Emile Zola als BBC-Serie : Im Palast der Waren

Samt und Seide unter Kronleuchtern: Die BBC-Serie „The Paradise“ verlegt Émile Zolas Warenhaus-Roman „Paradies der Damen“ von Paris nach London, folgt sonst aber weitgehend der Vorlage. Jetzt sind die beiden Staffeln auf DVD erschienen.

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Frau,schau, wem. Szene aus "The Paradise".
Frau,schau, wem. Szene aus "The Paradise".Foto: Polyband

Die ganze Welt unter einem Dach. Mit diesem Versprechen begann einst der Siegeszug der Kaufhäuser. Sensationell war die palastartige Architektur der Geschäfte, und genauso sensationell war, dass die dort angebotenen Waren aus aller Herren Länder stammten. Doch seit im Internetzeitalter die ganze Welt nur noch einen Klick entfernt ist, befindet sich das Geschäftsmodell Kaufhaus – der Niedergang des Karstadt-Konzerns ist symptomatisch – in der Krise. So kommt bei den Schilderungen der einstigen Pracht nostalgische Wehmut auf: „Schon von weitem konnte man den orientalischen Saal sehen, der nur aus Teppichen und Vorhängen bestand. Überall breiteten sich wahre Wunder von Teppichen aus, samtglänzende aus Mekka, Gebetsteppiche aus Dagestan, mit Blumen übersäte aus Kurdistan. Paläste waren ausgeräumt, Moscheen und Bazare ihrer Schätze beraubt worden.“

Staunend beschreibt Émile Zola in seinem 1884 erschienenen Roman „Das Paradies der Damen“ die exotischen Attraktionen eines Ausverkaufs. Der naturalistische Schriftsteller hatte den Aufstieg der Unternehmer Auguste Hériot und Aristide Boucicaut beobachtet, die mit ihren Kaufhäusern Grands Magasins du Louvre und Le Bon Marché Dutzende von Pariser Einzelhändlern in den Ruin trieben. 1855 und 1852 gegründet, waren ihre Warenpaläste weltweit die ersten ihrer Art. Mit ihren klassizistischen Fassaden fügten sie sich in das Modernisierungskonzept des Stadtplaners Georges-Eugène Haussmann, der breite Sichtachsen in das kleinteilig-enge Straßenbild schlagen ließ.

Bei seinen Recherchen analysierte Zola akribisch die Werbe- und Marketingstrategien der damaligen Startup-Firmen. Seine 380-seitige Dokumentation, die ihm als Vorbereitung diente, wird heute in der Pariser Nationalbibliothek verwahrt. Zola schwankte in seinem Urteil über die Kaufhauskönige zwischen Anerkennung und Verachtung. Im „Paradies der Damen“ frisst sich das gleichnamige, immer weiter expandierende Kaufhaus tiefer und tiefer in ein noch mittelalterlich geprägtes Stadtquartier hinein, dabei unbarmherzig Läden, Wohnhäuser und Menschenleben zerstörend. Doch der unternehmerische Wagemut des Besitzers wirkt bewundernswert, und von dem Geschäft geht solch ein Glanz aus, dass die Besucherinnen aus der Provinz sich an den Schaufenstern die Nase platt drücken und seufzen: „So etwas haben wir noch nicht gesehen.“ „Ich handle mit Begehrlichkeiten“, sagt John Moray (Emun Elliott) in „The Paradise“, der beeindruckenden BBC-Serienadaption von Zolas Roman. „Es sind die Schwächen der Frauen, die wir in klingende Münze verwandeln müssen.“ Der glutäugige Mann ist ein klassischer Verführer. Vom Laufburschen in der Textilabteilung hat er es bis zum Besitzer des Kaufhauses gebracht, beim Ausbau des „Paradieses“ allerdings seine Ehefrau durch einen Baustellenunfall verloren.

Der Witwer erklärt befreundeten High-Society-Ladies beim Fünfuhrtee die Vorzüge der in seinem Haus angebotenen Parfüms und ihrer „aphrodisierenden Wirkung“ und wickelt auch Katherine Glendenning (Elaine Cassidy), die Tochter seines Geldgebers Lord Glendenning, um den kleinen Finger. Das wird sich rächen, denn wegen ihrer Eifersucht verliert er das Unternehmen. Moray verkörpert den beginnenden Kapitalismus, seine Gier kennt keine Grenzen, und einer seiner Leitsprüche lautet: „Ich will nicht Zweiter werden“. Gnadenlos spielt er die Lieferanten gegeneinander aus, um die Preise drücken zu können.

Als Kontrastfigur fungiert Denise Lovett (Joanna Vanderham), ein Provinzmädchen, das eigentlich im Laden ihres Onkels aushelfen soll, dann aber lieber im „Paradies der Damen“ anheuert, bis zur Leiterin der Damenabteilung aufsteigt – und die Geliebte des Chefs wird. Sie ist das Aschenputtel in diesem Märchen über eine Welt im radikalen Wandel. Doch anders als bei Zola entwickelt sie sich in der Fernsehserie zu einer Vorreiterin der Emanzipation. Als ihre Chefin die Kündigung einreicht, weil sie heiraten möchte, protestiert die Untergebene. „Ich mache das, weil es so üblich ist“, sagt die Chefin. „Nein“, entgegnet Denise, „weil wir in einer Männerwelt leben“.

Die Macher der BBC-Produktion um Autor Bill Gallagher haben die Handlung aus Paris nach London verlegt, halten sich aber ansonsten eng an die Dramaturgie und das Figurenensemble des Romans. Schwelgerisch wird die untergegangene Welt vorgeführt, immer wieder fährt die Kamera durch die luxuriösen Verkaufsräume, unter Kronleuchtern hindurch, vorbei an Seidenkostümen, Samthandschuhen, waghalsigen Hutkreationen und livrierten Verkäufern. Nein, dies ist kein Kaufhaus, sondern ein Paradies. Der Serie hat es nicht geholfen: Wegen schwacher Quoten wurde sie von der BBC nach zwei Staffeln abgesetzt.

Die Staffeln mit je acht Folgen sind als DVD bei Polyband erschienen.

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