Kultur : Er war der Genosse Vater

Der Theatermann Albert Hetterle ist tot

Christoph Funke

Den Konflikten geschichtlicher Wendungen ist Alfred Hetterle, Schauspieler, Regisseur und Intendant, nie ausgewichen. Er hat sich seiner Zeit gestellt, in einem viele Jahrzehnte umspannenden Leben, voller Hoffnungen, voller Enttäuschungen und Niederlagen. Hetterle, 1918 in Odessa geboren, seit 1955 am Berliner Maxim Gorki Theater engagiert, hing er an den Idealen einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, und er litt darunter, dass diese Ideale verfälscht wurden, sich als unerfüllbar erwiesen. Aber wie seine Helden zeigte er keine eindimensionalen Funktionäre und Arbeiter, sondern Leute, die sich durchbeißen gegen Dummheit und Arroganz der Macht. Der „Genosse Vater“, wie Hetterle zu DDR-Zeiten oft genannt wurde, wollte nicht dulden, dass Kraft und Fantasie einfacher Menschen missbraucht wurden. Er wollte herausfordern zu einer umfassenden Menschlichkeit, in Stücken von Gorki, Schatrow, Gelman und vielen anderen. In seinem Spiel machte er darauf aufmerksam, dass das Wort der Programme und Verkündungen gelten muss – nicht ihre verlogene Umsetzung.

Seine wesentlichste künstlerische Leistung vollbrachte Hetterle als Intendant des Maxim Gorki Theaters, von 1968 bis 1994. Er holte Regisseure wie Thomas Langhoff und Rolf Winkelgrund an sein Haus, setzte sich für Dramatiker wie Rudi Strahl, Rainer Kerndl, Ulrich Plenzdorf ein, machte das Kleine Theater Unter den Linden zu einer lebendigen, streitbaren Bühne. In der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun (1988) spielte Hetterle den Rentner Wilhelm Höchst. Dieser brummige, manchmal auch ein wenig giftige Alte bewahrt als letzter Idealist Kraft, Lebenswillen und Humor in einer Gruppe der Gescheiterten. Hetterle schlüpfte in diese Rolle wie in eine zweite Haut. Am 17. Dezember ist er nach langer Krankheit in Berlin gestorben.

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