Entnazifizierung : Wohin mit den Nazis?

Die Nachkriegs-Republiken in Ost und West: Kontinuitäten gab es nicht nur im Auswärtigen Amt.

Ernst Piper
Juni 1943. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Hitler.Weitere Bilder anzeigen
Foto: mauritius images
25.10.2010 22:56Juni 1943. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Hitler.

Als Guido Westerwelle letzte Woche den Historiker-Bericht über die NS-Verstrickung des Auswärtigen Amts entgegennahm, stellte der Außenminister und FDP-Bundesvorsitzende fest, dass das Amt „unmittelbar in die Gewaltpolitik des Naziregimes eingebunden“ war. „An der systematischen Vernichtung der europäischen Juden war es mit administrativer Kälte beteiligt.“ Anders wäre es auch kaum möglich gewesen, denn die Nationalsozialisten waren angewiesen auf die Kooperation des etablierten Apparats.

Fast überall in Europa gab es nach dem Ersten Weltkrieg faschistische Bewegungen. Durchsetzen konnten sie sich dort, wo sie auf schwache, verunsicherte Eliten trafen. In Deutschland hielten die nationalkonservativen Eliten in Reichswehr, Wirtschaft, Verwaltung und Kirchen nicht viel vom demokratischen System der Weimarer Republik, das ihnen glanzlos, parvenühaft und medioker erschien, nicht geeignet, das gedemütigte Vaterland wieder zu nationaler Größe zu führen. Das galt auch für die traditionsbewussten Beamten des Auswärtigen Amts, von denen viele aus altem preußischem Adel stammten.

Der deutsche Adel, nach 1918 auf einen Schlag all seiner gekrönten Häupter ledig, hegte große Sympathien für die antibürgerlich und antisemitisch auftretende NSDAP. Fast 300 Angehörige fürstlicher Häuser traten in die Partei ein. Viele berühmte Familiennamen finden sich darunter, 38 mal der Name Schulenburg, 34 mal Bismarck, 40 mal Bülow, 36 mal Maltzahn und 38 mal Puttkamer, um nur einige zu nennen. Auch Konstantin von Neurath, den der Herrenreiter und Kurzzeitkanzler Franz von Papen 1932 zum Außenminister gemacht hatte, war ein vorzüglicher Repräsentant der alten Funktionseliten. Deshalb hielt Hitler auch an ihm fest, als er 1933 an die Macht kam.

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der totalen Niederlage des Deutschen Reichs. Danach gab es kein Auswärtiges Amt mehr. Der Minister wurde hingerichtet, andere kamen in Haft. Aber das Gros der Mitarbeiter richtete sich schnell in den neuen Verhältnissen ein. Zum Beispiel Ernst Achenbach, Jahrgang 1909. Nach einem Jurastudium wurde er Geschäftsführer der Stiftung Adolf-Hitler-Spende und war mit dem Eintreiben von Geldern bei großen Industrieunternehmen beschäftigt.

1937 trat Achenbach in die NSDAP und in den Auswärtigen Dienst ein und ging zwei Jahre später nach Paris. Dort war er ein enger Mitarbeiter des Botschafters Otto Abetz, der nach dem Krieg wegen seiner Mitverantwortung an den Judendeportationen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er aber nur einen kleinen Teil verbüßte. Achenbach wurde nie angeklagt, im Gegenteil, er trat in mehreren Nürnberger Nachfolgeprozessen als Verteidiger auf. Gemeinsam mit Werner Best, dem Chefideologen des Reichssicherheitshauptamts und Kronjuristen der SS, organisierte er die Verteidigung von Kriegsverbrechern und die Koordination von Zeugenaussagen. Auch politisch betätigte er sich wieder, trat der FDP bei und wurde ihr außenpolitischer Sprecher. Daneben nutzte er alte Kontakte und warb für die Partei Industriespenden ein.

1952 initiierte Achenbach einen „Vorbereitenden Ausschuss zur Herbeiführung einer Generalamnestie“. Die Sprache verriet seine Gesinnung: Achenbach forderte die „Liquidation“ der Strafverfolgung sämtlicher NS-Verbrecher im In- und Ausland. Die Initiative war nicht direkt erfolgreich, aber die mehr als zögerliche Strafverfolgung von NS-Verbrechern, die vielfach einer „kalten Amnestie“ (Jörg Friedrich) gleichkam, wurde noch weiter ausgebremst. Von 1957 bis 1976 vertrat Achenbach die FDP im Bundestag. Als Berichterstatter für den Auswärtigen Ausschuss war er für das deutsch-französische Abkommen zur Verfolgung von NS-Verbrechern zuständig, dessen Ratifizierung er jahrelang verhinderte, so dass es kaum noch zu Verurteilungen kam.

