wie ihre Geburt grandios war. Seit 1992 erhielt die Theatermanufaktur keine Förderung mehr vom Senat. Seitdem hatte man auch nichts mehr von ihr gehört. Otto Zonschitz erlag in Wien einem Krebsleiden. In diesem Monat wäre er 66 Jahre alt geworden.

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