Erhaben aufgehoben : Die Menschheit strömt ins Museum

Die exquisite Blockbuster-Ausstellung "Gesichter der Renaissance" zog 2011 Massen ins Museum. Doch wohin strömen die Menschen eigentlich und warum?

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Massen im Museum.
Massen im Museum.Foto: dpa

Wer bietet mehr? 8,8 Millionen Besucher hat der Louvre im vergangenen Jahr gezählt, ein neuer Weltrekord. Kein anderes Museum kann da mithalten. Die meisten Mona-Lisa-Liebhaber kamen übrigens aus den USA und Brasilien. Chinesische Touristen stehen in der Pariser Statistik auf dem fünften, die Deutschen auf dem siebten Rang.

Aber nicht nur in der französischen Hauptstadt feiern die Museen traumhafte Zuwachsraten. Die Bundeskunsthalle Bonn meldet mit 700 000 Besuchern ein Spitzenergebnis. Für die „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bode-Museum bildeten sich dramatisch lange Schlangen und lange Gesichter. Der Ansturm auf die eher kleine, wunderfeine Ausstellung war mit einer Viertelmillion Besuchern am Ende so groß, dass er in Frustration umschlug: bei denen, die es nicht zur „Dame mit dem Hermelin“ schafften. 800 000 Menschen kamen zu den „Geretteten Göttern von Tell Halaf“ auf die Museumsinsel, das Panorama von Pergamon ist ein Publikumsmagnet, und Ende Januar eröffnet dort die Schau „Roads to Arabia“. Rekordverdächtig auch Gerhard Richter, dem die Neue Nationalgalerie im Februar eine Retrospektive widmet.

Es ist vor allem das sehr Teure und das exquisite Alte, das Hochberühmte und Geheimnisvoll-Versunkene, was die Massen anzieht – der Name eines halb göttlichen Künstlers oder eines großen Reichs. Wenn Ende 2012 im Neuen Museum „100 Jahre Nofretete“ gefeiert wird, sollte man sich warm anziehen – oder online buchen. Je mehr Menschen in die Museen drängen, je breiter das Interesse und je größer die Verbreitung der Bildungsgüter, desto knapper werden sie für den Einzelnen wieder.

Die "Dame mit dem Hermelin" lockte 2011 mehr als 800 000 Besucher.
Foto: dpa

Die meisten dieser Welt-Gehäuse entstanden im späten 18. und im 19. Jahrhundert, während der großen Globalisierungswellen und technischen Umwälzungen. Die Sammlungen sollten Machtwillen, nationale Stärke demonstrieren. In volatilen Zeiten strahlt das Historische etwas Beruhigendes aus. Man fühlt sich erhaben, aufgehoben. Vergangenes lässt sich besser inszenieren, leichter überschauen als Gegenwart. Und wenn es eine Flucht ist, dann nach vorn: Die Menschheit strömt ins Museum, jetzt umso mehr, um künftige Untergänge vorzuschmecken.

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