Kultur : Empire auf dem Rückzug

Wie die Weltmacht Großbritannien das Design entdeckte: die Arts & Crafts- Bewegung in London

Bernhard Schulz

In den Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs stand Großbritannien im Zenit seiner Weltgeltung. Das viktorianische Zeitalter – die Königin starb nach 64-jähriger Regentschaft 1901 – markiert zugleich die Hochphase des britischen Sendungsbewusstseins. Über das Empire hat Niall Ferguson, einer der anregendsten Historiker unserer Tage, ein brillantes Buch unter ebendiesem Titel geschrieben (Penguin, London 2004, 8, 99 Pfund), das den nach 1900 einsetzenden Selbstzweifel dieser Weltmacht seismographisch aufspürt. Die Kultur hat Ferguson dabei nur gestreift. Dabei liefert sie mit dem Aufkommen des Arts & Crafts Movement ab etwa 1860 ein interessantes Indiz für den überraschenden Mentalitätswandel.

Zu dieser Zeit besaß Großbritannien unter allen Ländern noch unangefochten die industrielle und technologische Vorrangstellung, die es erst gegen 1910 an Deutschland und die USA abtreten sollte. Ihren Höhepunkt – und zugleich ein frühes mediales Ereignis – erfuhr diese Weltgeltung in der „Großen Ausstellung“ von 1851, die erstmals die Nationen des Globus zur Darbietung ihrer Leistungen vereinte – und selbstverständlich Britanniens Dominanz unterstrich.

Ausgerechnet gegen Industrie und Technik aber wandte sich Arts & Crafts. Dieser alle Künste, vor allem aber Innenausstattung und Dekoration umfassenden Bewegung widmet jetzt das Londoner Victoria & Albert Museum seine diesjährige Hauptausstellung. Und als sollte Britanniens Ausstrahlung noch einmal gefeiert werden, zeigen die 300 Objekte bei weitem nicht nur heimische Erzeugnisse, sondern spannen den Bogen nach Kontinentaleuropa, Amerika und selbst Japan.

Die in der Londoner Ausstellung gezeigten Gegenstände, vor allem die nach originalen Vorbildern arrangierten Wohnküchen und Esszimmer sprechen von fernen Zeiten. Schwere, dunkle Möbel, großformige Steingutwaren, florale Behänge – doch alles mit dekorativen Details, die erkennbar nur von mühevoller Handarbeit stammen konnten. Zeittypisch für die viktorianische Ära allerdings ist der vor allem in der Malerei bisweilen süßliche Rückgriff auf biblische Themen. Immerhin waren anglikanische Gemeinden wichtige Auftraggeber für die Arts & Crafts-Künstler, etwa bei Glasfenstern und Altargeräten, die gleichfalls in London zu sehen sind.

Was John Ruskin (1819-1900) und William Morris (1834-1896), die Väter und Mentoren der Bewegung, forderten, war die Besinnung auf Einfachheit und Echtheit in einer Zeit, die sich gerade im Gegenteil ihrer schier unbegrenzten Möglichkeiten rühmte. Sie propagierten den Rückzug ins Private in einer Nation der Weltpolitik. Darin steckt der Stachel. Morris ging so weit, vom „Hass auf die moderne Zivilisation“ zu sprechen.

Arts & Crafts war in erster Linie moralisch. Die Bewegung – so Kuratorin Karen Livingstone – „verfocht die Wiederbelebung traditionellen Handwerks, die Rückkehr zu einer einfachen Lebensweise und die Wiedergewinnung von Kunst für den privaten Alltag“. Die Zerrissenheit des modernen Alltagslebens sollte geheilt werden: vorzüglich durch ein beschauliches Familienglück am heimischen Herd. Das zielte auf die viktorianische Mittelschicht, die sich entsprechende Häuser am Rand der schmutzigen Städte leisten konnten. Das prägende Urmodell gehört seit zwei Jahren dem National Trust und ist erstmals öffentlich zugänglich: Morris’ berühmtes „Rotes Haus“ von 1859 im ländlichen Kent, heutzutage 45 Minuten Bahnfahrt von London entfernt. Eine malerisch komponierte, backsteinerne Haus-„Landschaft“ gruppiert sich um einen überdachten Ziehbrunnen inmitten eines liebevoll angelegten Gartens – was für ein Idyll.

