Erbe des Jazz : Schweb mit mir durch die Nacht

Avantgardistischer Beatbastler: Flying Lotus und sein entspanntes Album „Until The Quiet Comes“.

Lutz Happel
Bewusstseinserweiterer. Steven Ellison alias Flying Lotus lebt in Los Angeles. Foto: Timothy Saccenti/Warp
Bewusstseinserweiterer. Steven Ellison alias Flying Lotus lebt in Los Angeles. Foto: Timothy Saccenti/Warp

Vor zwei Jahren wurde Steven Ellison alias Flying Lotus zu einem Phänomen. Zuvor war der Kalifornier lediglich ein Beatbastler unter vielen, ein ehemaliger Praktikant des Labels Stones Throw, der in seinem Wohnzimmerstudio am Laptop instrumentelle Hip-Hop-Tracks zusammenschraubte, wenn er nicht gerade mit Konsolenspielen oder Cannabiskonsum beschäftigt war. Auch seine bis dahin veröffentlichten Alben – „1983“ (Ellisons Geburtsjahr) und „Los Angeles“ (sein Wohnort) – wirken in der Rückschau eher wie künstlerische Selbstvergewisserungen. Mit „Cosmogramma“ allerdings, Ellisons drittem Album, kam das Phänomenale in seine Musik, und so entstand der Hype.

Steven Ellison ist der Großneffe der Jazzpianistin Alice Coltrane, die in den siebziger Jahren das Befreiungsstreben des Free Jazz (und das Erbe ihres Mannes John Coltrane) um indische Einflüsse erweiterte und hin zum Spirituellen führte. Ellisons Großmutter, Marilyn McLeod, arbeitete für das legendäre Motown-Label und schrieb Songs für Marvin Gaye und Diana Ross. Der Legende nach lauschte Ellison im kalifornischen Aschram seiner Großtante einem ihrer Vorträge über das kurze irdische Menschendasein und missverstand sie dabei: Coltrane sagte „Cosmic Drama“, Ellison hörte „Cosmogramma“, die Grammatik des Kosmos, und hatte damit nicht nur einen Titel, sondern auch eine konzeptuelle Idee für sein Album gefunden, einen Entwurf, eine Erzählung monströsen Ausmaßes, die seinen Soundexperimenten eine Form gab.

Eine „Space-Oper“ sei diese Platte geworden, so Ellison, ein astraler Trip aus Hip-Hop-Instrumentals, Jazz-Fragmenten und verkanteter Elektronik, ein hektisches Geflirre, zusammengesetzt aus bis zu 80 Spuren digital verfremdeter Sounds und live eingespielten Instrumenten wie Kontrabass, Harfe und Saxofon, mit Titeln versehen wie „Do The Astral Plane“ oder „Galaxy in Janaki“. Seitdem kann sich Ellison nicht mehr über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen, sein kosmisch-introspektiver Sound ist genrebildend, er strahlt, so abstrakt er auch ist, weit aus, und er selbst ist zu einer Instanz und zu einer Projektionsfläche geworden.

Mittlerweile gehört Flying Lotus zur ersten Riege einer musikalischen Strömung von so unterschiedlichen Soul- und Hip-Hop-Künstlern wie Erykah Badu, Jay Electronica oder Madlib, der es eher um die ätherischen Aspekte des Daseins, um Introspektion, Kontemplation und Kosmologie geht. Die im Chart-Hip-Hop vorherrschende materialistische Denkrichtung mit ihrem Lobpreis von KFZ-Zubehör und Goldschmiedehandwerk wird hier auf den Kopf gestellt: Bei Flying Lotus bestimmt das Bewusstsein das Sein, nicht umgekehrt.

