Elektronische Musik : Mein Nachbar, der Pressluftmeißel

Der Berliner Musiker Schneider TM litt jahrelang unter Baustellenlärm. Jetzt hat er den Sound in einem Album veredelt, das er am 17. Oktober in der Berghain-Kantine vorstellt.

Lutz Happel
Klangarbeiter. Dirk Dresselhaus alias Schneider TM lebt in Prenzlauer Berg. Nachdem ihn die Baustellen vor der Haustür jahrelang regelrecht verfolgten, hat er inzwischen eine ruhige Wohnung.
Klangarbeiter. Dirk Dresselhaus alias Schneider TM lebt in Prenzlauer Berg. Nachdem ihn die Baustellen vor der Haustür jahrelang...Foto: Christian Obermaier

Dirk Dresselhaus sitzt vor seiner neuen Wohnung in Prenzlauer Berg – ein vergleichsweise ruhiger Ort, weitgehend durchsaniert, kein Baugerüst weit und breit. In der Nähe rattert ab und zu eine S-Bahn vorbei. Der Berliner Musiker und Produzent erzählt von Presslufthammern, Planierwalzen und Trennschleifern, den Instrumenten seines neuen Albums „Construction Sounds“. Es wurde unbewusst von Bauarbeitern und ihren Gerätschaften eingespielt, aufgenommen, arrangiert und veröffentlicht von Dresselhaus unter seinem Alias Schneider TM: „Dieser Baucontainer, der über ein Kopfsteinpflaster gezogen wurde, spielte plötzlich diese unfassbar traurige Musik“.

Natürlich könnte man nun meinen, die Idee eines avantgardistischen Baulärm- Albums aus Berlin sei etwas zu naheliegend. Schließlich ist die Idee des „Wir machen aus Baustellenschrott Instrumente“ der Einstürzenden Neubauten nun auch schon gut 30 Jahre alt. Und wenn es als Pendant zum Quietschen und Rumpeln der Subway New Yorks ein Berliner Alltagsgeräusch gibt, das sich tief ins kulturelle Unterbewusstsein gegraben hat, dann ist es jenes der Baustelle. Sie ist in ihrer hiesigen Erscheinungsform meist ein langlebiger Organismus, der Form und Ort zu wechseln pflegt, und deshalb gern als Metapher für das Wandelbare, ewig Unfertige der Stadt verwendet wird.

Doch so naheliegend sind die Ideen Schneider TMs gerade nicht. Denn das Album des 1970 in Bielefeld geborenen Musikers handelt gerade nicht davon, Krach in Tracks zu integrieren. Auch zu schlichter Die-Stadt-ist-eine-Baustelle- Metaphorik taugen seine Drones kaum, denn am Anfang stand kein Konzept, wie Dresselhaus erklärt, sondern eine persönliche Erfahrung, die ihrem Produzenten eine interessante Wahrnehmungsveränderung bescherte.

„Im Prinzip habe ich in den letzten 20 Jahren permanent mit Baustellen zu tun gehabt“, sagt er „sogar auf Tour, egal ob in Brasilien, Australien oder Italien, ich hatte immer eine vorm Fenster, das war wirklich wie ein Fluch“. In den Nullerjahren lebte der Musiker in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg, in einer Gegend, die bis Ende der neunziger Jahre noch weitgehend unentdeckt vor sich hindämmerte. Dann kam die Sanierungswelle, erst wurde das Nachbarhaus, dann das gegenüber und schließlich jenes, in dem Dresselhaus wohnte, „sehr langsam, lautstark und zermürbend“ von Grund auf überholt, „jeden Morgen ab 6.30 Uhr, teilweise bis 10 Uhr abends“, was ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte. „Die Klangkulisse dieser Zeit mit diesem MG-artigen Gemeißel erinnerte an einen kriegsähnlichen Zustand.“

Eine prekäre Situation für einen Musiker, dessen Wohnzimmer auch als Studio fungiert. Oft habe er Aufnahmen abbrechen müssen und sein Gerät einfach weiterlaufen lassen, „die Baustelle hat den Track sozusagen übernommen.“ Er habe in dieser Zeit vornehmlich nachts elektronische Improvisationen aufgenommen. Irgendwann bemerkte er dann, dass er dabei unbewusst Baustellengeräusche imitierte, wie ein Vogel, der Umgebungsgeräusche nachahmt, eine Art künstlerischer Mimikry.

Dabei begann Dresselhaus, in seinen Field Recordings Strukturen zu entdecken, sie als potenzielles Material zu begreifen und vermischte diese mit seinen eigenen elektronischen Sounds. Am Ende dieses Prozesses steht nun „Construction Sounds“, mit sechs Stücken, die manchmal wie eine Mischmaschine von nebenan klingen, andere Stellen aber sind mit Feedbacks und Hallschleifen so eng und fein verwoben, dass sie an einen düsteren Filmsoundtrack erinnern. Er möchte nicht mehr Kontrolle als nötig über sein Material haben, sagt Dresselhaus. Was er mache sei das „Gegenteil von Muckertum“, eine „an der langen Leine“ behutsam organisierte Musik.

In den letzten Jahren sind die Aufnahmen Schneider TMs, der in den Neunzigern Mitglied der Indiebands Locust Fudge und Hip Young Things war, immer freier geworden, oft in Kollaboration mit anderen Künstlern wie Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), Ilpo Väisänen (Ex-Pan Sonic), Reinhold Friedl (Zeitkratzer), Damo Suzuki (Ex-Can) oder der japanischen Tänzerin Tomoko Nakasato. Daraus spricht der Wunsch, sich selbst nach all dem Pop, den Hooklines und den Refrains früherer Alben durch mehr Improvisation, mehr Zufall, auch mehr dadaistischen Spieltrieb wieder zu überraschen und das Material an seine Grenzen zu führen, oder auch darüber hinaus.

Doch trotz alldem habe er erst durch den Baustellenterror der Nullerjahre eine wirkliche Ahnung davon bekommen, was es bedeute, „in Synchronisation mit der Umwelt zu leben“, wie Dresselhaus es nennt. Für einen Musiker wie Schneider TM heißt das, auch dort Material zu vermuten, wo man es nicht unbedingt erwartet und in diesem Material eine Ordnung zu finden, die es lohnt, gehört zu werden.

„Construction Sounds“ geht von der Idee aus, dass die Tracks im Krach bereits angelegt sind, man muss sie nur als solche wahrnehmen. „Kosmische Musik“ nennt Dresselhaus seine ausufernde Klangforscherei. Das erinnert an das alte Postulat von John Cage, Musik sei überall, man müsse nur Ohren haben, um sie zu hören oder an Alvin Lucier, der einst in der kalifornischen Wüste Antennen aufbaute, um die Ionenstürme der Erdatmosphäre hörbar zu machen.

Dirk Dresselhaus hat dieses Prinzip auf sein kleines, ehemals sehr leises und später sehr lautes Biotop in der Immanuelkirchstraße übertragen. Für ihn heißt Synchronität, nicht mehr vor den Pressluftmeißeln wegzulaufen, sondern das Hämmern, Schleifen und Rütteln zu transformieren, umzuleiten, in etwas zu verwandeln, mit dem sich leben und arbeiten lässt. Stadtsoziologisch gesprochen hat er damit etwas getan, was nur selten geschieht: Er hat die Gentrifizierung ausgebeutet.

„Construction Sounds“ ist bei Bureau B/Indigo erschienen. Konzert: Kantine am Berghain, 17.10., 21 Uhr

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