Emmanuel Carrères Roman "Alles ist wahr" : Im Maschinenraum der Trauer

"Alles ist wahr": Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère rekapituliert eine Tsunami-Katastrophe und die Folgen

Moritz Scheper

Weihnachten 2004. Emmanuel Carrère und seine Lebensgefährtin Hélène sitzen in ihrem Hotelbungalow in Sri Lanka, das Wort Trennung ist gefallen. Der nächste Tag jedoch annulliert die Endgültigkeit dieser Entscheidung mit einer monströsen Welle, dem Tsunami. Juliette, die vierjährige Tochter eines befreundeten Ehepaares, ist unter den Toten. Der südostasiatischen Katastrophe knapp entkommen, trifft das Paar ein weiterer Schlag: Hélènes jüngere Schwester Juliette, Richterin und Mutter von drei Töchtern, verliert 33-jährig den Kampf gegen den Krebs.

Einem Roman würde man einen solchen Hagel von Schicksalsschlägen, wie er in „Alles ist wahr“ vorkommt, kaum abnehmen. Doch Carrères Bericht aus dem Maschinenraum der Trauer zeigt einen pathosarmen Blick, Empathie und das Schamgefühl eines Außenstehenden. Damit hält er das melodramatische Potenzial seiner Geschichte in Schach. Auch stellt er seine Unsicherheit aus, zutreffende Begriffe für das Monströse der Geschehnisse zu finden.

Interessanterweise steckt in „Alles ist wahr“ noch ein zweites Buch, nämlich nicht nur das Ende von Juliette, sondern auch ihre erstaunliche Geschichte zuvor. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Étienne bekämpft die junge Richterin von einem Amtsgericht in der Provinz aus die kruden Geschäftspraktiken der französischen Kreditbanken. Einige Seiten lang begibt sich der Autor tief in rechtspolitische Vorgänge hinein und arbeitet heraus, wie seine verstorbene Schwägerin Teil einer erfolgreichen Rechtsinitiative auf europäischer Ebene war.

Foto: promo

Emmanuel Carrère, 1957 in Paris geboren, weiß genau, dass er in dieser nichtfiktionalen Konstellation auch von sich erzählen muss. Von seiner Beziehung, der die tragischen Geschehnisse schließlich Dauer verleihen, indem sie zu einer Familiengründung führen. Von der Furcht, Vergleichbares zu erleben, die proportional zu seinem privaten Glück wächst: „In dem Moment, da ich das schreibe, hoffen wir noch immer, gemeinsam alt zu werden, und wir mögen die Vorstellung, das alles von Anfang an gewusst zu haben.“ Ein Buch, dessen Lektüre schon fast an die existenzielle Erfahrung heranreicht, der es Herr zu werden versucht. Das kann man nicht von vielen Büchern sagen.

Emmanuel Carrère: Alles ist wahr. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 245 Seiten, 19,90 €

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