Emil-Nolde-Ausstellung : Die Zumutungen der Fantasie

Eine Wiederentdeckung: Emil Noldes „Religiöse Bilder“ sind in der Berliner Dependance der Stiftung Seebüll zu sehen. Es sind tatsächlich religiöse Gemälde, aber keine Kirchenbilder.

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Antrittsbesuch. „Anbetung der Könige“ (1933). Hauptwerk der Ausstellung ist der neunteilige Zyklus „Das Leben Christi“.Abb.: Nolde Stiftung Seebüll
Antrittsbesuch. „Anbetung der Könige“ (1933). Hauptwerk der Ausstellung ist der neunteilige Zyklus „Das Leben Christi“.Abb.: Nolde...

Vier Jahre lang war „Das Leben Christi“ in Berlin zu sehen, im Kronprinzenpalais Unter den Linden. Ludwig Justi, der Direktor der Nationalgalerie und damit auch der Modernen Abteilung im Palais, hoffte, das neunteilige Werk Emil Noldes erwerben zu können. Das gelang nicht; Nolde reichte seine Leihgabe 1932 weiter nach Essen, wo im Festsaal des in zurückhaltend moderner Architektur beheimateten Folkwang-Museums ein geradezu sakrales Arrangement geschaffen wurde. Wie ein Altarbild wurde der Zyklus dort präsentiert, oberhalb eines Podiums, zu dem drei Stufen aus dem Saal hinaufführten.

Noch 1934 war es möglich, Noldes Werk aus den Jahren 1911/12 an Ort und Stelle zu sehen. Drei Jahre später wurden Noldes Gemälde, darunter der ChristusZyklus, als „entartet“ beschlagnahmt und in München vorgeführt, später auch in Berlin. Was für eine Rückkehr – im Berlin des Winters 1911/12 waren sechs der neun Tafeln entstanden, und nun wurden sie von den Nazis als „gemalter Hexenspuk“ von „psychopathischen Schmierfinken und geschäftstüchtigen Juden“ zur Schau gestellt.

Ein Glück, dass kein Museum die Bilder erworben hatte. Emil Nolde erhielt sie – so „rechtsstaatlich“ gab sich Nazi-Deutschland 1938 noch – als sein Privateigentum ausgehändigt, während alle Arbeiten aus Museumsbesitz „verwertet“ wurden – entweder ins Ausland verkauft oder aber, wenn dies nicht gelungen war, 1939 im Hof der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt. Das ist hinlänglich bekannt; aber es versetzt dem Betrachter denn doch einen Stoß, wenn er „Das Leben Christi“ jetzt in der Berliner Dependance der Nolde-Stiftung in Augenschein nehmen kann.

Hier ist es das Hauptwerk der Ausstellung „Die religiösen Bilder“, die im Reigen der thematischen Untersuchungen von Emil Noldes Werk einen wichtigen und sensiblen Aspekt seines Schaffens vorführt. Denn Nolde hat religiöse Bilder geschaffen, aber keine Kirchenbilder. „Sie sind alle künstlerische Auslösungen, der Kunst dienen wollend“, schrieb Nolde in seiner Autobiografie von 1946. Da hatte er sich mit dem Unverstand der Zeitgenossen leidlich arrangiert und wunderte sich nur noch über sein Schicksal zwischen den Stühlen – „wenn ein Maler einerseits von den Juden verfolgt wird, weil er sie als Juden malt, und andererseits von den Christen bekämpft wird, weil sie Christus und die Apostel als Arier sehen wollen“.

Das sind Begriffe, die heutzutage außer Gebrauch sind, die jedoch die Auseinandersetzungen um Noldes Bilder sehr wohl kennzeichnen. Denn das „Orientalische“, das der Künstler in der Bibel fand, war den damaligen Betrachtern äußerst suspekt. Noldes religiöse Bilder hingegen breiten es aus, manchmal vielleicht aus Freude am Exotischen, doch eher wohl, um die Zumutung des Glaubens zu veranschaulichen. Und auf dem Umweg über das Exotische – etwa die Pharaonentochter, die Moses im Bastkorb auffindet – wird dann jedwede Darstellung des Religiösen zur Zumutung. Sind die ins Leere starrenden Gläubigen an Pfingsten vielleicht einfach nur verrückt geworden?

Bei Nolde ist man nie ganz sicher, ob er naiv oder aber raffiniert war. Denn die Lust, alles ganz wörtlich zu nehmen und gerade keine Verständnishürde aufzustellen, wie sie biblischen Historienbildern bis dahin eigen war, lässt ihn herrlich fantasieren, in Formen, Farben und Posen. Da sind die „Weiber“ der Bibel tatsächlich Weiber wie aus den Berliner Kaschemmen, die Nolde just zur Entstehungszeit des Gemäldezyklus sehr gut kannte. Es sind dieselben Jahre, in denen ein Kirchner unstet herumstreifte und seine Berliner Straßenbilder zu malen begann, in denen überhaupt die Randfiguren und Ausgestoßenen der Gesellschaft zu Sujets einer neuen, brodelnden Kunst wurden.

Nur in diesem Kontext erschließen sich Noldes religiöse Bilder ganz. Er illustriert nicht die Bibel, wie Generationen von Kirchenmalern, sondern fühlt sich in ihre fremde Welt ein. „An diesem erschütternden Werk ist nichts erklügelt“, heißt es in einer Besprechung der Kunstzeitschrift „Cicerone“ 1918, „ist alles erlebt, ehe es Form und Farbe ward.“ Vor allem Farbe, wie auch diese Ausstellung zu dem schier unerschöpflichen Gesamtwerk Emil Noldes wieder zeigt.

Das Pfingst-Bild aus dem Jahr 1909 – es gehört heute der Nationalgalerie und fehlt leider in dieser Ausstellung – war übrigens Anlass zum Zerwürfnis mit dem bereits konservativen Max Liebermann und der „Berliner Secession“. Das liegt jetzt ein volles Jahrhundert zurück. Aber wenn man in der Jägerstraße das neunteilige „Leben Christi“ betrachtet und sich einen angemessen großen Raum, gar einen Kirchenraum hinzudenkt, erahnt man, welch aufrührende Kraft in diesen Bildern gesteckt hat und immer noch stecken kann.

Nolde Stiftung Seebüll, Dependance Berlin, Jägerstr. 55. Bis 15. April. Katalog im Verlag DuMont, Köln, 24,90 €.

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