Kultur : Er zeigte auf sein Herz

Peter Wapnewskis Begräbnisfeier in Berlin: Poesie und Musik als letzter Wille.

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Alles war so, wie er es mit seinem letzten Willen noch selber bestimmt hatte. Nur dass der große Gelehrte, der Sprach- und Musikliebhaber Peter Wapnewski jetzt auf dem Waldfriedhof an der Berliner Heerstraße sein Grab direkt neben dem heute fast vergessenen Lyriker, Dramatiker („Krankheit der Jugend“) und Gründer des Renaissance-Theaters Ferdinand Bruckner gefunden hat, das ist Zufall.

Zu Peter Wapnewskis Erfolg auch beim weiteren Publikum gehörte ja die Renaissance: nicht der Antike, sondern der mittelalterlichen, mittelhochdeutschen Poesie, der er beispielsweise mit seiner ingeniös kommentierten Lesung des „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach zu einem Hörbuchbestseller verhalf.

Die Trauerfeier gestern Mittag auf dem Berliner Waldfriedhof war zugleich die letzte Inszenierung des am 21. Dezember 2012 mit 90 Jahren gestorbenen Peter Wapnewski. Außer im Glücksfall liebte PW, wie man ihn in Fach- und Freundeskreisen nannte, den Zufall nicht. Er wollte auch keine Reden bei seinem Begräbnis, er wünschte sich nur Musik und Poesie, und die hatte er vor seinem Ende noch ausgewählt und es so mit einigen Freunden und seiner Frau Monica besprochen. Mit Loriot alias Vicco von Bülow, der auf dem selben Friedhof bestattet ist, verband Wapnewski nicht nur die Nähe zu Richard Wagner, sondern auch der Sinn fürs absolut Exakte, für die stilvollendet gesetzte Pointe. Für das, was man bei kleineren Geistern Pingeligkeit nennen kann.

In der Kapelle des Waldfriedhofs hatten sich Wapnewskis Weggefährten und -tinnen, hatten sich Wissenschaftler und Autoren wie Tilman Spengler, Karin Kiwus oder Durs Grünbein versammelt, Gäste auch wie die kunstsinnige Industriellenwitwe Gabriele Henkel. Das Mandelring-Quartett spielte den zweiten Satz aus Mozarts Streichquartett in C-Dur, dem „Dissonanzen-Quartett“. Dann folgten sieben Gedichte. Nike Wagner begann mit Brechts schönem Begegnungs- und Abschiedspoem „Die Liebenden“, Peter Stoltzenberg endete mit Robert Walsers „Ich wanderte und wandre noch“, das mit den Versen schließt: „Er zeigte weinend auf sein Herz / und ging, heißt es vom armen Mann.“

Eberhardt Lämmert las Nietzsche, Wolf Lepenies, Nachfolger als Rektor des von Peter Wapnewski begründeten Berliner Wissenschaftskollegs, sprach „Die Weissagung des Teiresias“ von Alexander Lernet-Holenia, Conrad Wiedemann las Richard Alexander Schröder, ebenso Peter Raue, der Anwalt, und Norbert Miller trug das von PW gewünschte „Perlhuhn“ von Christine Lavant vor.

Eine Mischung, die Geist und Herz hatte, im Sinne des unsichtbar Anwesenden. Einzig vom Band kam: ein Stück aus Charles Ives „Unanswered Question“, dirigiert von Leonard Bernstein, ein Lieblingswerk des Toten. Elegische Streicher, darüber nur die Helle einer Trompete. Als Lebenszeichen. Peter von Becker

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