Kultur : Eine Männerrunden-Diskussion in Berlin

Ulrike Baureithel

Als Jürgen Habermas im Frühjahr das Gewicht seiner Autorität in die Waagschale des Kosovo-Konflikts warf, sagte er, seine größte Furcht bestehe darin, dass der Militärschlag misslinge und Carl Schmitt am Ende Recht behielte, weil ein im Zeichen humanistischer Interessen provozierter Krieg am Ende barbarischer sei als ein in den alten Freund-Feind-Konstellationen geführter. In dieser Art von Rezeption sieht der Rostocker Literaturwissenschaftler Helmut Lethen die "brisante Präsenz" des 1985 verstorbenen Staatswissenschaftlers, der wie kein anderer Theoretiker den Begriff der "Entscheidung" auf die politische Bühne hob.

Von dem in diesem Herbst erschienenen Briefwechsel zwischen Carl Schmitt und Ernst Jünger wurden spektakuläre Enthüllungen erwartet. Doch die Enttäuschung, so Herausgeber Kiesel, war groß: Die vermutete "Verschwörung" zweier marginalisierter Intellektueller in der Nachkriegszeit entpuppte sich als literarisch-philosophisches "Lektürelaboratorium", das, wie Moderator Richard Herzinger vermerkte, mehr zu verbergen scheint als es enthüllt. Die Enttäuschung ist mittlerweile verdaut, und so unternahm eine dem Gegenstand angemessene reine Männerrunde in der Pankower Literaturwerkstatt den Versuch, den Briefwechsel einmal mehr zu "historisieren", was meint, die "Mantel-und-Degen-Gefechte" (Lethen) auf ihren Kern zurückzustutzen: Die beiden Männer waren zu "eigentlicher" Freundschaft nicht fähig und so begann ein Kampf, wer den Erstanspruch habe, auf "verlorenem Posten" zu stehen.

Im Unterschied zu Schmitt, hat sich Jünger nach dem Krieg der "Imagination der Gefahrenzustände" entzogen. Den "Bruch" datiert Gerd Giesler, der Carl Schmitt als junger Mann in Plettenberg kennenlernte, auf die Jahreswende 1948/49, und nicht erst 1960, wo eine Lücke in der Korrespondenz beginnt. Schmitt, glaubt er, wäre mit der Veröffentlichung dieses Briefwechsels wohl kaum einverstanden gewesen. Carl Schmitt hat sich nach dem Krieg auf seinen Katholizismus zurückgezogen. Die Inszenierung des männlichen Dramas in der "Gefahrenzone" verfehlte die Realität, denn die "Intensitätsgrade des Politischen" (Balke) waren nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschmolzen. "Erkenntnis muss kalt sein", zitierte Lethen Gottfried Benn, "sonst wird sie familiär". Habermas hat bekanntlich das Modell des Familiären im Politischen nachgeliefert.

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