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Einheitsdenkmal in Berlin : Bundestag segnet die Wippe ab

Hin und Her, Her und Hin: Im Streit um die „Einheitswippe“ vor dem Berliner Schloss hat der Bundestag einen Schlussstrich gezogen: Eine klare Mehrheit der Abgeordneten stimmte dafür.

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Schöne Aussichten. Die begehbare Waage lässt den Blick frei auf die geplante alte neue Bauakademie.
Schöne Aussichten. Die begehbare Waage lässt den Blick frei auf die geplante alte neue Bauakademie.Foto: dpa/Milla & Partner, Sasha Waltz

Der Bundestag hat sich mit klarer Mehrheit zum Bau des Einheitsdenkmals in Berlin bekannt. Auf Antrag von Union und SPD soll das Projekt jetzt noch vor der Bundestagswahl auf den Weg gebracht werden. Auch die Grüne unterstützten in der Nacht auf Freitag das Vorhaben. Die Linken stimmten dagegen. Einweihung soll im Herbst 2019 sein, am 30. Jahrestag des Mauerfalls. Die Wettbewerbssieger Milla & Partner aus Stuttgart reagierten erfreut auf die Entscheidung. „Nach einem Jahr der Ungewissheit sind wir froh, das vor sieben Jahren begonnene und seit bald zwei Jahren baureife Werk nun umsetzen zu können“, erklärten Geschäftsführer Johannes Milla und Architekt Sebastian Letz.

Trotz der klaren Mehrheit scheint aber schon jetzt sicher: Die Denkmal-Debatte wird damit nicht beendet sein, gehen die Meinungen doch schon lange, in etliche Richtungen und jetzt wieder besonders heftig auseinander.

Die Kultur ist ja Debattenthema wie lange nicht mehr. Ob es sich um Schlosskuppelkreuze, Volksbühnen-Räuberräder oder die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie handelt, nur ein paar Schritte von der „Einheitswippe“ auf dem Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals entfernt.

Bei der Waage währt der Streit allerdings schon ewig. So viel Zwietracht beim Gedenken an die Einheit, keine schöne Geschichte. Man kann sie auch nicht schönreden, indem man die Debatte zum Denkmal erklärt, wie es beim ebenfalls lange umstrittenen Holocaust-Mahnmal oft hieß. Sie ist eher unselig, belebt zwar die Diskussion um die Akteure der friedlichen Revolution und die nicht von allen DDR-Bürgern gewünschte schnelle Wiedervereinigung, spiegelt aber keineswegs die vielbeschworene Mauer in den Köpfen Vielmehr leidet sie unter der Standortfrage (Bitte ein „authentischer“ Ort! Besser „nur“ Leipzig?), unter restaurativen Bestrebungen (die Kolonnaden sollen wieder her) und dem Unwillen etlicher Zeitgenossen gegenüber allem, was zeitgenössisch ist. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

Der Haushaltsausschuss stellte Geld bereit - für die Kolonnaden, und nicht das Denkmal

Nun hatte der Haushaltsausschuss eben jenes Bundestages, der 2007 und 2008 gleich zwei Mal fürs Denkmal stimmte, das Vorhaben im Frühjahr 2016 aus Kostengründen gestoppt. Im Herbst zog derselbe Ausschuss dann die Spendierhosen an und stellte 3,5 Millionen Euro mehr als die mittlerweile veranschlagten 15 Denkmal-Millionen zur Verfügung – für die Wiedererrichtung der historischen Kolonnaden eben dort. Seitdem ist die Verwirrung komplett und die Empörung groß bei den Denkmal-Initiatoren rund um Wolfgang Thierse und den ehemaligen BBR-Präsidenten Florian Mausbach. Die Öffentlichkeit blieb zunächst seltsam indifferent.

Mittlerweile wollen zwar viele an die historisch beispiellose friedliche Revolution erinnern. Aber nicht mit dieser Waage, an deren Gestaltung auch die Choreografin Sasha Waltz beteiligt war. Auch Details stoßen auf Kritik, etwa der riesige Schriftzug WIR SIND DAS VOLK. WIR SIND EIN VOLK. Der historisch-kritische Sinn der Worte sei unkenntlich, er erscheine wie eine heutige Aussage, schrieb die TU-Denkmalpflege-Professorin Gabi Dolff-Bonekämper in der „FAZ“.

Schon seltsam, etwas erneut zu beschließen, was bereits zweimal beschlossen wurde

Schluss jetzt, sagt die Große Koalition. Ein ungewöhnlicher Vorgang: Das Parlament beschließt die eigenen Beschlüsse noch einmal. Die nötige Formalität: Das Kolonnaden-Geld muss fürs Denkmal umgewidmet werden. Auf dass die „Bürger in Bewegung“ in Bewegung kommen und die Wippe zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 endlich gewuppt ist.

Während Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bei der Diskussion lieber zurück auf Los gehen würde, spricht Hiltrud Lotze, SPD-Kulturberichterstatterin, vom „richtigen Denkmal zur richtigen Zeit“ und erinnert daran, wie sich gerade hier vor der Westfassade des Stadtschlosses deutsche Demokratiegeschichte ereignet hat. Von der Revolution 1848 über die Protestzüge der Novemberrevolution 1918/19 bis zu den Demos der DDR-Bürger vor dem Palast der Republik. Lotze nennt die Umwidmung der Schlossfreiheit „bestechend“. Das sehen viele anders, etwa der Schloss-Förderverein um Wilhelm von Boddien, die Gesellschaft Historisches Berlin und laut aktueller Umfrage auch etliche Bürger der Nachwende-Republik. Nur 16 Prozent befürworten die Waage, 43 Prozent hingegen die Kolonnaden.

Wenn die Wippe erst mal steht, finden alle sie gut, glaubt Initiator Mausbach

Initiator Mausbach ist trotzdem seit geraumer Zeit optimistisch. Es werde ähnlich sein wie bei Norman Fosters gläserner Reichstagskuppel: Wenn das Denkmal erst mal steht, finden die Leute es gut, schrieb er in dieser Zeitung. Auch der DDR-Historiker Stefan Wolle ist von der Popularität der Idee überzeugt. Dafür spreche schon der Spitzname „Einheitswippe“, sagte er tagesschau.de.

Nun also ein dritter Plenarbeschluss, nach dem Motto, dreifach gewählt hält besser? Nicht die Debatte ist das Denkmal, sondern das Denkmal ist die Debatte. Hin und Her, Her und Hin und Halt. Die riesige, bewegliche, gewölbte Schale entspricht exakt dem Streit, der seit Jahren um sie geführt wird. (mit dpa)

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