Kultur : Eis in Deutschlandfarben

Ballhaus Naunynstraße: das Stück zum NSU-Skandal.

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„Der Täter soll einen dunklen Teint (Südländer), braune Augen und schwarze Haare haben.“ Eine Beschreibung, die der erschossene Hamburger Gemüsehändler Süleyman T. von seinem Mörder lieferte. Ja, ganz recht, aus dem Jenseits. Protokolliert von einem iranischen Geisterbeschwörer, auf den die Polizei sich bei den Ermittlungen einließ. Nur hat der Hellseher die Geister wohl falsch verstanden. Tatsächlich war Süleyman T. ein Opfer der Zwickauer Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“.

Nun hat das Theater den Skandal um die NSU-Morde für sich entdeckt. Marianne Salzmann und Deniz Utlu legen am Ballhaus Naunynstraße das Stück „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ vor, in Anspielung auf den nebulösen Ermittlungsstand anno 2006 (und vielleicht auch darauf, dass einer der frühesten deutschen Fahrradhersteller die Firma NSU war). Zurückgegriffen haben die beiden auf Notizen der Journalistin Mely Kiyak aus dem NSU-Untersuchungsausschuss, wobei es auch um den salonfähigen Rassismus im Gegenwartsdeutschland geht.

Regisseur Lukas Langhoff siedelt die „Fahrräder“ im braunen Sumpf an. Die Bühne ist mit Morast bedeckt, der bei jedem Schritt schmatzt. Plakativ, aber wirkungsvoll. Die Schauspieler sitzen an Konferenztischen, jederzeit bereit, Sprachrohr der Ausgrenzung zu werden. Ein Abend voller Schlaglichter. Im Mittelpunkt steht Andreas (Simon Brusis), der das absolute Gedächtnis besitzt, anders als der vergessensselige Rest der Bevölkerung, eine Simplicissimus-Figur.

Er serviert Häppchen auf dem FDP-Parteitag (unter schwarzen Lakaien), verkauft Snacks im Stadion („Hast du Eis in Deutschlandfarben?“), trifft deutschtümelnde Heimatschützer im Wald und besorgt das Catering im NSU-Untersuchungsausschuss. Der Mann wird zum Mörder – was in einer mühelosen Volte der Hisbollah angelastet wird. Langhoff lässt sein Talent für satirische Zuspitzungen aufblitzen, Sebastian Brandes hat furiose Auftritte als rechter Basti mit bellendem Idiom. Auch verfehlen die Protokolle der NSU-Anhörungen nicht ihre absurde Wirkung. Aber das Stück von Utlu und Salzmann wirkt konfus. Vor allem hinkt es einer politischen Realität hinterher, die hier die beklemmenderen Farcen schreibt. Patrick Wildermann

wieder heute und bis 30. 11., 20 Uhr

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