Erinnerung an Horst Buchholz : Der große Schweiger

Er wurde in Neukölln geboren, galt als deutscher James Dean und stieg auf zum Hollywoodstar. Jetzt feiert eine Biografie Horst Buchholz, der vor zehn Jahren starb

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Horst Buchholz - Mein Papa, 2005: Die Szene aus einem privaten 8mm-Film zeigt den Schauspieler Horst Buchholz mit seinen beiden Kindern Christopher und seiner Tochter (1964), die inzwischen Simran Kaur Khalsa heißt. Einige Monate vor seinem Tod im Jahr 2003 stellte sich Horst Buchholz den Fragen seines Sohnes Christopher und damit dessen Versuch einer Annäherung. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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18.04.2013 12:20Horst Buchholz - Mein Papa, 2005: Die Szene aus einem privaten 8mm-Film zeigt den Schauspieler Horst Buchholz mit seinen beiden...

Die interessantesten Filme sind womöglich diejenigen, die niemals gedreht wurden. Zum Beispiel: „La morte de Belle“, nach einem Roman von Georges Simenon. In der Hauptrolle: Horst Buchholz als junger Lehrer, der zu Unrecht als Mörder verdächtigt und dann so lange drangsaliert wird, bis er tatsächlich einen Mord begeht. Erika Mann hat dem Schauspieler den Stoff 1957 in einem Brief vorgeschlagen, als er gerade mit der Verfilmung der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach dem Roman ihres Vaters Thomas Mann einen Triumph feierte. „Ernstlich, mein Kleiner“, schrieb sie, „die Geschichte ist hervorragend, äußerst zwingend entwickelt und müsste, wie ich zuversichtlich meine, Ihnen vortrefflich zu Gesichte stehen.“

Horst Buchholz ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Die Hauptrolle in dem Film „Die Halbstarken“ hat ihn berühmt gemacht, und im „Starometer“, der von der Zeitschrift „Star-Revue“ vierteljährlich ermittelten Rangfolge der beliebtesten deutschen Schauspieler, ist er bereits von Platz 33 auf Platz 17 geklettert. Man kann ihn sich gut vorstellen in der Rolle eines Mörders wider Willen. Obsessive, ins Manische driftende Figuren liegen ihm. In „Herrscher ohne Krone“ war er als verrückter dänischer König zu sehen, und die Musterungsszene im „Krull“, in der er zuckend, stotternd, hackenschlagend einen Epileptiker simulierte, gilt als sein Paradestück. Doch aus dem Simenon-Film wird nichts.

Die eigentliche Pointe der Episode, die der Filmhistoriker Werner Sudendorf in seiner schönen, gerade erschienenen Buchholz-Biografie referiert, findet sich im Abschiedsgruß. Erika Mann beendet den Brief mit „Leben Sie wohl, freuen Sie sich des Lebens und der jungen Damen (und so weniger Herren wie möglich!) und seien Sie aufs Innigste gegrüßt.“

Horst Buchholz war ein Star, aber er war auch ein Außenseiter. Noch im Jahr 2000, als er der „Bunten“ bekannte: „Ja, letztlich bin ich bisexuell“, sorgte er für entrüstete Boulevardschlagzeilen: „Der Frauenheld liebt auch Männer.“ Doch 1957 hätte eine solche Offenbarung ganz andere Konsequenzen gehabt. Homosexualität war strafbar, sie wurde nach § 175 des deutschen Strafgesetzbuches juristisch verfolgt. So ist Erika Manns Ratschlag an Buchholz, sich mit möglichst wenig „Herren“ einzulassen, wohl auch eine Warnung gewesen.

Werner Sudendorf, Leiter der Sammlungen des Berliner Filmmuseums und Autor einer exzellenten Marlene-Dietrich-Biografie, präsentiert viele solche Archivfunde. Er hat den in seinem Museum aufbewahrten Nachlass des Schauspielers akribisch aufgearbeitet und konnte auch auf Aufzeichnungen von Gesprächen zurückgreifen, die Buchholz mit seiner Ehefrau Myriam Bru und seinem Sohn Christopher geführt hat. Christopher Buchholz hatte in seinem anrührenden Dokumentarfilm „Horst Buchholz ... mein Papa“ den bereits vom Tod gezeichneten Vater zu seinem Leben befragt und dessen beharrliches Schweigen ausgehalten.