Auch in musikalischer Hinsicht ist Flying Lotus eine schillernde Figur. Mit den digitalen Mitteln seiner Generation spinnt er das Jazz-Vermächtnis der Verwandtschaft weiter und simuliert Formen freier Improvisation am Rechner. Mancher Kritiker fühlte sich durch die seelensuchende Astro-Symbolik Ellisons gar an die afrofuturistischen Utopien eines Sun Ra oder George Clinton erinnert. Andere sehen in Flying Lotus einen Beatforscher, der im Geiste J Dillas experimentell die Grenzen des instrumentellen Hip-Hop ausdehnt, einer, der der Kunst des Mixens, Cuttens und Sampelns eine neue digitale Dimension hinzufügt.

Mittlerweile betreibt Ellison ein eigenes Label namens Brainfeeder. Seinen Acts hört man die ästhetischen Grundsätze ihres Labelchefs durchaus an, obgleich hier jeder nach eigenen Vorlieben das Feld des Avant-Hip-Hop beackert. The Gaslamp Killer beispielsweise ist ein klassischer Cratedigger, ein fanatischer Plattensammler und Sample-Freund, dessen Produktionen vollgestopft sind mit Bollywood-Klangschnipseln und obskurem Progrock. Gonjasufi wiederum klingt wie ein Wüstenprediger, der seine Blues- und Acidrock-Gebete über einen kaputten Weltempfänger in die Welt hinausjault.

Hört man sich durch den Brainfeeder-Katalog, fällt jedoch eine Gemeinsamkeit auf: Man hat es hier ausnahmslos mit digitalen Modernisten zu tun, und Ellison ist nicht nur der bekannteste, sondern auch der exemplarischste unter ihnen. In Flying Lotus’ Musik spielt keine Rolle, woher das Rohmaterial stammt, denn er zerhäckselt es zu sehr, als dass man am Ende noch seine Herkunft zurückverfolgen und deuten könnte. Interessanter ist, wie er sein Material arrangiert: als ein nervöses, den eigenen Verlauf selbst ständig ablenkendes Soundwirrwarr, das mit seinen verschachtelten Schichten, Ebenen und Brüchen jene Informationsüberflutung reflektiert, der man im Internetzeitalter permanent ausgesetzt ist.

„Until The Quiet Comes“ ist nach dem sperrigen Größenwahn von „Cosmogramma“ nun deutlich zugänglicher geworden. Flying Lotus’ viertes Album klingt geradezu wie ein Gegenentwurf, obgleich sich nichts an seiner digital-modernistischen Vorgehensweise geändert hat, nur das Thema ist ein anderes. Eine Collage aus „Träumen, Schlaf und Wiegenliedern“ habe er beim Produzieren im Sinn gehabt, so Steven Ellison. Tatsächlich ist ihm dergestalt nach der großen eine sympathische, kleine Konzeptplatte gelungen, ein tiefenentspanntes Album der Nacht, das weite Räume hörbar macht, bewusst Leerstellen setzt, durchzogen von samtenen Rhodesorgeln, runden Fusionbässen und weltenthobenen Streichersätzen. Ellisons vormalige Jazz-Anleihen sind zwar immer noch da, doch deren Momente des Brachialen und Anarchischen sind weit in den Hintergrund gerückt.

Dafür ist jetzt genug Platz entstanden, um drei Gastsängerinnen (Erykah Badu, Niki Randa und Laura Darlington) raumgreifend obgleich angenehm selbstvergessen vor sich hin chansonieren zu lassen, und selbst das synkopische Geklacker und die gelegentlich aufgefahrenen Dubstepbässe wirken etwas schüchtern, als wolle Flying Lotus den sonischen Reisenden auf seinem Nachtflug auf keinen Fall ins Trudeln geraten lassen. Mit Free Jazz hat das nichts zu tun. Dafür erinnert Flying Lotus nun in manchen Momenten – und das zum ersten Mal überhaupt – an Loungemusik, also an ein akustisches Beruhigungsmittel. Vielleicht würde Steven Ellison diese Bezeichnung gar nicht stören. Auch Narkotika wirken ja manchmal bewusstseinserweiternd.

Flying Lotus: „Until The Quiet Comes“ ist bei Warp erschienen. Konzert: 8.11., 22.30 Uhr, Gretchen Berlin.

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