Arts & Crafts war also weniger ein Stil, obgleich sich seine insularen Anhänger an die englische Gotik anlehnten. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu Art Nouveau und Jugendstil, die ein wenig später auf die Szene traten und nun tatsächlich einem dezidierten Stilwillen folgten – und sich gegebenenfalls modernster Technologien und Produktionsweisen bedienten.

Daher will aus nicht-britischer Sicht die Ausweitung, die im Ausstellungstitel „International Arts & Crafts“ bündig behauptet wird, nicht ohne weiteres einleuchten. Denn obwohl das Kunsthandwerk nach der Jahrhundertwende allerorten einen Aufschwung nahm, ist doch Arts & Crafts im engeren Sinne ein sehr britisches Phänomen – verständlich nur auf jenem Hintergrund der politischen und industriellen Supermacht ihrer Zeit. Man muss nur die überreich bestückten „British Galleries“ des gigantischen Victoria & Albert Museums durchwandern, die in der Apotheose der industriellen Massenproduktion des Viktorianismus gipfeln, um den eskapistischen Grundzug von Arts & Crafts zu erfassen.

1888 fand die erste Ausstellung der „Arts & Crafts Exhibition Society“ statt, die der Bewegung den Namen gab. Die neuen Produkte, die sich so sehr vom historisierenden Industrieramsch unterschieden, erwiesen sich als bemerkenswert erfolgreich. Morris selbst führte eine umfangreiche Werkstatt. Schnell bildeten sich regionale Formen, wie in Schottland mit dem eher jugendstiligen Charles R. Mackintosh. Die in der Theorie gezogenen Grenzen zwischen Handwerk und Manufaktur begannen im selben Moment wieder zu verschwimmen, da eine wohlhabende Kundschaft für reichlich Nachfrage sorgte.

Das war auf dem Kontinent insofern anders, als etwa die Gründung der Darmstädter Künstlerkolonie durch den hessischen Großherzog 1899 als lokale Wirtschaftsförderung angelegt war. Die Ausweitung der Londoner Ausstellung auf die nun zahlreich einsetzenden Spielarten von Jugendstil bis Wiener Werkstätte, gar auf den amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright und seine an den Weiten des Mittleren Westens orientierte „Prairie School“, führt in die Breite statt in die Tiefe. Um 1900 war der Historismus allenthalben erledigt, die Reformbewegung erstarkt. Mit welchen sozialen und ästhetischen Zielen sie antrat, unterscheidet sich allerdings von Land zu Land. Arts & Crafts blickte zurück in die Vormoderne – der Jugenstil hingegen wollte die Kunst einer neuen Zeit sein.

Eine eigentümliche Spätblüte trieb Arts & Crafts in Japan. Die „Volkskunst“-Bewegung florierte zwischen 1920 und 1945 (!), inspiriert von japanischen und englischen Künstlern gleichermaßen. Ein vollständig eingerichtetes Doppelzimmer bildet in der Ausstellung das größte Ensemble: ein Esszimmer mit Tisch und Stühlen nach westlichem Muster, ein anschließender Empfangsraum mit Tatami-Matten und Sitzkissen nach japanischer Tradition. Alle Vasen und Schalen, alles trägt diesen hybriden Charakter. Aber hatte sich nicht schon Wright für seine gestreckten Prärie-Häuser Anregungen in Japan geholt?

Der anti-industrielle Impuls jedenfalls blieb auch in Großbritannien ein Zeitphänomen. Und die propagierte Rückkehr zum gesunden Landleben funktionierte in der arbeitsteiligen Gesellschaft schon gar nicht – auch wenn sie ein so anheimelnd verwunschenes Gebäude wie das „Rote Haus“ in Bexleyheath hervorbrachte. Morris bewohnte das Idyll nur fünf Jahre. Binnen kurzem wurde er mit seiner Design-Firma Morris & Co. – ein erfolgreicher Unternehmer.

London, Victoria & Albert Museum, bis 24. Juli. Katalog 29,95 Pfund.

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