„I don’t really like to talk“ – dieses Zitat ist dem Buch als Motto vorangestellt. Buchholz war ein großer Schweiger, die sphinxhafte Rätselhaftigkeit gehörte zu seiner Aura. Seine Frau empfahl ihm, zum Psychiater zu gehen. Das, was „drinnen“ sei, müsse heraus. Buchholz weigerte sich und entgegnete: „Das ist mein Talent. Ich hole das, was ich drinnen habe, nur raus, wenn ich drehe.“

Der Mann, den die Berliner später „Hotte“ nennen sollten, wird vor achtzig Jahren, am 4. Dezember 1933, im Krankenhaus Neukölln geboren. Er ist ein uneheliches Kind, seine Mutter, eine Stenotypistin, unternimmt vor der Niederkunft einen Selbstmordversuch, aus Scham wegen der „Schande“. Horst wächst bei Pflegeeltern auf und kommt als 5-Jähriger wieder zu seiner Mutter, die inzwischen einen Schuhmachermeister geheiratet hat. Diesen Mann hält Horst für seinen Vater. Erst als Teenager erfährt er den Namen seines tatsächlichen, gerade gestorbenen Vaters. Eine traumatisierende Erfahrung, Sudendorf spricht von einer „Täuschung“.

Rührt daher der ernste Zug im Gesicht des Schauspielers, das so fein geschnitten und ewig kindlich wirkt, dem das Alter nichts anzuhaben scheint? Der vaterlose Buchholz macht als Rebell Karriere im Kino der jungen Bundesrepublik, er steht, so Sudendorf, für den neuen Typ des „jungen, attraktiven Fremden“. In „Die Halbstarken“ spielt er einen Jugendlichen, der gegen die Welt der Erwachsenen aufbegehrt, sich mit dem eigenen Vater und der Polizei anlegt, einen Postwagen überfällt, am Ende aber davor zurückscheut, seine Pistole zu gebrauchen. Der Film findet sogar in den USA einen Verleih, unter dem Titel „Teenage Wolfpack“. Und der Produzent von „Die Halbstarken“, Wenzel Lüdecke, wird zum Liebhaber und Lebensgefährten des Hauptdarstellers. Für ein, zwei Jahre zieht Buchholz in Lüdeckes Villa.

Horst Buchholz hat etwa ein Dutzend Filme gedreht, die für die Unsterblichkeit genügen. Filme wie die Paris-Romanze „Monpti“ mit Romy Schneider, Hardboild-Krimis wie „Nasser Asphalt“ oder „Tiger Bay“, die B.-Traven-Adaption „Das Totenschiff“, in Hollywood dann den Western „Die glorreichen Sieben“ und Billy Wilders Jahrhundertkomödie „Eins, zwei, drei“. Auf die Rolle des Rebellen, des „deutschen James Dean“, ließ er sich nicht festlegen. Er wechselte die Genres und bemühte sich nicht, ein Image aufzubauen. „Er wollte Schauspieler sein, kein Typ“, konstatiert Sudendorf.

Bei der Wahl seiner Stoffe agiert Buchholz mitunter erratisch. Federico Fellini, der ihn für „La dolce vita“ anfragt, erteilt er ebenso eine Absage wie Visconti, der ihn für „Rocco und seine Brüder“ und „Der Leopard“ haben will. Die Ablehnung begründet er später damit, dass Visconti ihn um ein Foto in Badehose gebeten habe. Die Rolle von Omar Sharif im Wüstenepos „Lawrence von Arabien“ entgeht Buchholz, weil Billy Wilder ihn mehr als ein Jahr lang für „Eins, zwei, drei“ blockiert.

In den siebziger Jahren beginnt der Abstieg. Buchholz will Regie führen, schreibt ein Drehbuch nach dem Roman „Bockshorn“ von Christoph Meckel, doch die Finanzierung scheitert. Es folgen Fernsehauftritte, Trashfilme, Alkoholprobleme. In „Mörderbienen greifen an“ muss er in einem luftdichten Ganzkörperanzug agieren. „Das war nicht gefährlich, nur anstrengend und für einen Schauspieler nicht gerade befriedigend“, kommentiert Sudendorf sarkastisch.

In den neunziger Jahren kehrt der Schauspieler, der in Paris, New York, Rom und Los Angeles gelebt hatte, nach Berlin zurück. Er wohnt in einem Apartment am Kurfürstendamm, arbeitet kaum noch und wird immer dünner. Die „B.Z.“ titelt: „Hotte, gib jetzt bloß nicht auf!“ Vor zehn Jahren, am 3. März 2003, stirbt er an den Folgen einer Lungenentzündung. Beerdigt wird Horst Buchholz auf dem Waldfriedhof an der Heerstraße, gekleidet in seinen weißen Pelzmantel, in der Tasche eine Schachtel Zigaretten.

Werner Sudendorf: Verführer und Rebell. Horst Buchholz – Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2013, 318 S., 22,99 €.

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