In Gestalt der Bundesrepublik existierte das Deutsche Reich fort, wenn auch nur teilidentisch. Das stellt das Bundesverfassungsgericht 1973 bei der Überprüfung des Grundlagenvertrags mit der DDR nochmals fest. Der Kalte Krieg mit der Teilung Deutschlands, Westintegration und Wiederbewaffnung trug dazu bei, dass die fragwürdigen NS-Traditionen in der Bundesrepublik vielfach weiter existierten. Was die personelle Kontinuität betrifft, ist gerade das 1951 wieder erstandene Auswärtige Amt ein bedrückendes Beispiel – wie die Historikerpublikation „Das Amt und die Vergangenheit“ nun belegt.

In der DDR lagen die Dinge anders. Der Staat sah sich als das „neue Deutschland“, eine Phrase, die schon 1933 von den Nationalsozialisten gebraucht worden war. Die deutsch-sowjetische Freundschaft war konstitutiv, die DDR zählte so gewissermaßen zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Der antifaschistische Impuls derer, die Widerstand geleistet hatten und verfolgt worden waren, wurde für die Legitimierung des neuen Staats instrumentalisiert und mit den Jahren stark ritualisiert. Auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrationslager fanden Massenkundgebungen, NVA-Truppenvereidigungen, FDJFeiern und Fahnenappelle statt.

Zum Beispiel das im April 1945 von den Amerikanern befreite und bald darauf an die Sowjetische Militäradministration übergebene Konzentrationslager Buchenwald. Nach einem Beschluss des Sekretariats des ZK der SED wurde 1950 das gesamte Barackenlager abgerissen. Nur eine Thälmann-Gedenkstätte sollte bleiben. 1958 wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eröffnet, eine monumentale Denkmalsanlage im Stil des Heroenkults des sozialistischen Realismus. Das Schicksal der jüdischen Opfer war weitgehend eskamotiert; die Lagergeschichte wurde auf den kommunistischen Widerstand reduziert und die Gestaltung des Geländes stand unter dem Leitmotiv „Durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“.

Die Sowjetunion hatte in ihrer Besatzungszone eines ihrer kommunistischen Regime etabliert, die sich durch Kaderpolitik auszeichneten. Durch rigorose Säuberungen sorgte man für einen Austausch der Eliten, nicht nur in der SED, sondern auch bei den Blockparteien. Die stalinistischen Schauprozesse gingen einher mit der Enteignung der Privatunternehmer und der Umwandlung zur Planwirtschaft.

Ein heute fast vergessenes Opfer dieser Politik ist der erste Außenminister der DDR, Georg Dertinger. In der Weimarer Republik hatte er der DNVP angehört, in der NS-Zeit stand er dem katholischen Widerstand nahe. Nun war er Vorsitzender der Ost-CDU, deren Einbindung in die „Nationale Front“ er befürwortete. Was ihn nicht davor bewahrte, 1953 mitsamt seiner Familie verhaftet und im Jahr darauf wegen „Boykotthetze“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt zu werden. Seinem Nachfolger, dem Altkommunisten Anton Ackermann, ging es nicht viel besser. Er saß zwar im ZK der SED, wurde aber der „parteifeindlichen Fraktion“ um Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt zugerechnet und nach dem 17. Juni 1953 aller Partei- und Staatsämter enthoben.

Mehr Glück hatte Lothar Bolz. Der von 1953 bis 1965 amtierende DDR-Außenminister war zwar Altkommunist, aber seit 1948 Vorsitzender der Nationaldemokratischen Partei (NDPD), die im Zuge der ab 1946 verfolgten Integrationspolitik gegründet worden war. Während die CDU und die liberale LDP die Aufnahme ehemaliger NSDAP-Mitglieder ablehnten, sollte die NDPD „einfachen Parteigenossen“ und unbelasteten Wehrmachtsoffizieren die Chance zur politischen Betätigung geben. Die meisten ehemaligen Nazis nahm allerdings die ungleich größere SED auf. Anfang der fünfziger Jahre waren es über 100 000 Personen, über 8 Prozent der Gesamtmitgliedschaft.

Als die Sowjetische Militäradministration die Entnazifizierung im Februar 1948 offiziell für beendet erklärte, jubelte die „National-Zeitung“, das Parteiorgan der NDPD: „Während man in den anderen Teilen Deutschlands noch mit gewichtiger Miene Entnazifizierung spielt, können die Augen in der Ostzone wieder heller blicken, nun braucht der einfache ‚Pg.’ nicht mehr scheu um sich zu sehen, als ob er ein Paria wäre.“ Bis zum Ende der DDR stellte die NDPD je einen Stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats und des Staatsrats. Als sie bei den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 nur noch 0,38 Prozent der Stimmen erreichte, trat sie dem Bund Freier Demokraten bei, der später in der FDP aufging. So schließt sich mancher Kreis.

Der Historiker und Publizist Ernst Piper lebt in Berlin und lehrt Neuere Geschichte an der Universität Potsdam.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben