Enrico Lübbe am Berliner Ensemble : Still leben

„Geschichten aus dem Wiener Wald“: Enrico Lübbe küsst das Berliner Ensemble wach.

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Distanz und Nähe.
Distanz und Nähe.Foto: DAVIDS

Das hat man kaum mehr zu hoffen gewagt. Man geht ins Berliner Ensemble, und es fehlt etwas: der durchsichtige Vorhang der verkrampften Witzischkeit, der schon traditionsgemäß vor den Inszenierungen hängt und jedes Durchkommen zum Wahrhaften unmöglich macht. Auch von angestrengten Posen und Bedeutungsvorspielerei, zu denen die Schauspieler gezwungenermaßen Zuflucht nehmen: keine Spur. Das ganze Inventar der Falschheit: rausgeschmissen. Stattdessen: eine Bühne. Darauf: Schauspieler wie Angela Winkler oder Johanna Griebel oder Axel Werner, die eine ergreifende Geschichte erzählen, (und sich dabei so gut wie nicht bewegen). Das Berliner Ensemble? Tatsächlich, ein Theater für Zeitgenossen.

Der Zauberer, der eben kein Zauberer, sondern ein genauer Beobachter und Menschenkenner ist und ein sogenannter Schauspieler-Regisseur mit dem Mut zur Stille, heißt Enrico Lübbe. Noch ist er Theaterdirektor in Chemnitz und wird, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, 2013 Nachfolger von Sebastian Hartmann an der Spitze des Centraltheaters in Leipzig. Nun hat er bei seiner ersten Inszenierung in Berlin mit Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ das Berliner Ensemble wachgeküsst.

Eine hölzerne Schräge steigt die Bühne (Hugo Gretler) an, mit Höhen und Senken wie ein Hügel, den die Schauspieler immer wieder hinaufsteigen oder herunterkommen. Meist aber stehen sie bloß darauf und bilden kleine Tableaus der Vergeblichkeit, melancholische Schnappschüsse, auf denen jeder für sich bleibt, schon genug damit beschäftigt, das Gleichgewicht auf dem abschüssigen Untergrund zu wahren.

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist Ödön von Horváths bekanntestes Stück, Ende der zwanziger Jahre im Wien der Wirtschaftkrise angesiedelt. Eine Puppenwerkstatt (wo noch kindliche Liebes- und Freiheitsträume gepflegt werden), ein Kiosk (wo das Derbe herrscht) und eine Fleischerei (in der alles Höhere in blutige Realismusportionen gehauen wird) sind die vielsagenden Hauptorte der Handlung. Marianne soll den Fleischhauer Oskar heiraten, aber Marianne liebt ihn nicht und lässt die Verlobung platzen, als sie den Charmeur Alfred kennenlernt. Der hat sich bisher von der älteren Kioskbesitzerin Valerie aushalten lassen und sieht Marianne nur als nette Abwechslung. Als Marianne ein Kind von ihm bekommt und die drei so etwas wie eine Familie bilden, nimmt das Unglück seinen Lauf: Verarmung, Kellerloch. Um irgendwie an Geld zu kommen, nimmt Marianne einen Job in einem Etablissement an, wo sie in „Lebenden Bildern“ nackt posiert.

Ausgehend von der Idee dieser „Lebenden Bilder“, die elegant gezeichnet, doch nur pornografisch sind, baut Lübbe den Abend auf. Er arrangiert die Schauspieler selbst zu Bildern, stellt sie – das Licht geht aus und wieder an – zu Postkartenmotiven auf, die „Wohlanständigkeit“ oder „Ausflug zum See“ oder „romantische Liebe“ heißen könnten. Trotz der Statuarik, es hat nichts Schweres. Die Schauspieler kommen zusammen, lächeln, reden aneinander vorbei und treiben wieder auseinander, als wär’s ein Stück von Botho Strauß. Nur dass dabei eben nicht eine süßliche Achtzigerjahre-Leere zum Vorschein kommt (wie bei Strauß), sondern das Rohe und Ordinäre der Vorkriegsjahre: Der neue Lover Valeries ist ein antisemitischer Jurastudent aus Kassel. Angela Winkler spielt diese Kioskbesitzerin als rabiate Strippenzieherin, die sich die Männer wie austauschbare Püppchen ins Haus holt und sich dann auf fiese Weise nicht an ihnen, sondern an den eigenen, eingebildeten Gefühlen für sie erfreut.

Das ist die wunderbare Begleiterscheinung von Lübbes Einfachheit: Die Schauspieler haben viel Raum um sich, den sie mit Ruhe dazu nutzen, die Gefühlslagen auszubalancieren. Johanna Griebel, die Marianne das Glühen einer kindlich Liebenden und die Erloschenheit einer Verzweifelten gibt; Axel Werner, der dem alten Rittmeister die schneidige Schärfe einer Klinge leiht; Gudrun Ritter als enkelmordende Großmutter, bucklig in sich hineingekrümmt, als sei ihr Inneres längst versteinert; Veit Schubert als sadistischer Weichling aus Amerika, der Marianne zur Prostitution zwingen will und sie ins Gefängnis bringt, als sie sich weigert; Boris Jacoby, der den Metzger Oskar mit der perfiden Würde der Beschränkten spielt: Selten wurde auf so wirkungsvolle, den Raum unter subtile Spannung setzende Weise so souverän leise gesprochen.

Enrico Lübbe geht 2013 also nach Leipzig. Tatsächlich?

Wieder am 27. Juni, 1. und 2. Juli

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